Der Vater des Konversationslexikons

Vor 295 Jahren starb der Leipziger Verlagsbuchhändler Johann Friedrich Gleditsch, dem wir das erste Konversationslexikon verdanken. Sein ausdrücklicher Wunsch war, dadurch die Allgemeinbildung zu fördern. In der von dem Lehrer und Schriftsteller Johann Hübner verfaßten Vorrede heißt es:

Nun trägt sichs gleichwohl gar offte zu, daß ein Gelehrter und gereister Mann, eine und die andre passage aus den Zeitungen nicht verstehet, und wenn das am grünen Holtze geschicht, was will am dürren werden? Ich will so viel sagen: Wenn die, so studiret, nicht allemahl wissen, was sie lesen, was vor Zweiffels-Knoten müssen denjenigen allererst vorkommen, die mit den Musen keine sonderliche Bekantschafft haben?
Quelle

Gleditsch billigte allen Schichten Bildung zu und wollte sie fördern. Kind seiner Zeit war er doch und meinte zunächst einmal die Männer aller Schichten; das elf Jahre später von ihm verlegte Frauenzimmer-Lexicon (von der Herzog-August Bibliothek zu Wolfenbüttel dankenswerterweise digitalisiert) geht aber immerhin von weiblicher Bildungsfähigkeit aus. Das gelehrte Frauenzimmer war zwar noch so etwas wie ein Wundertier (und ist es im Grunde bis heute), aber seine Existenz wird vorausgesetzt:

Gleichwie die Herren Verleger dieses Wercks durch ihre in der That sich selbst rühmenden deutschen Lexica dem männlichen Geschlechte bißher vortrefflich zu statten gekommen, und denenjenigen, so der lateinischen Sprache und derer darinnen versteckten Wissenschafften nicht kundig seynd, kein geringes Licht aufzustecken gesuchet, der Nutzen auch, der dem gemeinen Wesen durch Aushändigung solcher compendiösen und Loben-würdiger Bücher zugewachsen, sich durch den bekannten Abgang mehr als zu sehr verrathen, also ist zugleich auch Ihres rühmenswürdige Vorsorge dahin mitgegangen, wie sie mit ihrem nützlichen Verlag auch dem weibl. Geschlechte dienen, und selbigen dadurch einigen Vortheil gönnen möchten.

Denn was die Abfassung dieses Wercks betrifft, so habe ich mir dreyerley Classen Frauenzimmer bey Ausarbeitung dessen vorgestelltet, als nehmlich, das haushältige und sorgfältige, das curiöse und galante, und endlich das gelehrte Frauenzimmer, welche allerseits bey Durchblätterung dieses Lexici verhoffentlich etwas finden sollen, das nach ihrem Goust ist, und selbigen ein und andern Nutzen allerdings versprechen wird.

Konversationslexika kamen in Mode; aus dem 18. und 19. Jahrhundert gibt es unzählige Nachschlagewerke. Mein Favorit ist Meyers Konversations-Lexikon (begründet 1839); ein zwölfbändiges, reich illustriertes Exemplar, das um 1884 entstand, begleitete meine Kindheit und leistet mir bis heute gute Dienste. (Allerdings ist es fast unmöglich, darin einen einzigen Artikel nachzuschlagen – man liest sich fest.)

Allgemeinbildung nicht nur als wachsender Wirtschaftszweig und Statussymbol, sondern als gesellschaftliche Entwicklung ist auch in unseren Tagen erstrebenswert.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Der Vater des Konversationslexikons

  1. aebby schreibt:

    > als gesellschaftliche Entwicklung ist auch in unseren Tagen erstrebenswert

    Ja – aber ich befürchte diese Meinung ist kein gesellschaftlicher Konsens mehr. Meine Beobachtungen im Bildungssystem weisen eher darauf hin, dass Allgemeinbildung verhindert werden soll.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Leider! Allerdings wird diese ungute Entwicklung nicht nur „von oben“ beschlossen. Eine zunehmende Bildungsverdrossenheit ist auf allen Ebenen sichtbar. Wenn es nicht auch hie und da das Gegenteil gäbe – Leute, die sich mit Hingabe weiterbilden -, es wäre zum Verzweifeln.

  3. Patricia schreibt:

    „Zweifels-Knoten“ gefällt mir, die gibt es nach soviel hundert Jahren immer noch…

Kommentare sind geschlossen.