Mehr Dichter als Pfarrer

Heute vor 206 Jahren wurde Eduard Mörike geboren. Sein Theologiestudium beendete er mit mäßigem Erfolg, und seine Arbeit als Pfarrer war ihm weit mehr Brotberuf als Berufung; seine Frühpensionierung aus gesundheitlichen Gründen hat er wohl kaum als Scheitern eines Lebenstraumes empfunden. Mit Begeisterung widmete er sich der Übersetzung aus dem Altgriechischen und Lateinischen und verfaßte Gedichte und Novellen in allen Tonarten, Märchenhaftes, Mythisches ebenso wie Realistisches, fröhlichen Spott ebenso wie zärtliche Naturbeschreibung. Heute stelle ich ein Gedicht vor, dessen Bildsprache mir unmittelbar einleuchtet, ohne daß ich es irgend begründen könnte.

Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet’s nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Mehr Dichter als Pfarrer

  1. aebby schreibt:

    Ich wusste nicht mal, dass Mörike Pfarrer war 😉

  2. Frau Sterntau schreibt:

    Ich schließe mich aebby an, hätte ich nicht gedacht.
    Die Gedichte von Eduard Mörike mag ich sehr sehr sehr.

  3. Pingback: John Maynard « stefanolix

  4. Sammelmappe schreibt:

    Es klingt sehr ruhig und ausgeglichen.

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