Intoleranter Rundumschlag

Tolerant bin ich nicht mehr. Tolerieren heißt ertragen, erdulden – und ich ertrage nicht mehr, daß in diesem Land, das ich liebe, in dieser Kirche, der ich einst aus Überzeugung und Liebe beitrat, in dieser Sprache, von der und mit der und für die ich lebe, so hahnebüchener Unfug verzapft wird, daß sich einem logisch denkenden Menschen die Haare auf den Zähnen sträuben.

Kürzlich ließ ich verlauten, daß ich weder rechte noch linke Gewalt mag, wohl aber für sehr weitgehende Meinungsfreiheit eintrete, deren Grenzen dort verlaufen, wo sie die Freiheit der anderen beschneidet (auch durch Aufrufe zur Gewalt). Ich wurde daraufhin nicht zum ersten Mal beschuldigt, den Linken (alle gewaltbereit) alles durchgehen zu lassen und den Rechten (viele davon ganz brav) gar nichts.

Das ist nicht wahr; ich lasse niemandem irgendetwas „durchgehen“. Mir wird körperlich schlecht, wenn ich die Verlogenheit und den Mangel an Bildung, Logik und Liebe gerade an den Orten bemerke, an denen ich das genaue Gegenteil suche und gelegentlich sogar ansatzweise finde (es handelt sich bei diesen Orten keineswegs nur um kirchliche). Dabei bin ich ganz undifferenziert gleichermaßen zornig über falsche Casus auf Literaturseiten, Vermischung von Kategorien durch Leute, die sich der Logik verschrieben haben, boshafte Anwürfe gegenüber keineswegs homogenen Gruppen durch Vereine, auf deren Etikett Nächstenliebe steht… und vieles mehr.

Ich weiß, daß ich weit entfernt von Perfektion bin. Ich weiß auch, von welcher Seite ich jetzt welche Zitate zu hören bekomme nebst einem Hinweis darauf, daß die Linken böse sind. Ich weiß, wie sehr mich das schmerzen wird. Und schließlich weiß ich mit Sicherheit, daß nicht nur ein Mangel an Liebe, sondern auch ein Mangel an Verstand, Bildung und logischem Denken diese Welt in einen Zustand gebracht hat, der schlimmer ist als der Tod (und diese Kirche in einen Zustand, der schlimmer ist als gar keine Kirche).

Aber nichts ist so schändlich und verächtlich wie Heuchelei. Ich behaupte nicht, einen Verein, dem ich angehöre, vorbehaltlos und kritiklos zu lieben, solange in diesem Verein der bloße Verdacht auf praktizierten Umweltschutz und Sympathie für die Grünen und Amnesty International langjährige Mitglieder zu der Vermutung animiert, ich sei undifferenziert im Denken, unterstütze kommunistische Diktaturen und ermangele der Bildung. Ich behaupte ferner nicht, diesem Verein durch meine Mitgliedschaft einen besonderen Dienst zu erweisen; im Gegenteil wird der Verein in seiner jetzigen Form nur dann weiterbestehen können, wenn er Leute wie mich recht bald ganz vergrault.

Schade um die Kirche, schade um die Logik, die Liebe und die Vernunft, schade um dies Land und seine schöne Sprache, und dreimal schade um die Welt, die prinzipiell kein so schlechter Ort sein müßte.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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17 Antworten zu Intoleranter Rundumschlag

  1. Liisa schreibt:

    Ich kann Dein Leiden an diesem „Ist-Zustand“ nur allzu gut verstehen und hoffe, dass Du es trotzdem schaffst, an Deinen Idealen festzuhalten und für Dich und an dem Ort, wo Du bist, eine Art kleines Leuchtfeuer zu bleiben. Ich weiß wie ermüdend und deprimierend das sein kann aber es braucht solche Menschen wie Dich, gerade in einer Zeit wie der unseren.

  2. aebby schreibt:

    nur kurz, heute abend noch ausführlich … 100% Unterstützung von einem der auch zwischen allen Stühlen steht

  3. Karl Eduard schreibt:

    Kirche? Sind das nicht die Organisationen, die sich mit allem anderen beschäftigen, nur nicht mit dem Seelenheil der Menschen? In denen inzwischen Ersatzreligionen gehuldigt werden, statt dem Christentum?

  4. DM schreibt:

    Interessant wäre zu erfahren, welche Heuchelei du nun der Kirche vorwirfst, oder welche Aussagen von welchen Sündern in der Kirche dich auf die Palme gebracht haben.
    Ist da was neues dabei ?

  5. Karl Eduard schreibt:

    Hier was zur Aufmunterung.

  6. aebby schreibt:

    Ich wollte noch ausführlicher schreiben, habe jetzt auch schon mehrere Versuche gestartet und war mir dann nicht sicher ob es wirklich passen würde – ohne Deinen aktuellen Anlass zu kennen bleibt das schwierig … deshalb eher ein paar allgemein gehaltene Worte.

