Wegwerfgesellschaft

Wenn irgendetwas zum größten Teil noch heil ist und nur ein kleines Stück davon kaputt, kann man in der Regel reparieren. Einen Knopf annähen, einen Riß zunähen oder flicken, ein Loch stopfen – das sind Dinge, die man leisten kann. Bei einer Störung der Gastherme sollte man sich, wenn man das nicht in einer Ausbildung gelernt hat, keinesfalls selbst an die Reparatur begeben, aber auch hier ist häufig möglich, ein kleines Teil auszutauschen. Auch ein Fahrrad oder Auto muß nicht gleich weggeworfen werden, weil es nicht mehr gut fährt – eine Reparatur, im Falle des Fahrrades häufig vom Besitzer zu bewältigen, ist oft ausreichend.

Bei zahlreichen Haushaltsgeräten vom Küchenmesser bis zum Wasserkocher ist das Reparieren heute teurer als Neukauf. Messerspitze abgebrochen? Man könnte einen Scherenschleifer beauftragen. Topf undicht? Kesselflicker gibt es nicht mehr, aber in einer Schlosserwerkstatt könnte man das richten. Nur leider ist die Anschaffung eines neuen Messers oder Topfes nicht nur einfacher, sondern meist auch billiger als die Reparatur. Bei elektrischen Kleingeräten gilt das regelmäßig.
Selbst bei Kleidung ist unter Umständen die Garnrolle in der richtigen Farbe teurer (und aufwendiger zu beschaffen) als ein neues Hemd. In den fünfziger Jahren gab es noch Reparaturwerkstätten für Seidenstrumpfhosen; hier ist längst der Neukauf erheblich günstiger als das Reparieren von Laufmaschen. Im Versicherungsfall wird bei Geräten, die nicht sehr teuer sind, die Reparatur gar nicht mehr angeboten; wenn ich ein versichertes kaputtes Gerät reparieren lasse, zahlt die Versicherung nicht, wenn ich es wegwerfe, zahlt sie sofort.

Auf diese Weise wächst nicht nur ein Müllgebirge, das bald einen wesentlichen Masseanteil dieses Planeten ausmachen wird; zugleich schwinden Fähigkeiten. Kessel flicken kann vermutlich nur noch ein Kunstschmied mit Zusatzausbildung zum Restaurator; wie man Flicken aufsetzt, weiß bald nur noch der Kostümschneider. Reparaturen können sich schon jetzt in vielen Fällen nur wohlhabende Menschen leisten, Ärmere müssen neu kaufen. Ich sehe keine Möglichkeit, diese unsinnige Entwicklung aufzuhalten. Es wird immer mehr Arme geben – das ist kaum noch zu vermeiden. Damit wird ein immer weniger schonender Umgang mit Dingen einhergehen, weil Wegwerfen und neu Kaufen das ist, was man sich noch gerade leisten kann. Reparatur wird zum Privileg für Reiche; möglicherweise werden bald sichtbare Flicken auf Kleidern und Kesseln zum Statussymbol.

So gut ich es kann, will ich so tun, als wäre ich eine Reiche dieser Zukunftsvision. Brotsuppe aus Altbrot (übrigens, wenn man sie zu kochen versteht, wirklich lecker) ißt im Märchen immerhin der König.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Wegwerfgesellschaft

  1. Frau Sterntau schreibt:

    Ich habe vor einiger Zeit feststellen müssen, dass ich ein Exot bin, weil ich Löcher in Socken stopfe und abgefallene Knöpfe annähe. Mit dieser Offenbarung erntete ich oft verwunderte Blicke. Ja nun, ich werfe doch nicht weg, was mir lieb und teuer ist, wenn ich es mit ein klein wenig Mühe wieder herrichten kann.
    Mobiltelefone werden heutzutage ja auch pausenlos entsorgt, bei den meisten alle zwei Jahre. Jetzt trage ich ein benutztes auf, vorher nutze ich eines über vier Jahre lang, bis es einem Elektronikschaden unheilbar erlag.
    Verwandte kauften sich letztens einen neuen Fernseher, obwohl der alte noch heil war. Das verstehe ich bis heute nicht (zumal so ein Fernseher bei mir sowieso den Status des überflüssigsten Gegenstandes innehat).

    Ich finde es auch sehr traurig, was heute alles weggeworfen wird, zumal ich es bis vor 20 Jahren ganz anders kennengelernt habe. Damals hat niemand einfach so entsorgt, denn alles musste mühsam angeschafft werden, es gab keinen Überfluss. Ich bin froh, wenn alle Dinge so lange wie nur möglich funktionieren und brauchbar sind und das trotz des Überflusses, der mich zunehmend anödet, ich gebe es zu…

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich freue mich immer, wenn ich erfahre, daß hier und da noch jemand repariert. Bei Dir patentem Menschen hatte ich es allerdings auch nicht anders erwartet. 😉

  3. stefanolix schreibt:

    Kurze Antworten: Knöpfe kann ich noch annähen, aber meist tut das meine Frau. Einen Fernseher gibt es nicht. Das Mobiltelefon habe ich jetzt seit mindestens sechs Jahren (ich nutze es aber wirklich kaum, eigentlich nur zur Sicherheit, falls ich mich irgendwo melden muss). Meine Socken (und eigentlich viele andere Kleidungsstücke) kaufe ich so, dass sie möglichst lange halten, aber dann werden sie auch nicht mehr gestopft. Da achten wir doch auf das Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen.

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Ja, meine Leser – die sind noch vom achtsamen Schlag. 😉

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