Wider die bärtigen Männer in rot-weißer Kluft

Überall trampeln sie durch die Gegend und tun komisch – weißbärtige Männer in rotweißen Mänteln. Die Glücksindustrie schickt sie aus, um alle zum Kaufen zu animieren. Auch in diesem Jahr finden es unzählige Erwachsene süß und goldig, wenn Kinder an den Weihnachtsmann glauben. Auch in diesem Jahr wird unzähligen Kindern erzählt, daß Geschenke eine Belohnung für Bravheit sind. Auch in diesem Jahr werden Menschen es bedauern, wenn die Kinderchen nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben. Und all diese sentimentalen Liebhaber des Weihnachtsmannes werden im vollen Bewußtsein, daß es nur ein Reklametrick ist – denn ignorieren kann man das wirklich nicht -, an die ach so süße Kindheit denken, da sie selbst noch an den Weihnachtsmann glauben durften, und kräftig Geld ausgeben, wo der Rotweiße winkt.

Meine Eltern haben diesen haarsträubenden Quatsch niemals mitgemacht. Es war bei uns immer klar, daß man einander etwas schenkt, weil man einander liebhat. Der Weihnachtsmann, dieser Popanz der Glücksindustrie, ist nur dort nötig, wo man außerstande ist zu sagen: „Weil ich dich liebhabe, bekommst du von mir etwas Schönes“.

Die Advents- und Weihnachtszeit war für mich auch in meiner kirchenfernen Kindheit immer eine schöne Zeit, zu der besondere, anrührende Lieder gesungen und Geschichten erzählt wurden. Zu Weihnachten gehörte neben den Geschenken ein besonders feines Essen, ein festlicher Weihnachtsbaum mit brennenden Kerzen (mein vorsichtiger Vater stellte immer einen Wassereimer daneben). Meine nicht im entferntesten katholische Mutter sang das Lied von Maria im Dornwald, weil sie den Gedanken schön fand, daß eine schwangere Frau die verdorrten wilden Rosen zum Blühen bringt. Der weihnachtliche Familienstreit kam auch oft zu Besuch, ging aber meist schnell wieder. Längst haben wir ihn ganz fortgeschickt, den Streit; Weihnachten ist ein gutes, schönes Fest der Liebe und Großzügigkeit – weil es keinen Weihnachtsmann gibt. Weil wir einander beschenken können, weil wir an die Liebe glauben – unabhängig davon, was wir sonst glauben oder nicht glauben.

Schenken ist eine schöne Sitte. Weihnachten darf auch ein Fest der Verschwendung sein, der Überfülle, der Pracht – solange der Grund kein Renommiergehabe und kein Konsumterror ist, sondern das Bedürfnis, einander zu sagen:
„Dies alles und noch viel mehr bist du mir wert“.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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14 Antworten zu Wider die bärtigen Männer in rot-weißer Kluft

  1. Clother schreibt:

    Meine Güte –
    Maria durch ein’n Dornwald ging…
    Das haben wir in der Schule gelernt, schwierig mehrstimmig zu singen.
    Da haben die Dornen Rosen getragen.
    Ich singe es heute noch, krächzstimmig, aber mit Text.
    :o)

  2. aebby schreibt:

    Zwei Seelen ähnliche Gedanken 😉 … sich einander Freude zu schenken ist ein guter Sinn.

    Ich wünsche Dir ein schönes und mit Freude erfülltes Weihnachtsfest.

  3. Claudia Sperlich schreibt:

    @Clother: Sieh an, meine Namenscousine mag das Lied auch! Sei willkommen.
    @aebby: Dank für gute Wünsche, die ich gerne annehme und zurückgebe – mit Wünschen kann man ja beides zugleich.

  4. Patricia schreibt:

    So war es bei uns auch, (inklusive Wassereimer)
    Wir durften überhaupt nur Selbstgebasteltes verschenken, das war Ehrensache, weil da Zeit und Mühe drinsteckt.

