Die Sterne müssen tanzen

Vor 344 Jahren starb der Pfarrer und Dichter Johann Rist. Er hatte aus der Überzeugung, daß ein Landpfarrer dies alles können sollte, Hebräisch, Mathematik, Chemie, Pharmazie und Medizin studiert. Die Hälfte seines Lebens verbrachte er in Kriegszeiten. Seine wertvolle Bibliothek wurde von schwedischen Plünderern geraubt. (Mir ist es eine besonders schreckliche Vorstellung, daß die Soldaten die Bücher möglicherweise nicht einmal günstig verkauft – geschweige denn gelesen -, sondern zerstört haben.)

Seine Gedichte und Stücke waren vielen Kriegsgebeutelten ein Trost. Viele seiner Gedichte wurden zu Kirchenliedern. Andere sind von praller Fröhlichkeit über die schöne Welt geprägt – selbst in Kriegszeiten.
Wie ungeheuer wichtig ihm die Dichtkunst war, zeigt ein Gedicht, daß er für einen Dichterkollegen schrieb:

Lob der Poeten
An den Tichter Johann Klaien zu Nürenberg.

Kaum gläub‘ ich, daß auf dieser Erd‘
Ein höher Lob gegeben werd‘
An allem Ort‘ und Enden,
Als denen, die mit Hand und Mund
Des Himmels Gaben machen kund,
Ja Lehr‘ und Tugend senden
In manches Herz, das dieser Zeit
Sich sondert von der Eitelkeit.
Poeten mein‘ ich, werter Freund,
Poeten, welchen niemand feind
Als Leute, die nichts wißen;
Die nur sind Schlaven dieser Welt,
Ja Tag und Nacht das bloße Geld
Zu samlen sind geflißen.
Bei solchem Stank und Lasterschaum
Hat selten ein Poete Raum.
Ein edler Geist, der höher zielt,
Ein Geist, der Feur und Himmel fühlt,
Ist inniglich gewogen
Der hochgelahrten Tichter Schar,
Von welchen nimmermehr fürwahr
Ein Frommer wird betrogen;
Da samlet sich zu ieder Frist
Was hungrig nach der Weisheit ist.
Wenn lobet Gott ein reiner Mund,
Wer ehret ihn aus Herzengrund?
Ich mein‘, es thun Poeten.
Wer rühmet Gottes Wunderthat,
Im Fall er ihn erlöset hat
Aus großer Angst und Nöten?
Wer singet Gott ein Liedelein?
Ich sage, daß es Tichter sein.
Wer wüste von den Helden doch
Ein einzigs Wort zu sagen noch,
Welch‘ Ilium bezwungen,
Wenn der Poeten Haubt und Licht,
Homerus, ihre Thaten nicht
Der Nachwelt vorgesungen?
Ein hochbegabter Tichter schreibt
Ein Werk, das nach dem Tode bleibt.
Poeten können Herz und Sinn
Durch ihre Kunst zum Trauren hin,
Wenn sie nur wollen, bringen;
Sie können wiedrum schweres Leid
Verkehren bald in lauter Freud‘
Und solches durch ihr Singen.
Was Menschen Augen je gesehn,
Muß ihnen schnell zu Dienste stehn.
Dafern nur ein Poete wil,
So steht der Himmel nimmer stil,
Die Sterne müssen tanzen;
Es springen auch die Stein‘ herfür,
Da hüpfen Wälder, Berg‘ und Thier‘,
Es zittern Wäll‘ und Schanzen;
Ja, was die schwarze Nacht bedeckt,
Wird durch Poeten aufgeweckt.
Herr Klaius, tretet doch herbei,
Durchleset dieß und saget frei,
Ob ich die Wahrheit schreibe?
Das weiß ich, daß kein Biedermann,
Was ich hier singe, strafen kan,
Wenn ich nur kühnlich bleibe
Bei dem allein, was Ihr gemacht,
Worüber Erd‘ und Himmel lacht.
Ihr, werter Tichter, und der Held,
Herr Harstorff, den die große Welt
Vor tausend andre preiset,
Ihr beide singet dergestalt,
Daß Ihr, was ich geschrieben, bald
Mit Hand und Mund‘ erweiset;
Drum seid Ihr, Lichter dieser Zeit,
Gesichert vor der Sterblichkeit.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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Eine Antwort zu Die Sterne müssen tanzen

  1. Insomnia schreibt:

    Sehr schön! Es wird in dem Gedicht auch ein wenig deutlich, was die Menschen zur Zeit des 30-jährigen Krieges geistig hat überleben lassen. Das Thema „Angst und Nöthe“, Leid, Trauer taucht ja mehrmals in dem Gedicht auf.
    Besonders schön finde ich:
    Dafern nur ein Poete wil,
    So steht der Himmel nimmer stil,
    Die Sterne müssen tanzen;

    Danke für diesen schönen Post!

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