Eine Unbekannte auf dem Balkon

Seit Wochen ist sie damit beschäftigt, ihr grünes Kleid mit knalligem Rosa aufzuhübschen. Ein wenig zickig ist sie, läßt sich nur schwer photographieren. Aber belesen muß sie wohl sein, denn als ich einen Band Goethe zum Hintergrund wähle statt des nachbarlichen Gärtchens, gelingen wenigstens einige Bilder.



Die Sonnenblume sieht gelassen darüber hinweg in die Ferne. Sie kennt keine Kamerascheu.

Johann Wolfgang von Goethe
Die Metamorphose der Pflanzen

Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung
Dieses Blumengewühls über dem Garten umher;
Viele Namen hörest du an, und immer verdränget
Mit barbarischem Klang einer den andern im Ohr.
Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern,
Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz,
Auf ein heiliges Rätsel. O könnt ich dir, liebliche Freundin,
Überliefern sogleich glücklich das lösende Wort !
Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze,
Stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht.
Aus dem Samen entwickelt sie sich, sobald ihn der Erde
Stille befruchtender Schoß hold in das Leben entläßt
Und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig bewegten,
Gleich den zärtesten Bau keimender Blätter empfiehlt.
Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes Vorbild
Lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt,
Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos;
Trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt,
Quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend,
Und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht.
Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung;
Und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das Kind.
Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet,
Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild.
Zwar nicht immer das gleiche; denn mannigfaltig erzeugt sich,
Ausgebildet, du siehst’s, immer das folgende Blatt,
Ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Teile,
Die verwachsen vorher ruhten im untern Organ.
Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung,
Die bei manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt.
Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche,
Scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein.
Doch hier hält die Natur, mit mächtigen Händen, die Bildung
An und lenket sie sanft in das Vollkommnere hin.
Mäßiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäße,
Und gleich zeigt die Gestalt zärtere Wirkungen an.
Stille zieht sich der Trieb der strebenden Ränder zurücke,
Und die Rippe des Stiels bildet sich völliger aus.
Blattlos aber und schnell erhebt sich der zärtere Stengel,
Und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an.
Rings im Kreise stellet sich nun, gezählet und ohne
Zahl, das kleinere Blatt neben dem ähnlichen hin.
Um die Achse gedrängt, entscheidet der bergende Kelch sich,
Der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entläßt.
Also prangt die Natur in hoher, voller Erscheinung,
Und sie zeiget, gereiht, Glieder an Glieder gestuft.
Immer staunst du aufs neue, sobald sich am Stengel die Blume
Über dem schlanken Gerüst wechselnder Blätter bewegt.
Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens Verkündung.
Ja, das farbige Blatt fühlet die göttliche Hand.
Und zusammen zieht es sich schnell; die zärtesten Formen,
Zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt.
Traulich stehen sie nun, die holden Paare, beisammen,
Zahlreich ordnen sie sich um den geweihten Altar.
Hymen schwebet herbei, und herrliche Düfte, gewaltig,
Strömen süßen Geruch, alles belebend, umher.
Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime,
Hold in den Mutterschoß schwellender Früchte gehüllt.
Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte;
Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an,
Daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge
Und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei.
Wende nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Gewimmel,
Das verwirrend nicht mehr sich vor dem Geiste bewegt.
Jede Pflanze verkündet dir nun die ew’gen Gesetze,
Jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir.
Aber entzifferst du hier der Göttin heilige Lettern,
Überall siehst du sie dann, auch in verändertem Zug.
Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig,
Bildsam ändre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt.
O gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Bekanntschaft
Nach und nach in uns holde Gewohnheit entsproß,
Freundschaft sich mit Macht aus unserm Innern enthüllte,
Und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt.
Denke, wie mannigfach bald die, bald jene Gestalten,
Still entfaltend, Natur unsern Gefühlen geliehn!
Freue dich auch des heutigen Tags! Die heilige Liebe
Strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf,
Gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem Anschaun
Sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu Eine Unbekannte auf dem Balkon

  1. alipius schreibt:

    Die Unbekante ist aber wild-schön!
    (Nicht ganz so schön, wie die Rosen im Vorposting, aber bei mir geht blumenmäßig eh nichts über Rosen…)

  2. Zia schreibt:

    Die Unbekannte sieht von hier aus nach einer Art Melde (Atriplex) aus. Die Verfärbung könnte durch Nähstoffmangel entstanden sein. 😉

  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Dank für den Hinweis!
    Aber Nährstoffmangel? Auf meinem Balkon? Kann ich gar nicht glauben – zumal alles andere ja gut gedeiht.

  4. Zia schreibt:

    Vielleicht ist sie auch einfach schon durch mit ihrem Lebenszyklus und fängt schonmal mit der Herbstfärbung an. Auf jeden Fall zeigt sie sich auf diese Weise sehr farbenfroh *gg*

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Da mir heute der Wind ein rosa-weißes Blatt vom Wilden Wein in die Küche wehte, denke ich mal, die ein oder andere Pflanze ist jetzt eben so. Ich meine, was soll sie gegen die gute Komposterde haben, die sie bei mir kriegt? – Das Rosa ist jedenfalls ganz ausschweifig.

  6. Zia schreibt:

    Ach das kann manchmal auch einfach ein Ungleichgewicht in der Nährstoffzusammensetzung sein. Ein zu hoher pH bspw. kann die Aufnahme von Eisen behindern oder Phosphatmangel äußert sich ähnlich wie Phosphatüberschuß (der in Komposten schnell mal vorkommt) usw. Eine Art reagiert dann stärker als andere… es ist ein recht komplexes Geschehen alles in allem und ohne genauere Untersuchungen oft nicht ohne weiteres zu klären. Sowas beschäftigt ganze Scharen von Ingenieuren.
    Aber bevor ich jetzt hier Vorträge halte, – es ist ja nichts weiter dabei und ich selbst schicke auch keine Kompostproben ins Labor sondern optimiere mein Verfahren nach Versuch und Irrtum. Letztlich geht es ja um nichts und das Pflänzchen ist immerhin recht interessant anzusehen. *schwafelsalbader*
    Ich wünsch Dir einen wunderbaren spätsommertag (mit vielleicht doch noch etwas Sonnenschein) 😉

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