Dichter der Dunkelheit

Vor 96 Jahren starb Georg Trakl, der seine Verzweiflung an der Welt so meisterhaft besang. Leider hielt er das Leben nur mit Drogen aus (und auch damit nicht lange) – und als Apotheker wußte er sie zu beschaffen.

Warum sich dieser sanfte und sensible Mensch 1914 freiwillig meldete, weiß ich nicht – allerdings hat die damalige Kriegsbegeisterung bei sehr vielen Menschen das logische Denkvermögen vermindert.
Man brauchte Apotheker in den Lazaretten, und Trakl mußte während der Schlacht bei Gródek nicht nur seine Hilflosigkeit in Ermanglung von ausreichend Anästhetika und Schmerzmittel für die zahlreichen Schwerverletzten erleben, sondern auch ein Kriegsverbrechen mitansehen (vor dem Lazarettzelt waren dreizehn Ruthenen erhängt worden). Er erlitt einen Nervenzusammenbruch und starb gut zwei Wochen darauf im Hospital an einer Überdosis Kokain – ob das nun ein Unfall oder ein Selbstmord war, im Grunde starb er an dem Greuel des Krieges.

Wenige Tage zuvor hatte er sein Erleben der Schlacht so beschrieben:

Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht

Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.

O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Dichter der Dunkelheit

  1. aebby schreibt:

    Ein bewegendes Gedicht. Faszinierend wie er mit den Sprachbildern seiner Zeit, die sonst zur Verherrlichung des Krieges dienten, diese Anklage formuliert.

  2. theomix schreibt:

    Sehr interessant und aufschlussreich. Diese Fakten sind in meinem Deutschunterricht nur teilweise angekommen.

  3. Achilleus schreibt:

    Hallo Claudia,
    lange konnte ich Dir leider nicht mehr schreiben.
    Doch Dein Beitrag zu Trakl, sein Gedicht und
    seine Vergangenheit, haben mich zutiefst
    berührt. Es kam vieles zum Klingen.
    Danke dafür.

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich freue mich, wenn die mir so lieben Dichter auch anderen Freude machen – und wenn ich mit dem ein oder anderen Wort etwas bewegen kann.

Kommentare sind geschlossen.