In eine fremde Sprache verbannt

Vor 155 Jahren starb Heinrich Heine, der bittersüße Dichter zwischen Romantik, Realismus und Satire, im Pariser Exil. Mit Frankreich verband ihn eine Haßliebe; am meisten vermißte der Sprachgewaltige hier den alltäglichen Umgang mit seiner Muttersprache.

Mein Geist fühlt sich in Frankreich exiliert, in eine fremde Sprache verbannt.

Dünkel und soziale Ungerechtigkeit waren ihm ein Greuel. Über den Weberaufstand 1844 schrieb er, romantisch-düster und zugleich realistisch:

Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
»Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt,
Und uns wie Hunde erschießen läßt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht –
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!«

Seine jüdische Herkunft und seine politische Wachheit wurden Heine sein Leben lang von zahlreichen Menschen übelgenommen – vorzugsweise von solchen, die über einen weniger scharfen Blick und Verstand verfügten. Heine spottete:

Donna Clara

In dem abendlichen Garten
Wandelt des Alkaden Tochter;
Pauken- und Trommetenjubel
Klingt herunter von dem Schlosse.

»Lästig werden mir die Tänze
Und die süßen Schmeichelworte,
Und die Ritter, die so zierlich
Mich vergleichen mit der Sonne.

Überlästig wird mir alles,
Seit ich sah, beim Strahl des Mondes,
Jenen Ritter, dessen Laute
Nächtens mich ans Fenster lockte.

Wie er stand so schlank und mutig,
Und die Augen leuchtend schossen
Aus dem edelblassen Antlitz,
Glich er wahrlich Sankt Georgen.«

Also dachte Donna Clara,
Und sie schaute auf den Boden;
Wie sie aufblickt, steht der schöne,
Unbekannte Ritter vor ihr.

Händedrückend, liebeflüsternd
Wandeln sie umher im Mondschein,
Und der Zephir schmeichelt freundlich,
Märchenartig grüßen Rosen.

Märchenartig grüßen Rosen,
Und sie glühn wie Liebesboten. –
Aber sage mir, Geliebte,
Warum du so plötzlich rot wirst?

»Mücken stachen mich, Geliebter,
Und die Mücken sind, im Sommer,
Mir so tief verhaßt, als wärens
Langenasge Judenrotten.«

Laß die Mücken und die Juden,
Spricht der Ritter, freundlich kosend.
Von den Mandelbäumen fallen
Tausend weiße Blütenflocken.

Tausend weiße Blütenflocken
Haben ihren Duft ergossen. –
Aber sage mir Geliebte,
Ist dein Herz mir ganz gewogen?

»Ja, ich liebe dich, Geliebter,
Bei dem Heiland seis geschworen,
Den die gottverfluchten Juden
Boshaft tückisch einst ermordet.«

Laß den Heiland und die Juden,
Spricht der Ritter, freundlich kosend.
In der Ferne schwanken traumhaft
Weiße Liljen, lichtumflossen.

Weiße Liljen, lichtumflossen,
Blicken nach den Sternen droben. –
Aber sage mir Geliebte,
Hast du auch nicht falsch geschworen?

»Falsch ist nicht in mir, Geliebter,
Wie in meiner Brust kein Tropfen
Blut ist von dem Blut der Mohren
Und des schmutzgen Judenvolkes.«

Laß die Mohren und die Juden,
Spricht der Ritter, freundlich kosend;
Und nach einer Myrtenlaube
Führt er die Alkadentochter.

Mit den weichen Liebesnetzen
Hat er heimlich sie umflochten;
Kurze Worte, lange Küsse,
Und die Herzen überflossen.

Wie ein schmelzend süßes Brautlied
Singt die Nachtigall, die holde;
Wie zum Fackeltanze hüpfen
Feuerwürmchen auf dem Boden.

In der Laube wird es stiller,
Und man hört nur, wie verstohlen,
Das Geflüster kluger Myrten
Und der Blumen Atemholen.

Aber Pauken und Trommeten
Schallen plötzlich aus dem Schlosse,
Und erwachend hat sich Clara
Aus des Ritters Arm gezogen.

»Horch, da ruft es mich, Geliebter;
Doch, bevor wir scheiden, sollst du
Nennen deinen lieben Namen,
Den du mir so lang verborgen.«

Und der Ritter, heiter lächelnd,
Küßt die Finger seiner Donna,
Küßt die Lippen und die Stirne,
Und er spricht zuletzt die Worte:

Ich, Sennora, Eur Geliebter,
Bin der Sohn des vielbelobten,
Großen, schriftgelehrten Rabbi
Israel von Saragossa.

Im Zusammenhang mit Heines Herkunft sehe ich auch die Mär, er sei an Syphilis gestorben (die sich bis in unsere Tage hält und selbst von einem Hamburger Nachrichtenmagazin in einem sonst lesenswerten Artikel kolportiert wird). Medizinische Hinweise, daß Heines Krankheit zum Tode genau diese war, gibt es nicht. Weder wurde er schwachsinnig (ganz im Gegenteil bewahrte er seinen klaren Kopf bis zum Ende) noch gab es bedeutende Hautveränderungen. Die fortschreitende Lähmung, bei Syphilis in 2-5% der Fälle verbürgt, ist das einzige bekannte Symptom – und ist ebenfalls Symptom einer Reihe anderer Krankheiten. Aber Geschlechtskrankheiten hatten zu Heines Zeit ein erhebliches Schmuddelimage.
Meiner Meinung nach behauptete man diese Diagnose nicht, weil es bedeutende Hinweise darauf gab, sondern weil es sich so schön antisemitisch verbraten ließ.

Als ich vor fast dreißig Jahren eine Zeitlang in Paris lebte, pilgerte ich regelmäßig zum Cimetière Montmartre; er bekam immer eine Blume von mir (und übrigens nicht nur von mir; ich habe das Grab des Loreleyers nie ohne Blumen gesehen). Dort prägte ich mir auch das Gedicht ein, das auf der Grabstele eingemeißelt ist.

Wo wird einst des Wandermüden
Letzte Ruhestätte seyn?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?

Werd ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?

Immerhin! mich wird umgeben
Gotteshimmel, dort wie hier,
Und als Todtenlampen schweben
Nachts die Sterne über mir.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu In eine fremde Sprache verbannt

  1. Pingback: Stoßseufzer

  2. Gudrun schreibt:

    Liebe Claudia,
    wenn du wieder pilgerst, nimm ihm eine Rose von mir mit.
    Als ich ganz jung war, habe ich das „Bittersüße“ nicht verstanden. Und jetzt gibt er mir Trost, wenn ich mal so richtig traurig bin. Ich habe einen Heine-Gedichtband, der schon recht abgegriffen ist.

    Liebe Grüße an dich und danke für den Beitrag.

  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Das lese ich gerne, Gudrun. Zwar ist es nicht übertrieben wahrscheinlich, daß ich noch mal dorthin komme – aber wenn doch, denke ich an Deine Rose.

  4. Frau Momo schreibt:

    Ich lese Heine sehr gerne und auch immer wieder mal. Besonders mag ich sein Deutschland – Ein Wintermärchen.

  5. Frau Sterntau schreibt:

    Ooooh, die schlesischen Weber habe ich dereinst in der Schule gelernt. Da werden Erinnerungen wach… Ich mag das Gedicht sehr und bin stolz, dass ein so bedeutender Dichter die einstige Hauptindustrie meiner Heimat auf seine Art gewürdigt hat.

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