Nur im Fluge ein Gruß

Vor 92 Jahren starb in einem der zahlreichen höchst überflüssigen Kriege ein noch kindlich wirkender Freiwilliger, der 20jährige Lyriker Otto Braun. Schon als Sechzehnjähriger schrieb er zahlreiche bemerkenswerte, von großer Begeisterung für die Antike geprägte Gedichte.

Eros

Fing mich, Eros, dein Netz,
Oder wandle ich noch
Ruhigen Schritts meine Bahn?
Oftmals sah ich dich fern,
Oft durch die Felder dich ziehn,
Oftmals fühlt ich dich nahn, –
Doch noch stets ein Entfliehn
Und nur im Fluge ein Gruß.

Von Carl Zuckmayer, Alfred Polgar, André Gide und Thomas Mann bewundert, hatte er doch nicht mehr als eines seiner Gedichte veröffentlicht gesehen – erst nach seinem Tod ließ die dritte Frau seines Vaters sein Gesamtwerk (einschließlich seiner Tagebücher, die er im Alter von neun Jahren mit erstaunlicher Sprachkraft begann) veröffentlichen.
1914 hatte er sich der allgemeinen fiebrigen Kriegsbegeisterung angeschlossen, die ihn schließlich das Leben kostete. Seine Kriegstagebücher sind ein Dokument spätpubertärer Begeisterung; da liest ein hochintelligenter, weit überdurchschnittlich gebildeter Mensch Hölderlin, Schlegel und Ricarda Huch, begeistert sich für schöne Landschaft und nimmt sich selbst übel, wenn er augenblicksweise das große Schlachten nicht vollkommen bejubeln kann.
Trotz der sonderbaren Jubelstimmung, die im Ersten Weltkrieg seuchenhaft gewirkt und mehr als einen Vernünftigen ergriffen hatte, bleibt er ein bemerkenswerter, viel zu wenig bekannter Dichter.

Wachtest du auf, mein Herz

Wachtest du auf, mein Herz, in dem Frühlingsregen,
Traf dich ein Schein durch die Nacht hellblinkenden Goldes,
Blinkenden Goldes aus der Geliebten Augen?
O es sank in der niederprasselnden Tropfen
Duftendem Flusse der Rausch und die Kraft und die Ruhe,
Sank mir der Götter und Genien und der Eroten
Jubelnder Tanz in das Herz, und ich klinge nun wieder
Wie eine Saite, berühret von zärtlichen Windes
Lieblichem Finger, ich schreite im tönenden Takte
Eigener Lieder, die dir, o Geliebte, geweiht sind,
Schön und gelassen, wie du mich, Geliebte, gelehrt hast,
Sicher hinaus auf die unbekannt harrenden Pfade.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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