Gesellschaft für einen halben Tag

Die von Theomix übernommene Stöckchenfrage lautet:
Mit welchen zehn Menschen würdet ihr gerne eine Nacht bei Wein und Gespräch verbringen?
Ich wandle sie um; die Zeit von Mittag bis Mitternacht ist mir lieber.

Sappho
Dir möchte ich gerne zuhören, wenn du mir vom Leben in dem Dichterinnenkollektiv von Lesbos erzählst. Alles möchte ich hören, Klatsch und Tratsch ebenso wie die Beschreibung der gemeinsamen – oder auch einsamen – Arbeit. Vielleicht werden wir auch gemeinsam über deine Rezeption in der Malerei des 19. Jhs. herziehen.

Seneca
Von dir wüßte ich gerne, wie deine heute unbekannten Zeitgenossen deine Ideen aufgenommen haben. Auch, wie du zu den heutigen Problemen von Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung stehst. Vielleicht wird das Gespräch nicht ganz einfach, weil ich nie und nimmer ein Stoiker werde. Aber ich glaube doch, ich könnte mit dir gut plaudern.

Jesus
Du hast immer eine besondere Gabe gehabt, das Gespräch in die richtige Richtung zu lenken. Ich vertraue darauf, daß das auch jetzt noch so ist. Nur eine Frage habe ich. Wie die Kirchen dich sehen, weiß ich – und wie siehst du selbst dich, Rebbeleben?

Judas
Dich frage ich, wie du Jesus damals gefunden hast und warum es so schrecklich schief gelaufen ist. Es ist sicher nicht einfach gewesen, die Kasse von so sorglos großzügigen Leuten zu verwalten. Was hältst du eigentlich von Johannes dem Evangelisten? Und wie definierst du ein gutes Leben?

Archipoeta
Deine unbekannten Lieder möchte ich hören und niederschreiben! Und wie war das Vagantenleben in Deutschland und Reichsitalien? Wie war Rainald von Dassel als Auftraggeber und Mäzen? Und für wen hast du noch gesungen?

Barthold Heinrich Brockes
Mit Euch machte ich am liebsten einen ausführlichen Spaziergang durchs Grüne; ein Proviantkorb wäre dabei. Ein Gespräch zwischen uns beiden Natur- und Lyrikbegeisterten ergäbe sich von selbst.

Friedrich Schiller
Mit Ihnen möchte ich über Philosophie, Ästhetik und Erziehung plaudern. Außerdem möchte ich Sie fragen, was Sie sich eigentlich gedacht haben, als Sie 1797 an Goethe schrieben:

Ich muß mich doch wirklich darüber wundern, wie die Weiber jetzt, auf bloß dilettantischem Wege, eine gewisse Schreibgeschicklichkeit sich zu verschaffen wissen, die der Kunst sehr nahe kommt.

Annette von Droste-Hülshoff
Mit Ihnen stelle ich mir ein Gespräch vor über unsere Lieblingsdichter sowie ein gemeinsames Lästern über den Kitsch. Wir könnten herzinnig über Straube herziehen, und ich läse Ihnen Gedichte von Sarah Kirsch vor.

Mein Großvater väterlicherseits
Du bist gestorben, als mein Vater ein kleiner Junge war. Dich möchte ich gerne über dein Leben in Darkehmen, Ostpreußen ausfragen.

Mein Vater
Eine lange Plauderei über dein Leben, über Gartenkunst und Architektur, über Kunstgeschichte und Kunstgegenwart, über Gedichte und was uns sonst noch interessiert, ohne irgendwelche im Hintergrund drohenden Termine, wäre gut.

Wer das Stöckchen haben will, mag es nehmen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Gesellschaft für einen halben Tag

  1. Liisa schreibt:

    Eine beeindruckende und sehr sehr interessante Liste hast Du da zusammengestellt. Bei einigen der Gespräche wäre ich dann gerne als Mäuschen mit dabei! 🙂

  2. Violine schreibt:

    Das ist ja ein interessantes Stöckchen? Aber ob mir zehn Leute einfallen würden?

  3. Violine schreibt:

    Wegen Dir und Deinem Stöckchen habe ich heute eine Anfrage an die alte Kirchengemeinde meiner Tante, die seit Jahren im Altersheim ist mit Alzheimer, gestellt.
    Ich möchte gar zu gerne mehr über sie und ihr Leben wissen. Und irgendjemand in der Gemeinde – vielleicht sogar der Pfarrer selbst – hat sie sehr gefördert, denn vor ungefähr zwanzig Jahren hat sie auf einmal sehr aufgebaut.

    Na, mal sehen, was rauskommt.

    Und bei ihren Geschwistern kann ich nicht fragen, weil meine Tante eine Person war, die in ihrer Familie – zu Unrecht – einfach nicht geschätzt wurde.

  4. learsander schreibt:

    Ein sehr schönes Stöckchen und eine interessante und gute Wahl! Vor allem mit Jesus würde ich mich auch gerne einmal an einen Tisch setzen.

    Ich denke, ich werde dieses Stöckchen bei Gelegenheit aufnehmen. 🙂

  5. Sven schreibt:

    Spannende Aufzählung.
    Mich interessiert dein Großvater väterlicherseits und eure Gespräche.
    Ist deine Familie vor dem Krieg nach Berlin umgesiedelt, oder durch Kriegswirren dort gestrandet ?

    Wir beiden sind fast ein Alter.

    Grüße Sven
    Vater und Großvater aus Pillau, Ostpreußen

    ( PS: Ich tauche noch manchmal mit meinem Eulenbild in deinem Blog auf. Das ist ein Versehen und soll keine Verwirrung stiften. Die Eule ist tot.)

  6. Claudia schreibt:

    Lieber Sven,
    meine Eltern sind erst in den 50er Jahren von Hamburg nach Berlin gezogen. Meine Großmutter väterlicherseits und ihre drei Kinder waren auf verschiedenen Wegen nach Hamburg gekommen. Aber ich weiß nicht allzu viel darüber. Und der Großvater war schon vor dem Krieg gestorben.
    Liebe Violine,
    ich zweifle nicht, daß Dir auch zehn Wunsch-Gesprächspartner einfallen! Wenn Du einfach an die Dinge denkst, die Dich am meisten interessieren, geht das schnell.
    Liebe Liisa,
    bei interessanten und leider für immer fiktiven Gesprächen unerkannt lauschen – was für eine spannende Vorstellung!
    Lieber Learsander,
    ich freue mich schon auf Deine Bearbeitung des Stöckchens.

  7. Sven schreibt:

    Das Stöckchen habe ich weitergeführt.

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