Meine Todsünden

Als Dichterin muß ich mich um die Imagepflege kümmern, muß irgendetwas Verruchtes, Sündiges an mir haben – sonst nimmt die Welt, die Schlampe, mich nicht wahr.
Weil Fett alleine in dieser Beziehung nicht viel hermacht, habe ich mich – passend zur Fastenzeit, in der es ja um innere Einkehr geht – mit den Todsünden (z.T. nur theoretisch, aber immerhin) mal ein wenig näher beschäftigt und dabei der Sonettensucht siebenfach gefrönt.

Superbia
Der Hochmut

Ich kann und weiß und habe – und ich bin
durch dieses alles mehr als andre wert.
Von mir wird noch der Klügste wohl belehrt,
in meiner Arbeit steckt der tiefste Sinn.

Was ihr dort tut, das ist doch grundverkehrt,
das köchelt so auf halber Flamme hin
und bringt der Welt nur spärlichen Gewinn –
nun gut, als Späßchen sei es unverwehrt!

Was ich beginne, bringe ich zu Ende!
Der Welt bringt Segen, was ich selbst vollende,
mit mir kann man den guten Weg beschreiten.

Ich sehe schon, ihr steht mir noch recht ferne.
Die Wege zum Erfolg zeig ich euch gerne.
Ich bin das beste Beispiel aller Zeiten.

Luxuria
Die Wollust

Was Kitzel schafft und Lust und Wohlbehagen,
was meine Haut geschmeidig jung erhält,
das ist mein Daseinszweck, ist meine Welt.
Zu leben heißt, nach Sinnenlust zu jagen!

Ich nehme jeden, der mir gut gefällt –
was soll uns unerfüllte Sehnsucht plagen?
Wir müssen uns kein Leben lang ertragen,
wir sind aufs Hier und Jetzt nur eingestellt.

Hab ich dich satt, so geh nur sang- und klanglos.
Dein Leib wird schal, dein Lieben ist belanglos.
Zu meiner Lust spür ich nach frischer Beute.

Die große Liebe geht ja doch zu Bruch,
die Ewigkeit ist nur ein dummer Spruch.
Begehren und genießen will ich heute!

Avaritia
Die Habsucht

Ich will ein Licht aus Diamantenblitzen,
die Villa und den Wagen und die Yacht,
ein neues Abenteuer jede Nacht –
will jeden Kitzel, jeden Reiz besitzen.

Ich will noch mehr! Denn Haben gibt mir Macht.
Um jeden Preis will ich die höchsten Spitzen –
ich will, und muß ich dafür Blut verspritzen,
wenn es nur meins nicht ist, hab ich nicht Acht.

Was du begehrst und brauchst, das ist mir gleich.
Ich brauche alles, was ich nur begehre,
mein Hab und Gut ist meine ganze Ehre.

Ein kampferprobter Wächter muß mir nützen
um vor der Habsucht andrer mich zu schützen,
Denn ich bin reich, das heißt: Mein ist das Reich.

Gula
Die Völlerei

Hinein mit allem, was sich essen läßt!
Verschlungen wird das Grobe wie das Feine,
gespült mit mäßigem wie edlem Weine –
es bleibe keine Neige und kein Rest.

Noch tragen die belasteten Gebeine
den Fresser knirschend auf das nächste Fest,
eh er sich träge schleppt ins warme Nest –
ein letzter Bissen folgt im Bett alleine.

Mehr Haben ist mehr Sein. Bei Tisch zu lungern
ist höchste Freude in dem kurzen Leben –
und ist nicht Nehmen seliger als Geben?

Hinein mit allem! Denn man könnte hungern
nach allem, was dem Leben angemessen –
und statt zu hungern, soll man besser essen.

Acedia
Die Faulheit

Ich bin so faul wie eine Hängematte.
Ich lungere so antriebsschwach herum,
gedankenlos und tatenlos und stumm,
mit Hirn und Muskeln wie aus grauer Watte.

Ich fühle mich bequem und warm und dumm.
Die Phantasie steht nicht mehr zur Debatte.
Die Tatkraft schwand, die ich vorzeiten hatte.
Wär es noch möglich, nähme ich es krumm.

