Wider die Teamfähigkeit

Seit langem scheint es nicht mehr darum zu gehen, ob jemand gute Arbeit leistet und ein guter Kollege ist (also einer, mit dem man collegium, gemeinsames Lesen, veranstalten kann) – sondern ob er in das Team paßt, teamfähig ist.

Ein englisches etymologisches Lexikon verrät mir: Ein Team ist ein Gespann, also gemeinsam ins Joch gespannte Tiere – teamfähig ist somit jeder Ochse. Abgeleitet ist das Wort vom altenglischen taugmaz – das Ziehen -, verwandt mit dem deutschen Zaum.

Mir wurde einst mangelnde Teamfähigkeit bescheinigt. Das scheint mir gar nicht so schlimm zu sein – bedeutet es doch nur, daß man mit mir einen Ochsen nicht ersetzen kann.

In meinem Verlag arbeiten lauter Leute, die beleibe keine Ochsen sind und denen ich niemals ein Joch zumuten würde. Ich freue mich, daß ich mich auch persönlich mit einer Reihe bemerkenswerter Autoren hervorragend verstehe – und daß es Teamgeist, also die Gesinnung gemeinsam Unterjochter, im Sperlich Verlag Berlin nicht gibt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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7 Antworten zu Wider die Teamfähigkeit

  1. Sylvia schreibt:

    Die Frage, die bei mir grad auftaucht ist, ob ein Team eben ein Zusammenschluß sein kann (idealerweise), in dem jeder seine ureigensten Talente einbringt wie z.B. guter Koordinator, guter Redner, guter Ideenspender, schneller Entscheider, etc., die dann zusammen genommen ein kraftvolleres Ganzes ergeben.

    Denn es ist halt schon so, dass wir wohl alle nicht die eierlegende Wollmilchsau sind, die alles in einer Person gut können.

    Das dies in der Praxis oft keine Entsprechung findet, ist ein andere Geschichte.

    Nur hat sich auch gezeigt, dass wir recht unterschiedlich angelegt sind und so grundlegende Ausrichtungen wie introvertiert /extrovertiert und Beziehungsmensch/ Sachmensch (der eine fragt eher WER ? , der andere fragt eher WAS ?) einander durchaus im Außen – über’s Team – ergänzen können, weil man eben nicht alles in sich trägt.

    So kommt jemand, der ein guter Denker ist, jedes Detail beachtet und es erst rausgehen will, wenn alles perfekt ist, oft nie zum Erfolg, weil er sich zu keiner Entscheidung durchringen kann; aus seinen Perfektionsansprüchen heraus.

    Oder jemand, der gut verkaufen kann, schon alles an den Mann gebracht hat, bevor noch irgendwas fertig ist.

    Das sind natürlich Überzeichnungen, und die Frage, die sich mir hier stellt, ist, ob man danach trachten sollte, die mangelhaft ausgebildeten Eigenschaften selber zu schulen oder sich in eine Gruppe zu begeben, wo jeder das macht, was gut kann (Spezialistentum) ?

    Kann man natürlich nicht allgemein beantworten, ist vermutlich eine Stilfrage.

    Jedenfalls hab ich für mich herausgefunden, dass ich Gemeinsamkeit sehr schätze.
    So oder so.
    Und ich bin dir auch total dankbar dafür, dass du bei mir /uns bist 😉

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Selbstverständlich ist jeder auf andere angewiesen (beim Zahnarzt merkt man es besonders).
    Eine Firma kann nicht bestehen, wenn sich die Mitarbeiter nicht in grundsätzlichen Dingen wenigstens meistens einigen und einander akzeptieren. Aber die Frage ist, ob sie das in einem Joch, aus Zwang, tun – oder in freier Entscheidung.
    Dies Entweder-Oder ist nicht ganz leicht zu beantworten, da jeder in irgendwelchen Sachzwängen lebt (z.B. zum Überleben Geld braucht), also gewissrmaßen vom Leben selbst unterjocht wird. Aber in einem Verein, einem irgendwie gearteten Zusammenschluß oder eben einer Firma kann es der Sache auf die Dauer nur nützen, wenn Entscheidungsträger keine Tyrannen sind, die Mitglieder oder Mitarbeiter „einspannen“, wenn eine Atmosphäre von Freundlichkeit und Freimut herrscht und vor allem Kritik an Entscheidungen nicht als Unbotmäßigkeit gesehen wird, wenn Vorschläge aller Mitarbeiter angehört und bedacht werden.

  3. Was „Teamfähigkeit“ angeht, bin ich nur noch Zyniker, seit ich gemerkt habe, daß das nur eine politisch und rechtlich korrekte Umformulierung von „paßt uns dessen Nase“ ist. Schönen Gruß von Orwell.

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Vincentius, das entspricht doch genau der ursprünglichen Bedeutung von Team. Wenn ich einen Ochsen kaufe, ist mir wichtig, daß er gesund und sanftmütig ist; es mögen auch ästhetische Gründe kaufentscheidend sein – im übrigen soll er ziehen, nicht denken.

  5. Patricia schreibt:

    Naja, die „Teamfähigkeit“ gab es in USA schon lange – und da beruht sie auf Gleichberechtigung; zumindest ist sie so gemeint und sehr oft dort auch so umgesetzt.

  6. Claudia Sperlich schreibt:

    Wohl wahr. Aber Du kennst ja mich alte Wortklauberin – und in der Tat finde ich es ein wenig verräterisch auch für den englischsprachigen Raum, für gleichberechtigte Zusammenarbeit keine andere Metapher als ein Jochgespann zu finden.

  7. Sammelmappe schreibt:

    Ach ja, das ist auch so ein Gespenst mit dem ich tagtäglich zu tun habe.

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