Der kann kein Deutsch!

Bigi vom Synchronuniversum machte mich auf einen Artikel aufmerksam. Die Schweriner Volkszeitung meldete am 2. September 2011:

… Seit gestern kursiert ein gut 17 Minuten langes Video im Internet, das zeigt, wie sich der wegen Volksverhetzung verurteilte Spitzenkandidat Udo Pastörs vor Mädchen und Jungen einer Regionalschule produziert. Sie waren nach Auskunft des Bildungsministeriums mit ihrem Sozialkundelehrer im Rahmen des Projekts „Unterricht am anderen Ort“ in einer Gemeinde des Uecker-Randow-Kreises unterwegs, um Wahlplakate zu analysieren. Auf dem Film ist zu sehen, wie Pastörs in die Rolle des freundlichen Onkels Welterklärer schlüpft. Während er seine Parolen abspult, sieht der Lehrer zu – „ohnmächtig“, so wird es später im Bildungsministerium eingeräumt.
Dem Ministerium zufolge soll der Vorfall ein juristisches Nachspiel haben. Der Grund: Die Persönlichkeitsrechte von Lehrer und Schülern – konkret deren Recht am eigenen Bild – seien verletzt worden. Die NPD habe ohne Einwilligung der Betroffenen gedreht. Mit Blick auf die Fürsorge- und Aufsichtspflicht der Schule sei ein Medienanwalt eingeschaltet worden, hieß es gestern Abend. Er prüfe, ob die rechtsextremistische Partei den Mitschnitt von den Kindern weiter zur Wahlwerbung missbrauchen dürfe. Bildungsminister Henry Tesch (CDU) will heute die Schule besuchen und mit der Klasse sprechen. …

Ich habe mir das Video angetan.
Eine neunte Klasse ist es, also etwa Vierzehnjährige, ungefähr fünfzehn Schüler.
Der Lehrer sieht keinesfalls aus, als ob er mit P. sympathisiert (seine Miene ist recht grimmig). Aber was hätte er machen sollen? Natürlich hätte er die Filmerei untersagen müssen. Aber das Gespräch? Ein Schüler hatte (nach Aussage des Lehrers) gesagt: „Da kommen gerade die Herren, fragen wir die doch mal.“ Hätte der Lehrer seiner Klasse Demokratie beibringen sollen, indem er sagt „Nein, mit denen reden wir nicht“?

P. sagt dazu:

„Sehn Sie, das nenn ich Demokratie. Nicht über die NPD reden, sondern mit. Müssense dann auch die Marxisten fragen, also die Linke, ehemalige SED, „Schöner mit uns“, werben die. Schöner mit uns, ist nicht definiert, ist irgendwas, kann alles sein, ne? Und bei uns ist dieses Plakat…“

Das ist doch hervorragend! „Nicht über xy reden, sondern mit.“ – gefolgt von ein paar gehässigen Worten über einen abwesenden Dritten. Besseren Anschauungsunterricht über die Methoden der NPD konnte die Klasse doch nicht bekommen!

Und weiter:

P. fängt an zu schwadronieren, wobei er zunächst mal eine richtige Erklärung des Wortes Bonze gibt und etwas nicht völlig Falsches zu den Themen gerechte Löhne und Wahlwerbung sagt. (Ob er sich nach seinen Worten zu gerechten Löhnen richtet, steht auf einem anderen Blatt.)
Dann sagt er etwas sehr Interessantes, das vermutlich auch stimmt:
„Ich hab Geld und hatte Geld, sonst darf man ja gar keine Politik machen, muß ich inne CDU gehen, da kann ich das machen, aber NPD ohne Geld – keine Chance. Wirste geächtet, wirste fertiggemacht.“

Weitere goldene Worte:
„… sondern Kraft bekommt man durch Freude. Kraft durch Freude an der Arbeit.“
Da hoffe ich nun inständig, daß der Lehrer den Schülern diesen Ausdruck erklärt.

