Ein wißbegieriges Frauenzimmer

Vor 128 Jahren wurde Ellis Gotthardt geboren.
Ihre Eltern waren Millionenbauern in Wilmersdorf. Den in ihrer Zeit höchst ungewöhnlichen walisischen Vornamen verdankte sie ihren Großeltern, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor den Unruhen in Südwales geflohen waren.
Das aufgeweckte Mädchen fiel bereits in der Grundschule als phantasievolle Dichterin auf. Sie absolvierte das Lyzeum 1899 mit hervorragenden Noten, und ihre Eltern ließen sich überreden, der sprachbegabten Ellis (sie sprach fließend Französisch und hatte als Autodidaktin auch Walisisch gelernt) das Studium der Klassischen Philologie zu erlauben. Dies sollte in Preußen für Frauen zwar offiziell erst 1908 möglich werden, jedoch besaß Max Gotthardt als kaufmännisch kluger Landwirt ein freimütiges Verhandlungsgeschick und überzeugte den Altphilologen Hermann Diels, seine Tochter als Studentin anzunehmen.

Die Tuberculose setzte den hochfliegenden Plänen ein vorzeitiges Ende; Ellis Gotthardt mußte das Studium nach einem knappen Jahr, Ende 1901, abbrechen und war in den folgenden Jahren fast ständiger Gast in Swinemünde, das als Kurort besonders bei Berlinern einen hohen Ruf genoß.
Hier traf sich ein kleiner Zirkel humanistisch Gebildeter, der die junge Dichterin – denn als solche hatte sie schon während ihres kurzen Studiums begonnen, sich zu profilieren – als Wunderkind aufnahm. Die Treffen des Litterarischen Cercles waren ihr Trost und Inspiration, wie aus ihren Briefen und vielen Gedichten hervorgeht.
So schrieb sie 1903:

Meine geliebten Eltern!
Hier ist es, wie stets, anregend und lieblich zugleich; Luft und See sind meinem körperlichen, und die gute Gesellschaft meinem geistigen Wohlbefinden ein Seegen. Besonders liebe ich den Litterarischen Cercle, der sich hier wöchentlich trifft. Professor L., von dem ich Euch bereits schrieb, gibt meißt das Thema vor und ist trotz seines Asthmas ein immer froher, dadurch froh machender sowie überaus kluger und gebildeter Mensch. Er hat mich neulich auf sehr freundliche Weise gebeten, meine neuesten Gedichte vorzulesen, und ich bin recht stolz, daß die Herren, die alle eine Universitätsbildung genossen haben, so erfreut und wirklich angethan davon waren. (…)

Aus ihren meist in freien Rhythmen gehaltenen Gedichten spricht immer wieder die Sehnsucht nach Wissenserwerb und geistiger Freiheit. Wie sehr sie unter der Aufgabe ihres Studiums und der Krankheit gelitten hat, macht vor allem dies Gedicht deutlich:

Wissen suchte ich, mein Verstand
flog auf die Reise –
und Ach! unterbrochen
ward vom mürrischen Leib der Flug.
Nun sitz‘ ich, umgeben
von hochgelehrten Siechen,
hinfällig selbst, zur Muße
gezwungen, und sammle
Wissen wie Strandgut.

Die gute Luft und die angenehme Gesellschaft in Swinemünde waren sicher lebensverlängernd für Ellis Gotthardt, vermutlich auch ihr rastloser schriftstellerischer Fleiß –

Ich habe keine Zeit zum Sterben, ehe der Segler-Cyclus vollendet ist.

schrieb sie 1905 an eine Freundin. Aber überwinden konnte man die Tuberculose noch nicht – die Dichterin starb am 3. Mai 1906 in der Kurklinik.

Leider ist sie heute so gut wie vergessen; nicht einmal das Netz weiß etwas über sie. Meine Informationen stammen aus einem stockfleckigen Bändchen mit dem etwas großsprecherischen Titel Ellis Gotthardt. Sappho von Berlin, das kurz nach ihrem Tode erschien und neben einer Auswahl ihrer Gedichte Auszüge aus Briefen enthält. Von der Familie in kleiner Auflage produziert, ist es ein Rarissimum des Buchhandels.

Auch wenn ihr Stil zum Teil noch unreif ist, finden sich in ihrem Werk reichlich Perlen wie die oben zitierte. Ihre Briefe sind ein anrührendes menschliches Dokument und eine lebendige, mitunter bissige Beschreibung der gesellschaftlichen Crème in Swinemünde. Es wäre die verlegerische Mühe wert, Ellis Gotthardt zu dem ihr gebührenden Ruhm zu verhelfen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Ein wißbegieriges Frauenzimmer

  1. Pingback: April, April! « Mein Leben als Rezitatorin

  2. Pingback: April fool! | Mein Leben als Rezitatorin und Verlegerin

  3. Pingback: Nur ein Aprilscherz | Mein Leben als Rezitatorin und Verlegerin

Kommentare sind geschlossen.