Kater am Kiosk

Nein, nicht das Gefühl von Alkoholikern bei der Ankunft an ihrem Treffpunkt. Sondern ein Prachtexemplar von Männchen der Art Felis silvestris catus, mit unglaublichem Phlegma gesegnet. Er ließ sich von mir, der völlig Fremden, seelenruhig ablichten und streicheln. Die Besitzerin des Kiosks (sein Menschenweibchen) sagte, er lasse sich nicht einmal von ihn betatschenden Kindern aus der Ruhe bringen.

Manfred Kyber
Die Katze des Propheten

Mohammeds Lieblingskatze schlief,
gewählt den Mantel
des Propheten sich zum Bette,
daß sie den Meister,
den sie liebte, nahe hätte –
als alle Gläubigen zum Gebete rief
des Wächters Ruf vom Turm der Minarette.

Da dachte der Prophet: von Gottes Throne
ruft das Gesetz zum Beten stark und laut,
doch stark und still verlangt es, daß ich schone
den Schlummer des Geschöpfes, das mir traut.
Das Laute und das Stille sind Gesetze –
wie acht ich beide, daß ich keins verletze?

Er schwankte – und behutsam mit der Hand
zerschnitt der Meister Allahs sein Gewand.
Das Tier schlief weiter in versonnter Ruh,
er aber wandte sich dem Osten zu,
um sich in Demut dem zu neigen,
dem alles heilig und zu eigen.

In jenem Augenblick hat der Prophet
zweifach dem Ewigen geopfert im Gebet:
einmal, als er zu Allah rief
sein Nachtgebet, das allgewohnte,
das zweite Mal, als er den Schlummer schonte
der Katze, die auf seinem Mantel schlief.

Und Allah sprach: “Wer so Gebete beut,
„schreibt Worte in die Welt, die ewig reden.
„Du und das Tier, das du betreut,
„seid beide einst in Gottesgarten Eden.“

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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7 Antworten zu Kater am Kiosk

  1. Patricia schreibt:

    Von dieser Ruhe hätte ich gern etwas! 🙂
    Übrigens, Claudi, guck doch bitte mal in deine Email.
    Und: ein schönes Wochenende wünsche ich!

  2. Frau Sterntau schreibt:

    Ach ne, wie goldig!
    Er guckt schon so buddhistisch, sehr gelassen.
    Gefällt mir 🙂

  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich glaube ja, trotz meiner großen Liebe zu Katzen, nicht, daß sie sich viele Gedanken machen um Philosophie und Religion. Futter geben und streicheln ist gut, hauen und kreischen schlecht, und es gilt das eine hervorzurufen und das andere zu vermeiden. Mehr muß eine Hauskatze über die Welt nicht wissen.

  4. LePenseur schreibt:

    Also wenn ich der älteren unserer beiden Katzen (die jüngere ist ein Katzen-Teenager und wie alle Teenager aller Zeiten weniger philosophisch, als übermütig bis reizbar veranlagt) tief in die grünfunkelnden Augen blicke, dann glaube ich schon ein Wissen über die Welt darin zu sehen.

    Jedenfalls: wenn ich sie streichle, fängt sie erst ganz tief und innig zu schnurren an, nachdem ich ihr ein »Du bist die wiedergeborene Bastet« ins Ohr flüsterte.

    Aber vielleicht täusche ich mich dabei auch bloß …

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Naja… auf Schmeichelei reagieren sie alle. 😉

  6. LePenseur schreibt:

    Nicht nur Katzen, habe ich mir sagen lassen … 😀

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