Übrigens geht der Lehrer durchaus auf das Geschwafel ein, indem er klarmacht, daß bei Landtagswahlen die von P. angsprochenen Punkte gar kein relevantes Thema sind. Und P.s Erklärung, warum man auch in aussichtslosen Situationen seine Meinung sagen muß (er harft vor Vierzehnjährigen auf dem Rauchverbot herum), ist so peinlich, daß kein Jugendlicher ihn ernstnehmen kann. Die tödlich gelangweilten Gesichter der Schüler während dieser Ausführungen sprechen Bände!

„Diese BRD wird genauso versinken, wie die DDR versunken ist.“ – Das ist im Zusammenhang mit dem, was er vorher über das Land gesagt hat, das ihn als Politiker bezahlt, hart an der Grenze zu dem, was den Bundesverfassungsschutz zu interessieren hat.

Zuletzt fragt ein Schüler den Herrn P.:
S. „Es gibt ja Deutsche, die nicht arbeiten wollen.“
P. „Ja.“
S. „Die beziehen freiwillig Hartz IV, weil sie keine Lust haben auf Arbeit.“
P. „Ja.“
S. „Und denn können doch eigentlich die Ausländer, die hier arbeiten wollen – die arbeiten wollen, weil sie in ihrem Land vielleicht keine Arbeit kriegen…“
P. „Ja…“
S. „… das ist doch nicht schlimm, wenn die hier arbeiten.“
P. „Abstrakt gesehen, würde das ja bedeuten, daß die faulen Deutschen ihre Arbeit gemacht bekommen sollen von Ausländern, die arbeiten wollen, ne, so umformuliert. Das geht aus, äh, staatsrechtlichen Gründen nicht, weil, äh, in Deutschland gilt ein Ausländergesetz, wir haben ein Ausländerges-, Ausländerrecht nennt sich das, ja, und dieses Ausländerrecht ist klar definiert. Da steht drin, wer in Deutschland, ähm, äh, hineinkommen darf und hier ’ne Arbeitserlaubnis bekommt und wer nicht. So. Und wir sagen auch nicht ‚Ausländer raus‘, sondern wir sagen, ‚kriminelle Ausländer raus‘. So. Und kriminelle Ausländer, äh, werden zum Beispiel in Amerika ganz anders behandelt, Fremde, die da kriminell werden, wenn du nach Amerika gehst, haste ganz andere Kriterien, wie wenn hier in Deutschland kriminelle Ausländer reinkommen und hier ihre Strafe abbüßen und dann hierbleiben dürfen. Geh in die Großstädte. Ich könnte dir da tolle neue BKA-Statistik von letzter Woche Dienstag hab ich im Kopf. Neu rausgekommen. Mal reingucken. Wir haben schwerste Verbrechen, äh, bis 60% Ausländeranteil. Nicht bei Taschendiebstahl. Da sind es 90%…“

anderer Schüler (genervt): „Stop.“

P.: „… ne, da sind es 90%. Aber bei jetzt Mord, Raub und so weiter sind die Zahlen, was die Tätergruppe angeht, bei Ausl…, diese schweren Kapitalverbrechen, sehr hoch. Und die wollen wir alle rausschaffen. Die kriegen hier ihre Strafe, die sitzen die ab und anschließend kriegen die in ihren Pass hinein, daß die hier Einreiseverbot haben. Ganz klar. Wir machens nicht wie Amerika, die schießen in Südmexiko unten in – an der Grenze in El Paso, schießen die ausm Hubschrauber auf Ausländer. Ist keine Hetze. Ist Tatsache. El Paso, von Mexiko hoch, die da hoch wollen. Ja? Da ist ne Mauer, da ist die Berliner Mauer nichts dagegen. Nichts dagegen!“