    Mir fällt zunehmend schmerzliche eine sich verbreitende Polemik auf. Wer eine Position vertritt wird sofort in eine Ecke gesteckt, dann wird eine dunkle Seite der Ecke hervorgekramt und deshalb die Auseinandersetzung mit der Position verweigert:

    Wer Mindestlöhne will, will die DDR zurück haben!
    Wer gegen den laufenden Krieg ist ist Befürworter des Terrors!
    Wer gegen Internetsperren ist ist Sympatisant von Kinderschändern!

    Ich durchschaue diese Argumentationen nicht, sie lässt mich aber zunehmend leiden.

  7. Violine schreibt:

    Die Polemisierung finde ich auch furchtbar. Ob sie dagegen zunehmend ist, steht auf einem anderen Blatt. Zunehmend im Vergleich zu welcher Epoche?

    Und lass‘ Dich dadurch nicht davon abbringen, ein Licht in der Welt zu sein.

  8. Claudia Sperlich schreibt:

    Dank an alle für diese Menge an Zuspruch!
    Ich sehe schon, ich bin keineswegs alleine.

    Liisa, ja, Dampf ist nun abgelassen, der Ärger keineswegs vorbei, da der Grund ja weiter besteht, aber grundsätzlich resignieren werde ich nicht – was sollte ich denn dann noch tun?

    Karl Eduard, ich sehe Kirche idealiter als durchaus sinnvoll und segensreich an. Realiter bleibt sie hinter ihren Ansprüchen immer weiter zurück. Im übrigen: Dank für Paul Gerhard, ja, das muntert wahrlich auf! Ein wunderbarer Dichter.

    DM, ich werfe vielen in der Kirche besonders Aktiven vor, daß sie die Vertretung einer anderen Meinung als der CDU-konformen (gleich zu welchem Thema) als unchristlich oder dumm ablehnen. Da das gerade die geräuschvolleren unter den Christen sind, kränkt es mich besonders.
    Ausschlaggebend war die Streitigkeit, auf die ich mich im zweiten Absatz beziehe. Wirklich neu im Sinne von „noch nie dagewesen“ ist aber nichts.

    Aebby, ja, genau das meine ich – und das zeigt ein bedauerliches Schwinden differenzierten Denkens, auch bei vielen Leuten, die die intellektuellen Möglichkeiten dazu haben.

    Violine, vielleicht bin ich schon so alt, daß ich die Vergangenheit verkläre. Allerdings kommt mir vor, daß in den letzten zwanzig Jahren die Stimmung allenthalben immer gereizter und fanatischer wird.

  9. aebby schreibt:

    Ob das Prinzip dieser Polemik zunimmt ist schwer zu sagen, am Besipiel der CDU lässt sich aber nachvollziehen, dass unsere Gesellschaft und Politik härter, kälter, gewaltvoller und unsozialer geworden ist. Wenn man sich die folgenden Sätze durchliest …

    Inhalt und Ziel (einer) sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert

    glaubt man kaum, dass das die Prääambel eines alten CDU Programmes ist (Ahlener Programm, siehe z.B. Wikipedia). Wenn die Linke diese Worte heute ausprechen würde, würde die Regierung entsetzt aufschreien: „Hilfe der Sozialismus kommt“. In Sachen christlicher Friendesbotschaft fällt mir noch ein, dass unsere Verbündeten im Afghanistan Krieg Bibelsprüche auf den Zielfernrohren der Scharfschützengewehren eingraviert haben – wer führt denn einen „heiligen Krieg“.

    Die Gesellschaft verändert sich zur Zeit rapide und manche weigern sich das zu erkennen.

  10. Violine schreibt:

    Na ja, ich setze mich gerade mit den seelischen Nachwirkungen der NS-Zeit auseinander. Von daher denke ich natürlich an diese unglaublichen Zeiten.
    Allerdings muss ich mich wirklich uneingeschränkt aebby anschliessen. Und Dir auch. Ich lese mittlerweile vermehrt Bücher, die aufklärerisch sind, der Mythenbildung – egal in welchem Bereich, für mich ist es zur Zeit der religiöse – entgegen wirken. Das tut so wohl. Und es stimmt, dass die CDU-Anhänger die grossen Schreier sind. Unzufrieden bis dorthinaus, Besserwisser, Proklamieren den Bessermenschen für sich, … Die einzigen sind sie nicht.
    Habe so den Eindruck, die Vereinigung und dann der Euro haben die Gier der Menschen steigen lassen, damit ist auch ihre Zufriedenheit dahin. Die dann mit den seltsamsten Mitteln (ich drück‘ das jetzt mal so aus) wieder erreicht werden soll.

    Allerdings kann ich Dir auch sagen: Wir haben hier in HD ein Bündnis gegen Armut und Ausgrenzung. Sie hatten vor ein/zwei Wochen eine Aktionswoche laufen. Zur Hauptveranstaltung mit Gregor Gysi, Manfred Lautenschläger (MLP-Gründer und Mäzen) und dem Jesuitenpater und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach sind über 1000 Leute erschienen.

