Neubeginn

Allen Lesern wünsche ich ein gutes, gedeihliches und liebevolles Jahr 2011!

Frederika Bremer schrieb am Neujahrstag 1851 aus New Orleans an ihre Schwester in Schweden:

Bushkitu ist ein Fest, das von den Indianern am Mississippi in diesen südlichen Gegenden jährlich gefeiert wurde, als die Europäer zum ersten Mal da eindrangen. Es scheint mir das merkwürdigste unter den Festen der nordamerikanischen Indianer zu sein und dürfte auch auf die Neujahrsfeier der weißen Rasse, welche jetzt die Erde der roten eingenommen hat, etwas von seiner geistigen Bedeutung übertragen haben.
Die Bushkitufeier fiel auf den Schluss des Jahrs und währte acht Tage. Jeder Tag hatte seine besondere Zeremonie. Aber die Hauptzüge bei allen Zeremonien waren Fasten, Reinigungen und Selbstbetrachtungen. Es heißt nämlich mitunter in den Erzählungen davon: An diesem Tag (am 3., 5. und 7., wenn ich mich recht erinnere) sitzen die Männer still auf dem Markte. Die Reinigungen waren Waschungen, bei welchen die Asche eine Hauptrolle spielt, und das kommt mir merkwürdig vor, dass diese Asche den Kriegern von jungen Mädchen gebracht werden musste, die noch halbe Kinder waren. Auch die Speise, die sie zwischen das Fasten hinein genießen durften, musste ihnen von diesen Kinderhänden gereicht werden. Die Männer (denn die Weiber werden nicht genannt) hatten auch nächtliche Tänze beim Schein des Feuers, wobei sie sich mit warmem Wasser wuschen, in welchem sie gewisse Kräuter und Wurzeln kochten, die wohltuende Kräfte in sich schlossen. Der Tanz der sechsten Nacht scheint am meisten symbolisch und der bedeutungsvollste zu sein. Am siebenten Tag sitzen die Männer wieder schweigend auf dem Markte. Der achte Tag ist der letzte große Reinigungstag. Da gingen die Männer auf eine Anhöhe am Fluss, stürzten sich köpflings hinab und tauchten zu wiederholten Malen tief unter. Sodann kamen sie herauf und zogen ihre Alltagskleider, ihre gewöhnlichen Sitten und Beschäftigungen wieder vor. Aber das Merkwürdigste ist, dass nach dieser Zeit alles, was vor derselben vorgefallen war, angesehen werden sollte, als wäre es nicht geschehen. Alle Beleidigungen, alle größere und kleiner Mißhelligkeiten zwischen den Mitgliedern der Nation sollten vergessen, der Mensch und das Leben sollte als neu geboren betrachtet werden. Wer nach dieser Zeit an etwas Unangenehmes erinnerte, das vor ihr eingetreten war, oder wer heimlichen Hass oder Unversöhnlichkeit zeigte, musste Buße bezahlen. Der Bushkitu kam jedes Jahr wie ein Versöhnungs- und Erneuerungsfest. Wie herrlich, wenn in diesem indianischen Lethe auch alle bitteren Erinnerungen ertränkt werden könnten! Aber wer wird leugnen, daß Bushkitu mit seinem inneren Willen und seiner äußeren Arbeit eine gute Hilfe dazu sein könnte?
Uns zivilisierten Menschen täte es Not, von den Wilden ihr Bushkitu zu erben.
In den Vereinigten Staaten, besonders in ihren großen Städten, herrscht eine Sitte, die ihren Ursprung möglicherweise von dem Versöhnungsfest der Indianer hat und in New York und New Orleans in ihrer Blüte stehen soll. In diesen Städten betrachtet man nämlich den Neujahrstag als eine Art von Versöhnungs- und Wiedergeburtstag. Die Neujahrsbesuche sind die Mittel dazu. Wenn im Verlauf des Jahrs irgendein kleiner Groll zwischen zwei Menschen oder zwei Familien entstanden ist, wenn sie aufgehört haben einander zu sehen oder miteinander zu sprechen, so ist ein Besuch am Neujahrstag genügend, um ohne weitere Erklärung alles wieder gutzumachen. Man kommt dann auf beiden Seiten schweigend überein, alles Alte zu vergessen und das Leben wieder neu anzufangen.

aus: Frederika Bremer, Durch Nordamerika und Kuba. Edition Erdmann, Detlef Brennecke (Hrsg. und Übersetzer)

Eine Neujahrsfeier kann, wer wirklich weltumfassend denkt, mindestens siebenmal jährlich begehen – zum Beispiel in diesem Jahr heute, am 3. Februar, am 18. Februar und den Folgetagen, am 20. und 21. März, am 24. September, am 29. September oder gegen Ende des Jahres, wie bei Frederika Bremer beschrieben. Sicher schadet es nicht, bei all diesen Gelegenheiten einen frischen Anfang zu wagen, Groll zu überwinden, sich zu versöhnen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Neubeginn

  1. aebby schreibt:

    Gute Gedanken für den Beginn des Jahres – Danke.

  2. Sylvia schreibt:

    😀

    Ja, ich mag diese Gedanken auch. Versöhnungs- und Wiedergeburtstag. Da wird’s ganz warm um’s Herz. So schöne Worte zu Jahresbeginn hab ich schon lange nicht mehr gelesen.
    Vielleicht liegt es auch daran, dass ich als Kind zu Indianern eine ganz besondere Beziehung hatte; ich träumte sehr viel von ihnen und war stolze Sammlerin von kleinen Indianerfiguren, den dazu passenden Zelten, ja, ganze Siedlungen hab ich mir zusammengewünscht.

    Jedenfalls wünsch ich dir einen wundervollen „Auftritt“ im Schloß Charlottenburg, und vielleicht kannst du es als glückliches Omen nehmen, dass mein zweiter Vorname Charlotte ist (örgs).

    nagelneue und viel(ver)sprechende Grüße aus Wien
    Sylvia

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