Lehrer: „Herr Pastörs, wieviel Prozent? NPD – Prognose aus Ihrer Sicht?“

P. schweigt.

Lehrer: „Ich will nur ne Zahl.“

P.: „Ich weiß. – Ich bin auch kein Prophet und überlasse…“

Lehrer: „Nur ne Prognose!“

P.: „… und überlasse das dem… dem… dem Souverän, dem Wähler. Ich denke, es wird deutlich mehr, äh, als 5%, und bei der Hetze und bei den Steuergeldern, die man gegen uns eingesetzt, und die Lehrer haben sich daran beteiligt an der Hetze, nicht Sie persönlich, ich bin im ganzen Land unterwegs. Die Lehrer lassen sich immer für Regime benutzen. Ist so. Äh, bin froh, daß ich kein Lehrer bin. Äh, ich denke, fünf, fünf Prozent plus x sind mir sicher, und alles, was über 6,5% ist, ist ein hervorragendes Ergebnis, wenn man allein gegen die Mafia kämpft.“

Leider endet das Video hier. Ich hätte gern gewußt, wie der fragende Schüler auf diese anstelle einer Antwort gegebenen Ausführungen reagiert hat.

Bitte, wenn Euch an Logik und gutem Deutsch liegt, wählt etwas anderes. (Aber die Leser meiner Seiten tun das ohnehin.)

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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5 Antworten zu Der kann kein Deutsch!

  1. theomix schreibt:

    Danke für’s Probegucken. Du ersparst einem eine Menge.
    Und die beiden letzten Sätze, ja, da bin ich mir recht sicher…

  2. bigi schreibt:

    Hut ab – ich bewundere hier wirklich immer und immer wieder (in Sachen Amöbe schon) deine Gelassenheit und Abgeklärtheit, die mir immer wieder sagt, dass ich in vielem eben doch noch zu emotional bin…
    aber wie gesagt – ich krieg immer gleich dicke Backen 😉
    Lieben Gruß bigi

  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Gelassenheit ist leider durchaus nicht meine hervorstechende Eigenschaft. Sollte ich dem Kerl tatsächlich begegnen, bestünde die Gefahr, daß ich richtig laut werde.
    Mir hat übrigens der Lehrer durchaus gefallen. Gegen das nicht enden wollende Geschwafel diese Stakkato-Frage nach der Wahlprognose setzen, fand ich wirklich gut.
    Und Pastörs „allein gegen die Mafia“ – das hat doch auch was. Ich kenne keinen jetzt lebenden Satiriker, dem das eingefallen wäre.

  4. Wolfram schreibt:

    Äh, ja, ähm, also… ach nee, ich kann ja reden. 😀
    Nee, was ein Gestammel!

    Aber die Sache mit der Kraft durch Freude an der Arbeit – rein inhaltlich gesehen ist das ja nicht falsch: wenn man an einer Sache Freude hat, dann gewinnt man aus dieser Freude wieder Energie, um die Sache durchzuziehen. Wenn mir meine Arbeit Freude macht, gehe ich mit viel mehr Schwung daran, als der Kollege, der das nur macht, weil er muß. Und aus der Freude an der Arbeit ziehe ich… ach, hab ich ja schon gesagt.

    So wie das gesagt wurde mit „Kraft durch Freude an der Arbeit“, klingt es natürlich bedenklich. Vor dem politischen Hintergrund des Reders (sic!) sieht man sogar noch einen Nebel von „Arbeit macht frei“ aufsteigen…
    Aber ist es nötig, diese Zusammenstellung harmloser Begriffe, die noch dazu sachlich zutreffend ist, auf ewig zu brandmarken? Ich bin unschlüssig. Müssen wir statt dessen wirklich einen anglophonen Begriff für die gleiche Sache einführen, da gibts doch irgendwas wie positive Thinking-Motivation training oder sowas…?

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Einerseits ist es der politische Hintergrund des Stammlers, der diesen Ausdruck so schaurig macht. Andererseits ist der ursprünglich treffende Ausdruck tatsächlich durch die Nazis so korrumpiert worden, daß man ihn unbefangen nicht mehr sagen kann. Die Aussage „Arbeit gelingt besser, wenn sie Freude macht“ ist genauer, weniger parolenhaft und nicht vorbelastet. Wenn es denn eine griffige Parole sein muß, läßt sich sicher eine finden.

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