Noch lange nicht zahnlos!

Allerdings war der heutige Kontrollbesuch beim Zahnarzt notwendig, wenn auch nicht dramatisch. Froh bin ich über moderne Zahnmedizin!
Das folgende Gedicht beschreibt eine Extraktion durch den berühmten Hamburger Wundarzt Carpser; für ärmere Leute war der Bader zuständig.

Barthold Heinrich Brockes
Der Zahn

Um grössre Schmertzen zu vermeiden,
Entschloß ich mich, daß mir ein Zahn,
Der mir bishero weh gethan,
Würd‘ ausgebrochen, zu erleiden.

Weil aber die Natur, bey starcken Gliedern,
(So ich dem Schöpfer nie durch Danck kann gnug erwiedern)
Auch starcke Zähne mir verliehn;
So schien es erst, als ob, ihn auszuziehn,
Der kluge Carpser selbst, der an Geschicklichkeit
Kaum seines gleichen kennt, sich etwas scheut‘; allein,
Weil ich darauf bestund, war er dazu bereit.

Ich nahm mir vor, die strenge Pein,
Ohn‘ alles Zucken, sonder Schreyn
Behertzt und standhaft auszustehen.
Er setze drauf den Pelican,
Den ich vorhero wohl besehen,
Mit Kraft und Vorsicht an.
Wir hielten uns im Anfang beyde gut:
Er brach; ich hielte fest, noch fester doch der Zahn.
Er knackt‘, ich wiche nicht. Doch endlich war mein Muth
Noch eher, als der Zahn, gebrochen.
Es riß ein gräßliches Gekrach,
Wodurch des gantzen Hauptes Knochen
Zu spalten schien, ein kurtz doch kläglich Ach
Mir aus der Brust. Die feurig-wilde Pein,
Der bittre Schmertz, durchdrang so Fleisch, als Bein.
Dieß splittert‘, jenes riß, jedoch, zu meinem Leide,
Kein eintzigs gantz entzwey;
Der Sehnen Zähigkeit band sie noch alle beyde.

Den meist gelösten Zahn ergriff der Artzt aufs neu‘,
Und ich, vor Unmuth Muth. Er wählt‘ aus zweyen Bösen
Das kleinest‘, und fing an, das Zahn-Fleisch abzulösen.
Ob ich nun gleich die scharfen Schmerzten fühlte,
Wie er mir dazumahl in frischer Wunde wühlte,
Wie er das Fleisch zerschnitt; so wirckete jdoch
Der noch weit grössre Schmertz, den, wie es so gekracht,
Der Bruch mir kurtz vorher gemacht,
Zusamt der Furcht, es würd‘ annoch
Dergleichen gräßliches Geknirsch von neuem kommen,
Daß ich die Pein des Schnitts, wie herbe sie auch war,
Doch nicht so gar
Empfindlich aufgenommen.

Allein,
Mit welcher Lust nahm ich, bey aller Pein,
Den Ursprung meiner Quaal, den nunmehr losen Zahn,
Aus Carpsers blut’gen Händen an!
Kaum konnte mir, ihn hin und her zu kehren,
Die Zacken anzusehn, ein kalter Schauer wehren,
Dar plötzlich mich befiel. Ich leget‘ ihn denn nieder.

Itzt aber nehm‘ ich ihn aufs neue wieder,
Beschaue seine Cron‘ und messe
Derselben Breit‘ und Festigkeit,
Beseh‘ der Wurzeln Stärck‘ und Grösse,
Betrachte die Beschaffenheit,
Wie er im Fleisch gesteckt,
Und werde nun so gar
Dadurch, weil etwas Fleisch daran geblieben war,
Wie eine Haut annoch den gantzen Knochen deckt,
[548] Erstaunt gewahr, woraus gantz klar erscheinet,
Auf welche Weise Fleisch und Knochen sich vereinet.

Es zeiget mir der Rest
Von einer Sehn‘, auf welche Weise
An dieser zarten Haut so Fleisch, als Sehne, fest;
Doch geht sie nur so weit, als im Gehäuse
Der Zahn vorher gesteckt. Dieß stellt mir nun von neuen
Ein weises Wunder dar; es scheint absonderlich
So künstlich zugericht’t, damit die Haut nicht sich
Verschöb‘ und nicht verletzet würd‘ im Käuen.

Noch mehr, es kann in der Natur
An freyer Luft ein Knochen nicht bestehen:
Daher wir denn, o Wunder! sehen,
Wie eine künstliche besondere Glasur,
Die ihn so zieret, als ihm nützet,
Den Zahn von aussen deckt und schützet.

Daß aus des Kiefers fester Lade
Man Zähne hebet sonder Schade,
Und daß die Wunden, ohn‘ Verwilen
Und fern’re Schmerzten, Wieder heilen;
Ist auch ein grosses Glück.

Je mehr ich nun auf unsre Zähne mercke,
Je mehr find‘ ich ihnen Wunder-Wercke.

Daß unsre vord’re Zähn‘ im Munde
Die dünnsten, scharf und schneidend seyn;
Da hat vermuthlich dieß zum Grunde,
Und gibt es selbst der Augen-Schein:
Damit die Speisen desto besser,
Ja gleichsam als mit einem Messer,
Dadurch geschnitten werden können.

Bewundernd seh‘ ich auch die andern Spitzen,
Die nahe bey den ersten sitzen,
Und die wir Hunde-Zähne nennen.
Durch diese wird, was zäh‘, ereilet,
Zerdrückt, zermalmt, zertheilet.

Ist dieses nicht Weisheit gnug;
So lasst uns auch die Backen-Zähn‘
Und ihre sond’re Form besehn!

Daß wir bequemlich und mit Fug
Das essen
Zermahlen können, reiben, pressen;
Sind diese nicht nur platt und breit,
Nein zu besond’rer Nutzbarkeit,
Mit kleinen Tiefen und mit Höhn
Recht wunderbar versehn.

Wenn nur allein die scharf- und spitzen Zähne hinden,
Die breiten forn, im Munde stünden;
Wie mühsam würd‘ alsdann uns allen
Das itzt so leichte Käuen fallen!

Bewund’re doch, o Mensch, dieß Wunder! stell‘ es dir
Dem Schöpfer, ders gemacht, zum Ruhm, doch öfters für!
Bey jedem Bissen freu‘ dich Seiner Güte,
Und weil er ja für das, was Er beschert,
Nichts, als ein fröhlichs Hertz, begehrt,
So opfer‘ Ihm ein danckbares Gemüthe!

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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