    Seit ein paar Jahren bin ich aktiv dabei, mir immer wieder gute Beispiele vor Augen zu führen und mich daran festzuhalten. Quasi damit Verbundenheit herzustellen.

  11. Claudia Sperlich schreibt:

    Aebby, das Zitat ist ja faszinierend. Vielleicht mache ich irgendwann den Test und zitiere es gegenüber einem CDU-Menschen, ohne Quellenangabe.

    Violine, ja, die guten Beispiele will ich auch nicht vergessen. Dank für die Erinnerung.

  12. Karl Eduard schreibt:

    Ich habe bis vor kurzem gar nicht gewußt, was für schöne Kirchenlieder es gibt. Umso bedauerlicher finde ich, daß sie das quasi alles für den Zeitgeist wegwirft.

  13. LePenseur schreibt:

    @Claudia Sperlich:

    Zunächst: keine Angst — ich „verfolge“ Sie nicht in Ihren Blog (dieses Posting wird eine Ausnahme bleiben, versprochen). Aber ich möchte ein offensichtliches Mißverständnis klären (da ich denke, daß Ihr Artikel durch unsere, sagen wir mal: etwas unharmonische Diskussion in einem anderen Blog ausgelöst wurde — falls nicht, löschen Sie mein Posting einfach, bevor andere Leser verwirrt werden):

    Ich wurde daraufhin nicht zum ersten Mal beschuldigt, den Linken (alle gewaltbereit) alles durchgehen zu lassen und den Rechten (viele davon ganz brav) gar nichts.

    Wenn Sie das so empfanden, bedauere ich das, denn es war nicht die Intention meines Statements. Ad hominem war es überhaupt nicht gemeint, sondern als Charakterisierung eines Zeitgeistes (besser: Zeitungeistes!).

    Daß Sie mit Sicherheit eine andere politische und weltanschauliche Richtung vertreten als ich, ist ganz offenkundig — ich habe es mir jedoch stets zum Ziel gemacht, nicht bloß »bereits Überzeugte zu überzeugen« (ein Vorwurf, den ich schon mehrfach gegenüber »christlichen« Foren und Blogs erhoben haben, die oft »im eigenen Saft schmoren«, daß es nur so eine Freud‘ ist …), sondern im Diskurs die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden zu suchen. Was manchmal (ist mir bewußt!) durchaus provozierend wirkt. Da ich meinerseits gegen Provokationen recht abgehärtet bin — eine Juristenschnauze verträgt da schon was 😉 — kann ich nur sagen: antworten hilft! Und es gibt nicht wenige Threads, die ich zumindest zu einem »we agree to disagree« unter Herausarbeitung des differenten Meinungsstandes gebracht habe. Und auch das ist ein sinnvoles Ergebnis.

    Man muß ja nicht immer einer Meinung sein …

  14. LePenseur schreibt:

    P.S. zum Vorposting: wer außerdem so tolle Katzenbilder schießen kann (mich frißt der Neid!), hat bei mir ohnehin einen großen Stein im Brett!

  15. Claudia Sperlich schreibt:

    Penseur, da fordern Sie jetzt kräftig zur Feindesliebe auf. Ist ja nicht die schlichteste aller Übungen unserer gemeinsamen Grundlage – aber ich schrecke vor beinahe nichts zurück.
    Wenn wir uns darauf einigen können, daß wir beide Gott und Katzen lieben, ist das ja schon was. 😉

  16. alipius schreibt:

    Ich glaube, daß der Teufel im Extrem liegt. Grundsätzlich zieht es mich (wie Du weißt) eher in die konservative, „rechte“ Ecke. Das bedeutet aber nicht, daß ich links automatisch kacke finde, nur weil es in der anderen Ecke liegt. Ich finde links da überflüssig und gefährlich, wo es doppelzüngig ist, ebenso, wie ich rechts da nutzlos finde, wo es der Nächstenliebe und des gesunden Menschenverstandes entbehrt. Grundsätzlich ist es natürlich schon so, daß ich „meinem Team“ eher etwas durchgehen lassen werde, als dem der Anderen. Das wird dann aber wieder dadurch wettgemacht, daß ich mich über Fehlverhalten in „meinem Team“ dreitausend Mal mehr ärgere und schäme, als über Fehlverhalten bei den Anderen. Leicht hat man es eben nie, wenn man sich entschieden hat, Stellung zu beziehen und auch ein wenig standhaft zu bleiben. Weiß Du ja auch.

  17. Claudia Sperlich schreibt:

    Konservativ im Sinne von bewahrend finde ich mich ja auch, nur halten wir zum Teil verschiedene Dinge für bewahrenswürdig. Was Du über Fehlverhalten der eigenen und der fremden Fraktion schreibst, kann ich voll und ganz unterschreiben – geht mir nicht anders.

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