Der Schlaf der Kirche

Kirche hat im wesentlichen aufgehört, sich für mich zu interessieren.

Ich interessiere mich sehr wohl weiter für sie, allerdings weniger für die real existierende als für die teils gewesene, teils hoffentlich künftige Kirche.
Das liegt daran, daß sie wesentlich aufgehört hat, ein Hort der Bildung zu sein. Sie war es vorzeiten, und wir verdanken ihr, sie verdankt sich unfaßbare Mengen an Kunst und Wissen verschiedenster Art. Sie ist es hier und da noch; noch gibt es in ihr hochkarätige Künstler, und noch gibt es Philosophen und Wissenschaftler, die sie lieben und an ihr teilhaben.
Aber ich sehe mit Grauen einen überkonfessionellen Schwund an Bildung und Wissen und auch an Interesse. Als ich meiner früheren Heimatgemeinde in Berlin-Weißensee literarische Lesungen anbot, wurde ich abgewimmelt mit der Begründung, da käme ja eh keiner. Als ich Gleiches in meiner jetzigen in Berlin-Friedenau tat, war die Reaktion ebenso. Dabei standen meine Angebote durchaus im Zusammenhang mit der Kirche und ihrer Geschichte – die Autoren, die ich vorstellen wollte, sind eng mit der Kirche verbunden.
An meiner Enttäuschung mag auch gekränkte Eitelkeit schuld sein. Aber die angeführten Absagen sind nur zwei Beispiele dafür, daß es auch in der Kirche schwierig ist, Offenheit für Sprachverständnis und Bildung zu finden.
Man kann auch ohne Literatur glauben, mögen sich die Verantwortlichen gedacht haben und dabei vergessen haben (wofern sie sich dessen je bewußt waren), daß Christentum eine Buchreligion ist, daß zudem der Verzicht auf Bildung, Kunst und Literatur die Verleugnung der letzten 2000 Jahre christlich-abendländischer Kulturgeschichte bedeutet.

Wo Sprache nicht ernst genommen wird, geschieht Gleiches auch dem Denken. Aber sprachliche Unsauberkeit in Predigten und Bibelübersetzungen (bis hin zur Vertauschung der Wörter Glück und Segen – ein Pfarrer, den ich darauf ansprach, hielt meinen Einwand, das Wort Glück komme in der ganzen Bibel nicht einmal vor, für Wortklauberei) und eine neoromantische Ablehnung argumentativer Auseinandersetzung setzen sich langsam, aber sicher durch. Für eine Schriftreligion ist das ein starkes Stück!

Einerseits erlebe ich (neben löblichen Ausnahmen) einen wachsenden Fanatismus auf katholischer wie auch – soweit mir bekannt – protestantischer Seite, der die jeweils andere Konfession am liebsten völlig vereinnahmen würde. Andererseits sehe ich auf beiden Seiten eine gewaltige Unlust, sich mit den Grundlagen von Glauben und Religion eingehend zu beschäftigen.
Besonders bei der mir wegen ihres ursprünglichen Ernstes, wegen der Gottesdienste, die alle Sinne ansprechen und damit grundsätzlich den ganzen Menschen erfüllen können, so wertvollen katholischen Kirche ärgert mich diese bildungsfeindliche und traditionalistische Haltung.
Wenn es denn wirklich die Tradition wäre, die hier beachtet wird!
Aber zur Tradition der Kirche gehört das Sammeln und Fördern von Kunst und Wissen – und genau hier hapert es ganz gewaltig, einerseits wegen rückwärtsgewandter Zeitgenossen, die alles, was irgend Künstler aller Art nach 1920 vorgebracht haben, unbesehen und ungehört für schlecht halten, und andererseits wegen jener unheimlich Progressiven, die alles, was Pinsel und Keyboard vorbringt, herrlich finden, wenn es nur nach 1962 entstand. (Beiden Gruppen sind Künstler wie der leider verstorbene, aber doch in unsere Zeit gehörende Graphiker und Glaskünstler Georg Meistermann, der Bildhauer Bert Gerresheim und der Komponist Krysztof Penderecki eher fremd.)
Damit fordere ich beileibe nicht, die zahlreichen großartigen alten Kunstwerke zu vernachlässigen. Im Gegenteil, hegen und pflegen soll man diese, Altes soll man lesen, betrachten, hören, damit man das Neue verstehen kann, und Neues kennenlernen als Fortsetzung einer langen Geschichte. Denn Kunst ist nicht eine nette Spielerei, mit der man sich beschäftigt, wenn die Freizeit dazu reicht, sondern ein lebensnotwendiger Ausdruck des Menschseins, genau wie Religion.

