Eine Frau auf Reisen

Frederika Bremer

Vor 209 Jahren wurde Frederika Bremer als zweites von sieben Kindern geboren. Die Bremers waren äußerst wohlhabend, was ihren fünf Töchtern und zwei Söhnen aber kein Glück brachte. Die Kinder wurden in einer Weise zu Genügsamkeit und Gehorsam erzogen, die bei allen Unterernährung und Kleinwüchsigkeit zur Folge hatte; fünf der Geschwister starben früh. In luxuriöser Umgebung wurden die Kinder wie teure Käfigtiere gehalten; die Mädchen lernten Klavierspielen und Sticken, durften aber kaum einmal spazieren gehen (geschweige denn selbständig denken).

Frederika wurde zur Rebellin, indem sie schrieb – zwar zunächst recht zahm, aber mit zunehmendem Alter immer weniger angepaßt. Von 1849 bis 1851 bereiste sie alleine Nordamerika und Kuba und berichtete darüber in Briefen an ihre Schwester Agatha. Möglicherweise plante sie schon auf der Reise die Herausgabe dieser Briefe – jedenfalls geschah das sehr bald nach ihrer Rückkehr. Agatha traf sie leider nicht mehr an – die Schwester hatte kurz zuvor mit nur 43 Jahren die traurige Reihe der fünf toten Geschwister vollendet.

Frederika Bremer setzte sich für das Frauenwahlrecht ein und geißelt in ihrem Reisebericht mit klaren und engagierten Worten die Sklaverei. Kein Mensch ist ihr gleichgültig; sie lobt reformerische Ansätze im Justizvollzug und in der Behandlung Geisteskranker und setzt sich mit ungewohnten Formen des Zusammenlebens auseinander, die sie in religiösen Gemeinschaften fand, lobt deren Friedfertigkeit, tadelt die patriarchalische Struktur.

Durch Nordamerika und Kuba ist nicht nur ein spannendes Zeitdokument, versehen mit einem hervorragenden Vorwort des Herausgebers Detlef Brennecke und mit sehenswerten Illustrationen der Autorin. Es ist für mich ein zeitloses Dokument der Menschlichkeit, die sich trotz erlebter und gesehener Unterdrückung durchsetzt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Eine Frau auf Reisen

  1. Sammelmappe schreibt:

    Das klingt nach einer mutigen Frau! Schön, dass du sie uns vorstellst.

  2. Pompous Ass schreibt:

    Also eine Zeitgenossin von Ida Pfeiffer, die auch von Wien aus durch die Männerwelt des Biedermeier reiste, ohne sich von Konventionen allzu sehr einengen zu lassen.

  3. Claudia schreibt:

    Pompous Ass: Ida Pfeiffer ist ja eine interessante Frau; ich habe eben erst im Netz etwas über sie erfahren. Dank für den Hinweis!

  4. Zia schreibt:

    Es ist immer wieder toll zu sehen, daß auch Menschen, die in schwierigen Zeiten lebten und eine nicht sehr förderliche Kindheit hatten, zu herausragenden Persönlichkeiten wurden und die Welt ein bisschen zum Positiven verändern konnten. Gerade Frauen haben da im Laufe der Geschichte Großes geleistet. Ihnen blies meistens ja ein stärkerer Gegenwind ins Gesicht , als ihren männlichen Zeitgenossen. Und nicht wenige haben es tatsächlich geschafft, – allen widrigen Umständen zum Trotz.
    Das macht Mut und zeigt auch, daß Gesellschaftliche Konventionen und eine schwere Kindheit keine Entschuldigung für Resignation (im besseren Fall) und Destruktivität (im schlechteren Fall) sind und daß es einzig und allein darauf ankommt, dem eigenen Weg zu folgen, egal, was die anderen davon halten.
    Danke daß Du Frederika Bremer hier vorgestellt hast!

  5. Pingback: Neubeginn | Mein Leben als Rezitatorin und Verlegerin

Kommentare sind geschlossen.