Lichtfetzen

In der Kommunalen Galerie in Berlin-Wilmersdorf – in unmittelbarer Nachbarschaft des gestern beschriebenen Platzes – werden zur Zeit Tafelbilder von Peter Schubert ausgestellt. Auf den Seiten der Peter-Schubert-Gesellschaft bekommt man einen Eindruck von Schuberts Gabe, mit Lichteffekten ganz ohne Effekthascherei zu arbeiten. Einige Bilder sind, obwohl stark abstrahiert, doch deutlich als dinglich erkennbar. Andere zeigen eher Vorstellungen und Gedanken als Greifbares. Gemeinsam ist allen, daß sie nicht schnell konsumierbar sind; der Betrachter begreift sie, wenn er sich auf sie einläßt – aber sie laden auch ein, sich lange vor sie zu stellen, sie aus verschiedenen Blickwinkeln anzusehen.

Lichtfetzen und starke Farben finden sich überall in Schuberts Werk. Dabei sind das niemals Versatzstücke, sondern immer Teile ganz eigener, unwiederholbarer Bilder.
Licht ist hier bald bedrohlich als metallischer Reflex, bald tröstlich als Aufstrahlen aus der Finsterins oder wie ein Sich-Öffnen in die Unendlichkeit sichtbar.
Das Bild Krieg – eine von einer scharfkantigen Scheibe beherrschte Wirrnis aus Formen und Farben – läßt mich an die erschütternden dichterischen Kriegsbeschreibungen von Gryphius und Opitz denken.
Ein anderes, Landschaft, führt mich in die Helle und Weite eines Hochgebirges – nicht ohne die Todesgefahr einer Bergbesteigung zu verschweigen. Aber meine Interpretation ist nur eine von vielen möglichen; Schuberts Bilder regen die Phantasie des Betrachters an und verführen zu Gedankenreisen.
Mir besonders eindrucksvoll ist das Bild Golgatha, auf dem der Gekreuzigte trotz der Realität von Kreuz, Lanzenstich und Dornenkrone mehr Licht ist als Körper.

Wer diese Ausstellung verpaßt, kann bleibende Deckengemälde von Schubert in Deutschland, Italien und Kanada bestaunen. Das Deckengemälde in der Großen Orangerie des Schlosses Charlottenburg in Berlin entstand 1977 als erstes von vielen – und es war für mich der erste mir sofort einleuchtende Zugang zu abstrakter Kunst. Lichtfetzen war damals das Wort, das mir spontan einfiel.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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Eine Antwort zu Lichtfetzen

  1. Patricia schreibt:

    Das klingt spannend und mutig.

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