Brot und Hunger

Auch in diesem Jahr beteilige ich mich am Blog Action Day – diesmal mit dem sehr frei interpretierbaren Thema Food / Essen.

Besondere, neuartige, umwälzende Mittel, um den Hunger der Welt zu überwinden, sind mir nicht bekannt – nur die gewöhnlichen, altbekannten, umwälzenden Mittel Gerechtigkeit, Bildung und Frieden. Deshalb geht es hier wieder einmal um nichts anderes als Lyrik, davon verstehe ich mehr als von Weltpolitik, und es ist gut, gelegentlich über die Aussagen in Gedichten nachzudenken.

Friedrich von Logau wußte mehr über Krieg und Hunger und über den Wert des Brotes als ich, und deshalb kommt er heute gleich mehrfach zu Wort mit Gedichten, die heute genau so gültig sind wie im Dreißigjährigen Krieg.

Der Hunger

Mir ist ein Gast bekant, der dringt durch freches Plagen,
Daß ihn ein frommer Wirth soll auß dem Hause jagen;
Wann dieser es nicht thut, ist jener nimmer stille,
Biß daß man Gast und Wirth in eine Grube vülle.

Krieg und Hunger

Krieg und Hunger, Kriegs Genoß,
Sind zwey ungezogne Brüder,
Die durch ihres Fusses Stoß
Treten, was nur stehet, nieder.
Jener führet diesen an;
Wann mit morden, rauben, brennen,
Iener hat genug gethan,
Lernt man diesen recht erst kennen;
Dann er ist so rasend kühn,
So ergrimmet und vermessen,
Daß er, wann sonst alles hin,
Auch den Bruder pflegt zu fressen.

Und obwohl – oder weil – er über Haben und Nichthaben von ganz gewöhnlichem Brot so genau Bescheid wußte, konnte er sogar dessen Wichtigkeit relativieren:

Brot

Das Brot für diese Welt, das mag man täglich essen;
Das Brot für jene Welt, das wil man bald vergessen.
Das Brot für jene Welt gibt Brot für diese Welt;
Wie daß man dann nun Brot, als Gott, viel werther hält?

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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14 Antworten zu Brot und Hunger

  1. Wolfram schreibt:

    Ich muß gestehen, ich kannte Logau nur vom Treffen in Telgte. Im „Ewigen Brunnen“ ist er entweder nicht vertreten, oder ich habe ihn überlesen, und aus anderen Anthologien ist er mir ebenfalls nicht geläufig.
    Dabei hat er durchaus einiges zu sagen!

    Aus welcher Zeit stammt die Orthographie der Zitate, mit „Biß“, „Fusses“ und einer Menge y?

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Die Gedichte fand ich in http://gedichte.xbib.de/ – hier sind zwar leider nicht alle, aber doch manche Gedichte in Originalorthographie.
    Eine andere sehr gute Anthologie mit durchgehender Originalorthographie ist http://www.zeno.org/Literatur.

  3. Hase schreibt:

    Danke für die Gedichte !

  4. erinnye schreibt:

    Sehr alte Gedichte, die leider immer noch aktuell sind. Unerträglich, da Hunger ja EIGENTLICH heute gar nicht mehr sein müsste, wenn denn die Menschheit halbwegs verantwortungsvoll und vernünftig wäre.

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Was sie leider noch nie über längere Zeit war.

  6. Pingback: Herbstessen, öko, fair und lecker

  7. aebbi schreibt:

    Wie letztes Jahr motiviert mich erst Dein Beitrag doch noch was zum Blog Action Day zu schreiben, mal sehen ob ich es diese Woche noch hinbekomme.

    Die Gedichte sind sehr eindringlich, hier bei Dir bemerke ich immer wie unbedarft ich in Sachen Lyrik bin und was mir dabei entgeht.

  8. Claudia Sperlich schreibt:

    Logau ist leider nicht mehr sehr bekannt, obwohl er so produktiv war und so vieles von seinem Werk bis heute verständlich ist. Auch das war für mich ein Grund, ihn hier mal wieder vorzustellen.
    Über einen Artikel von Dir zu diesem Thema würde ich mich sehr freuen.

  9. Frau Momo schreibt:

    Irgendwie ist dieser Blogday leider an mir vorbeigegangen…zu dem Thema hätte ich sicherlich was zu schreiben.

  10. Claudia Sperlich schreibt:

    Es muß ja nicht Blog Action Day sein, um etwas Vernünftiges zu dem Thema zu schreiben! Ich wäre auf einen Artikel von Dir sehr gespannt.

  11. Frau Momo schreibt:

    Danke, aber das wird wohl erstmal nix… gerade erhielt ich einen Anruf…. ein guter Freund liegt im Sterben. Das wird jetzt wohl erstmal meine ganze Aufmerksamkeit fordern.

  12. Claudia Sperlich schreibt:

    Das tut mir sehr leid.

  13. juwi schreibt:

    Es ist schon traurig, dass manche Themen über Jahrhunderte hinweg nichts von ihrer Aktualität einbüßen. Ich denke nicht, dass es „besonderer, neuartiger, umwälzender Mittel“ bedarf, damit der Hunger der Welt zu überwunden werden kann. Die von dir genannten Mittel sollten dafür vollkommen ausreichen. Sie befähigen uns das abscheuliche Spiel der Zocker an den Börsen zu durchschauen. Je mehr wir werden, desto größer wird unsere Chance, sie daran zu hindern und das Gleichgewicht in der Welt wieder herzustellen.

    Gruß von der Nordseeküste,
    juwi

  14. Claudia Sperlich schreibt:

    Umwälzend finde ich ja, wie oben gesagt, auch die genannten Mittel. Allerdings ist das Schlimme, daß die Zocker an den Börsen auch Freunde haben – und daß es gewaltsame Unterdrückung vermutlich auch schon gab, bevor die Phönizier das Geld erfanden.

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