Gothic Life

Vor 153 Jahren wurde Brithrethe Landyn in London geboren. Ihre Eltern waren gebildete, wohlhabende und sehr spleenige Leute, die auf der durch romantische Schauerromane geprägten Welle morbider Mittelalter-Begeisterung fanatisch mitschwammen. Ihre Tea- und Dinner Parties, bei denen Mary Shelley ein gern gesehener Gast war, hatten stets ein „mittelalterliches“ Flair. So trat der Hausherr in Beinlingen und Tunika auf; die Gerichte enthielten nur seit dem Mittelalter bekannte Zutaten (also weder Kartoffeln noch Zucker). Brithrethe – so benannt nach einer Nonne des 12. Jhs. – spielte auf der Laute und sang.

Erst 19jährig (also noch nicht mündig) verlor sie ihre Eltern innerhalb einer Woche, kurz nachdem die beiden die Klosterruine Hore Abbey in Irland besucht hatten. Den wilden Spekulationen um den Tod der Landyns – die Vermutungen reichten von fluchbeladenen Zisterziensermönchen über mit finsteren Mächten paktierende Iren bis zu freimaurerischem Giftmord – leistete Brithrethe zwar keinen Vorschub, nutzte sie aber mit dem vom Vater ererbten Geschäftssinn aus, als selbsternannte Geisterjäger und Historienforscher ihr großzügige Geldsummen anboten, um einige Tage in der Hausbibliothek stöbern und dem genius loci nahe sein zu dürfen. Ihr Onkel, dessen Mündel sie nun war, ließ ihr größte Freiheit – vermutlich eher aus Gleichgültigkeit denn aus Liberalität, denn er schickte ihr zwar jährlich einen Wechsel über fünfzig Pfund, eine Handelsvollmacht sowie eine schriftliche Erlaubnis, „innerhalb der Grenzen von Gesetz und gutem Geschmack“ nach Belieben zu schalten und zu walten, ließ sich jedoch niemals bei ihr blicken. Brithrethe lebte mit einer Köchin und einem Hausmädchen allein in der großzügigen Villa.

Von dem ererbten Vermögen und den Zuwendungen des Onkels konnte Brithrethe auf großem Fuße leben. Die Einkünfte, die sie durch besagte „Forscher“ erzielte (Gothic Travellers, Gruselreisende, nannte sie die Neugierigen heimlich), ermöglichten ihr, das Wohnhaus immer mehr zu medievalisieren. Sie verzichtete völlig auf das moderne elektrische Licht, verbannte Nippesfiguren, Stilmöbel und das für höhere Töchter obligatorische Klavier, ließ sich stattdessen einfache, mittelalterlich anmutende Möbel bauen und perfektionierte ihr Lautenspiel. Auch ließ sie sich nach Vorbildern auf mittelalterlichen Miniaturen einkleiden und muß hierfür Unsummen ausgegeben haben.

Leider erstreckte sich ihre Ablehnung neuzeitlicher Technik auch auf die Photographie. Das einzige erhaltene Photo entstand um 1870 und zeigt sie in der zeitgenössischen Kleidung, die sie selten und ungern trug.

Jeden Freitag lud sie zur Dinner Party of Auld Lang Syne ein. Der romantische Traum vom Mittelalter wurde heraufbeschworen; jede Erwähnung neuzeitlicher Themen war verboten. Die Gesellschaft zählte ein gutes Dutzend Stammgäste, dazu meist einige Gelegenheitsbesucher. Es kam vor, daß ein Gast der äußerst attraktiven Dame des Hauses eine Liebeserklärung im Stil der Minnesänger machte, sie wies jedoch alle Avancen ab.

Die Lady Landyn of London, wie man sie scherzhaft nannte, lebte trotz ihrer Dinnerparties ungewöhnlich zurückgezogen; sie verließ London ihr Leben lang niemals weiter als zu Landpartien ins Umland. Sie las und musizierte viel und unternahm Ausritte – zum allgemeinen Entsetzen auch in mittelalterlicher Männerkleidung und mit einem Jagdfalken auf der Faust, und stets allein.

Die stolze Burgherrin starb 1888, kaum 30jährig – auf höchst neuzeitliche Weise, nämlich durch den Sturz vom offenen Oberdeck der Pferdestraßenbahn.

Leider geriet dies romanhafte, ungewöhnliche Leben bald in Vergessenheit. Zwar hat Brithrethe Landyn aus Sicht der Mediävistik sicher keine große Leistung vollbracht, aber ihre charmant-verrückte Mittelalter-Besessenheit hätte durchaus ein Denkmal verdient.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Gothic Life

  1. Liisa schreibt:

    Auch wenn ich es erst heute lese: herrlich!! Solche Aprilscherze lobe ich mir!

  2. Patricia schreibt:

    Ich finde, das ist ein hervorragender Plot für einen historischen Roman!
    Schreiben!

  3. Sylvia schreibt:

    Ich erinnere mich ans letzte Jahr ! Aber diesmal hab ich drauf vergessen.

    Du solltest einen Roman schreiben. Krimi.

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich dachte eher an einen Band mit Erzählungen: Frauen, die leider nie lebten. 😉

  5. Patricia schreibt:

    Auja, jute Idee!

  6. aebby schreibt:

    Ich las den Artikel mit großen Interesse und gestehe, dass ich Dir vollständig auf den Leim gegangen bin 🙂

  7. Claudia Sperlich schreibt:

    Das freut mich innig. 🙂

  8. Pingback: Nur ein Aprilscherz | Mein Leben als Rezitatorin und Verlegerin

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