Doch selbst das Zürnen wäre zu viel Plage.
Ich gammle friedlich durch die grauen Tage.
Die Katze streicheln will mir Arbeit scheinen.

Die Zimmerblume welkt. Ich kanns verstehen
und welke mit. Will nicht nach draußen gehen.
Ich bin so faul, ich könnte drüber weinen.

Invidia
Der Neid

Der da hat den Erfolg, der mir gebührt!
Der kann doch gar nichts! Geht kaum in die Lehre!
Der faselt Quark und scheffelt Geld und Ehre
und wird zum Dichterfürsten noch gekürt!

Ich sitz in kalter Stube und ernähre
mich von den Krümeln, die ich aufgespürt…
Und seine Werke werden aufgeführt –
man tut grad so, als ob er Künstler wäre!

Der stiehlt Ideen nicht mal dritter Klasse,
und trotzdem klingelt stets bei ihm die Kasse –
bei mir wird der Gerichtsvollzieher klopfen.

Er kann nur stümpern, aber ich kann schreiben –
und trotzdem soll ich unterlegen bleiben?
Gelingt mir niemals, ihm das Maul zu stopfen?

Ira
Der Zorn

Ich bin nicht hier, um ängstlich fortzurennen!
Ich kann und mag das Unrecht nicht ertragen!
Es ist mir gleich, was Fromme dazu sagen,
ich will mich nicht mehr Friedensfreundin nennen!

Verstand verstummt, und die Gefühle brennen.
Verdammte Meute – euch will ich erschlagen!
Ihr habt mich schikaniert mit tausend Plagen –
nun sollt ihr hängen! Lernt ihr mich nur kennen!

Ihr fresst das Land, vernichtet seine Leute!
Ich aber weiß das endlich zu verhindern –
ich schlag euch tot samt Kind und Kindeskindern.

Gerechter Zorn ist Volkes Gottesstimme!
In blinder Wut, in ungestilltem Grimme
bin ich kein Selbst, bin Teil der wilden Meute.

© Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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14 Antworten zu Meine Todsünden

  1. Sylvia schreibt:

    Das gefällt mir.

    Ich könnt pro Tag eines entwenden und Eigentlich in einen anderen Blog tun 😀

    Hm ? Mach ma das ?

  2. Claudia schreibt:

    Gerne! Du darfst das. 😉

  3. Sylvia schreibt:

    Totsünden zu bringen ist also selbst keine Totsünde.
    Aha.

    Ich fang mal mit der Habsucht an … 😎

  4. Sylvia schreibt:

    Warum ich jetzt Totsünden geschrieben habe, statt Todsünden, entzieht sich momentan allerdings meiner Kenntnis. 😕

  5. Claudia schreibt:

    Tote Sünden? Das klingt nach österlicher Verheißung. 🙂

  6. Sylvia schreibt:

    Jetzt, wo du’s sagst … 😀

  7. stefanolix schreibt:

    Dann müsste es auch wiederauferstandene Sünden geben?

  8. Claudia schreibt:

    Hmm… jetzt führt ein Tippfehler aber zu höchst sonderbaren Mutmaßungen. 😉

  9. alipius schreibt:

    Haha! Klasse!
    Fließen Dir solche Gedichte einfach so aus der Hand? Ich hätte daran ein Jahr geschrieben!
    Hochmut und Neid gefallen mir am besten (also die Gedichte jetzt, nicht die Sünden!).

  10. Claudia schreibt:

    An der Serie habe ich einige Wochen gesessen; am schwersten ist mir die Luxuria gefallen, wohl weil ich sie meist einfach nur befremdlich finde. (Ich sag jetzt nicht, was am leichtesten ging…)
    Viele meiner Gedichte kommen sehr rasch zustande, und Sonette schreibe ich seit einiger Zeit je mehr, desto lieber.

  11. learsander schreibt:

    Habe über den Einleitungssatz sehr gelacht und die Gedichte begeistert gelesen. Toll, was Ihnen da so aus der Feder springt!

  12. alipius schreibt:

    „Ich sag jetzt nicht, was am leichtesten ging…“

    LOL! Schade 😉

  13. Nils schreibt:

    Da sind sie jetzt endlich alle vereint und sehen wirklich gut aus. Sprachlich passt alles ineinander und wirkt wie aus einem Guss. Schön zu sehen.

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