  5. Sylvia schreibt:

    Ich weiß nicht, wer den Weihnachtsmann importiert hat. Coca Cola ?

    Bei uns in Österreich gab es immer nur das Christkind. Das ist aber nie durch die Straßen getingelt mit seinen Engelslöckchen, sondern das war immer Phantasie.

    Einen Brief ins Fenster legen und hoffen, dass der Brief geholt wird.
    Dann am Heiligen Abend Glöckchengeklingel, *ich glaub, es war schon da*, dann rein ins Zimmer und alles, was ich zu sehen bekam, war ein offenes Fenster, das mir suggeriert hat, *bin schon weg, aber ich hab was für dich dagelassen*

    Das an dieser Stelle immer ein Familienmitglied nicht zugegen war, ist mir in meiner Aufgeregtheit nie aufgefallen.

    Das Christkind war damals schon ein großer Teil des Festes, nicht wegen der Geschenke, sondern wegen des Zaubers, den es für mich verströmt hat.

  6. Claudia Sperlich schreibt:

    Ein gut recherchierter und amüsanter Wiki-Artikel informiert über Entstehung und Darstellung des Weihnachtsmannes.
    Das gewohnte Erscheinungsbild des Weihnachtsmannes ist tatsächlich von Coca-Cola 1931 entworfen; die Idee des Geschenkebringers gab es aber schon viel früher.
    Zwar ist das „Christkind“ poetischer und weniger kommerzialisiert, doch bin ich auch mit ihm nicht recht glücklich (trotz Deiner wirklich zauberhaften Erinnerung) – weil es ebenfalls wie ein gabenbringender Geist erscheint und gar nichts mehr mit dem neugeborenen Christus zu tun hat. (Vollends sonderbar ist, daß es stets mädchenhaft gedacht wird.)

  7. theomix schreibt:

    Das Mädchenhafte kommt, so vermute ich, aus dem Biedermeier, da trugen kleine Jungen mädchenhaft anmutende Kleider.

    Der Weihnachtsmann ist bestimmt eine Mischung aus Nikolaus und germanischen Geistern, wenn nicht sogar Väterchen Frost (der auch da und dort in Ostpreußen auftauchte) einige DNA-Spuren beigetragen hat.

  8. Claudia Sperlich schreibt:

    Das mit den DNA-Spuren ist einerseits schlüssig, andererseits wundersam – da es sich ja ausschließlich um Männer handelt. Und Nikolaus lebte zudem zölibatär. 😉

  9. theomix schreibt:

    Es ist ja auch quasi geistliche DNA, so wie Sternenstaub halt…

  10. Claudia Sperlich schreibt:

    Der Bogen vom Coca-Cola-Weihnachtsmann über Geistliches bis zum Sternenstaub ist wahrhaft kühn!

  11. theomix schreibt:

    Der Getränkemann ist nicht in meinem Definitionsbereich.

  12. Patricia schreibt:

    Für mich war mein Vater insofern immer der Weihnachts-Mann, als er an unserem riesigen Baum die Kerzen anzündete. Er war miit seinen 1,85 schon recht imposant (mein Vater), musste aber die Kerze, mit der er die anderen anzündete, dennoch an den Stiel eines langen Kochlöffels binden. Diese feierliche Anzünde-Handlung hatte etwas durchaus Magisches. Zumal es derselbe Kochlöffel war, mit dem wir den Rest des Jahres im Ernstfall verkloppt wurden 🙂

  13. Claudia Sperlich schreibt:

    Also Sinterklaas und Swarte Piet in Personalunion!

  14. Karl Eduard schreibt:

    Ja, wenn ich ohne den Weihnachtsmann aufgewachsen wäre, würde ich auch sagen, alles Quatsch, und hoch die Eltern. Irgendeine Entschuldigung braucht der Mensch nämlich. Frohes Fest liebe Poetin.

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