Zur Tradition gehört auch, daß Meinungsverschiedenheiten auf möglichst zivilisierte Weise ausgetragen und, wo das nicht möglich ist, ertragen werden (vgl. Apg. 15 u.ö.). Dem steht fanatische Rechthaberei ebenso entgegen wie eine desinteressierte Laissez-Faire-Haltung. Beides gab es zwar in der Kirchengeschichte immer wieder, aber mit traditio (Überlieferung, Übergabe von Eigentum) hat es nichts zu tun – viel eher mit tradere i.S.v. verraten, preisgeben.

Kirche war in ihren Anfängen nicht nur erfolgreich, weil sie Wahres kündete, sondern weil sie es mit den modernsten Mitteln tat. Von Gschaftlhubern und Traditionalisten wurde sie damals abgelehnt. In der ganzen Kirchengeschichte bis zum frühen 20. Jahrhundert wurde von ihr immer die modernste Kunst freudig unterstützt – und meistens, trotz gelegentlichem Unverständnis ihrer Werke, gerade die Besten ihres Faches in allen Künsten. Erst im 20. und 21. Jh. begann die Kirche, die zeitgenössische Kunst zu verachten.

Die Kirche, die ich in meinem direkten Umfeld kennenlerne, will ihre Ruhe haben. Die Gemeindetreffen bewegen sich zwischen Kaffee, Kuchen und Knüttelversen; der reiche Schatz der Geschichte, die Vermählung von Glauben und Wissen und die Kultivierung der Gegenwart sind unerwünscht.

Damit unterscheidet sich die Kirche – die ich zähneknirschend liebe, ohne daß sie davon wissen will – nicht mehr grundsätzlich von der Welt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Der Schlaf der Kirche

  1. theomix schreibt:

    Sehr aufschlussreich zu lesen. Und: von der resignation hin zum engagement (wozu ich das bloggen zähle…)
    Sieht es hier bei uns (ich spreche nur für die eigene, ev. gemeinde) besser aus? Unsere angebote sind kaffee, kuchen und anderes (eher C. Morgestern statt knüttelchen 😉 ).
    Aber wer kulturelles anbietet: Da gibt es möglichkeiten. Leider ist der weg zu weit für konkrete angebote.

  2. Claudia schreibt:

    Ich halte Morgenstern für einen ganz großen Dichter. Allerdings fürchte ich, sollte ich in einer beliebigen Berliner Gemeinde gleich welcher Konfession mit den Galgenliedern loslegen, wäre allgemeines Befremden die Reaktion. 😉

  3. Patricia schreibt:

    Ein schöner Beitrag, Claudi! Sehr wahr.

  4. alipius schreibt:

    Sehr gut! Danke!

  5. Claudia schreibt:

    Holla… von Dir ein Lob hierfür?
    Klasse. 😉

  6. alipius schreibt:

    Was denn…?
    Ist mein Ruf schon so schlecht ;-)…?

  7. Claudia schreibt:

    Nö – aber meiner. 😉
    Immerhin sind wir über einiges in der Kirche durchaus geteilter Meinung. Zum Glück haben wir es allerdings immer geschafft, diese geteilte Meinung nach obengenanntem Rezept auf friedliche Weise zu haben.

  8. regina schreibt:

    Gelesen und gedacht:Ach, einer Anderen gehts ähnlich? Ich bin gescheitert -bedrängt von den Kaffeetanten meiner Gemeinde- an rigider Trägheit und demonstrativem Desinteresse. Ich halte mich an Dominik Terstriep SJ, und seine Einschätzung:
    „Wie hält man es mit dem Vielen aus, mit einer Unzahl von Informationen, Ansprüchen, Wahrheiten und Optionen? Indifferenz reagiert auf das Viele: strategisch als kühles Spähen, kalt als unempfindliche Gleichgültigkeit, menschlichgeistlich als gastfreundliche Offenheit, leidenschaftlich als Wahl des als richtig Erkannten.“ ( Dominik Terstriep SJ, „Indifferenz“, Eos Verlag)

    Halte also meine jüngst erfolgte Promotion in Philosophie in der Gemeinde weiter tunlichst verborgen, jage nach Literatur, Musik, zur Zeit Max Reger und liebe katholische Kirche, still und innig.

  9. Claudia schreibt:

    Dank für diesen Buchtip – das klingt ja sehr spannend.
    Im übrigen: Reichen wir uns virtuell die Hände.

Kommentare sind geschlossen.