Gegen Glöckchen

… ist nichts Grundsätzliches einzuwenden; in vielen Riten verschiedener Religionen haben sie ihre Berechtigung, und auch an Narren- und Teenagergewändern, als Windspiel oder Signalgeber zur Essenszeit sollen sie mir recht sein.
Auch an Schlitten sind sie durchaus passend. Aber das alles ist kein Argument, Hunderttausende vier Wochen lang bei fast jeder Bewegung im öffentlichen Raum mit einem musikalisch und lyrisch trivialen Lied über Schlittenglöckchen zu beschallen.
Der Originaltext behandelt in vier Strophen Partylaune, Unfall, Schadenfreude und unterlassene Hilfeleistung sowie einen Ausblick auf ein schnelleres Gefährt. Nichts davon hat mit Weihnachten zu tun. In einer deutschen Textunterlegung ist vom Weihnachtsmann die Rede, der ebenfalls weder mit der Geburt des Erlösers noch mit irgendwelchen religiösen Feierlichkeiten zu schaffen hat, wenn er auch zur Ersatzreligion des Um-jeden-Preis-Habenwollens gut paßt.

Die einzige günstige Auswirkung des Jingle-Bells-Gedudels ist, daß ich im Advent, der Zeit der Besinnung, täglich neu Selbstbeherrschung üben muß, um nicht mit Gewalt gegen dudelnde, trötende und flennende Kaufhaus- und Weihnachtsmarktlautsprecher vorzugehen, sondern sie mit einer Haltung zu ertragen, die christlicher Fortitudo recht nahe kommt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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3 Antworten zu Gegen Glöckchen

  1. Sylvia schreibt:

    Was mich gestern in der Wiener Innenstadt echt betroffen gemacht hat, ist, dass die Fiakerpferde einen Miniweihnachtshut (aus rotem Plüschstoff) um die Pferdeohren gewickelt bekommen haben, und, als wär das nicht schon schlimm genug, sind da auf beiden Seiten unmittelbar bei den Ohren kleine Glöckchen befestigt, die unentwegt bimmeln.

    Die armen Pferde. Ich empfinde das als Tierquälerei.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Was Droschkengäule in aller Welt ertragen müssen, ist in den meisten Fällen Tiequälerei. Diese Glöckchen an den empfindlichen Ohren von Fluchttieren sind allerdings noch extra bös.

  3. aebby schreibt:

    Ich fasse es nicht … ich hatte mir den Text noch nie genau angehört, ich versuche immer wegzuhören 😉

    … Partylaune, Unfall, Schadenfreude und unterlassene Hilfeleistung sowie einen Ausblick auf ein schnelleres Gefährt

    Stimmt und was für eine bittere Zusammenfassung des Wahns. Danke für den Gedankenanstoß.

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