Was Europa nicht braucht

Ein Artikel muß auch hier nicht notwendig zu einem besonderen Jahrestag erscheinen. Anlaß für das Folgende ist meine Beschäftigung mit diesem Thema, und ich halte es nicht für sinnvoll, mit der Veröffentlichung bis zur letzten Aprilwoche zu warten, nur damit der Artikel zu einem noch dazu sehr grausigen Jahrestag erscheint.

Vor gut 96 Jahren, am 24. April 1915, begann der Völkermord an den Armeniern. Wenig später, am 27. Mai 1915, wurde das Deportationsgesetz gegen die Armenier in der Türkei erlassen und zu äußerster militärischer Härte aufgerufen. Die Deportationen sowie die Entwaffnung und Hinrichtung armenischer Soldaten im türkischen Heer hatten schon einige Zeit vorher begonnen. Sie sollten sich über ein Jahr hinziehen. Sie beinhalteten Sonderzüge – mit Menschen überfüllte Viehwaggons -, Auflösung von Waisenheimen der Missionsschwestern und Wegführung von tausenden von Kindern sowie Vergewaltigungen und Verstümmelungen. Von denen, die den Marsch überlebten, endeten die meisten in der syrischen Wüste oder der mesopotamischen Steppe – das waren die beiden Endstationen der Deportation.

Das Verbot, einen Völkermord als solchen zu bezeichnen, kann die Europäische Union nicht brauchen. Zwar wird heute in der Türkei offiziell behauptet, es sei ein Versehen gewesen, Leute unter Bedingungen zwangsumzusiedeln, die ungefähr eine Million von ihnen das Leben kosteten. Jedoch besteht kein Grund, die damaligen Machthaber für komplette Idioten zu halten – und nur solche hätten die Folgen einer Deportation in diesem Ausmaß und unter den damaligen Umständen nicht abgesehen.
Wie man aus Versehen foltert und mordet, ist mir ebenfalls nicht deutlich. Glaubwürdige Berichte, das beides an der Tagesordnung war, existieren.

Hat ein Land, in dem man für die Aussage, es habe doch einen Genozid gegeben, wegen Beleidigung der Bevölkerung und Kultur dieses Landes mit bis zu drei Jahren Knast bestraft wird, Platz an einem Tisch mit einem Land, das die Leugnung eines Völkermordes zu Recht unter Strafe stellt?

Wenn die Türkei EU-Mitglied wird, ist in einem Teil der EU bei Gefängnisstrafe verboten, einer Resolution der Vereinten Nationen zuzustimmen. Es sei denn, die Türkei streicht vorher den Artikel 301 aus dem Türkischen Strafgesetzbuch.

2006 wurde das Menschlichkeitsdenkmal des türkischen Künstlers Mehmet Aksoy aufgestellt, ein riesenhafter zweigeteilter Mensch, der für die Zerrissenheit zwischen Armeniern und Türken steht ebenso wie für den Wunsch, diese Zerrissenheit durch Versöhnung zu heilen. Diese monumentale Bitte um Frieden und Brüderlichkeit wurde 2011 auf Initiative des türkischen Ministerpräsidenten abgerissen.
Wenn die Türkei EU-Mitglied wird, darf in einem Teil der EU die Regierung über die Existenzberechtigung von Kunst befinden.

Talât Pascha und seine beiden Hauptmittäter Enver Pascha und Cemal Pascha wurden 1919 für den Genozid an den Armeniern in der Türkei zum Tode verurteilt – in Abwesenheit, denn alle drei waren auf deutschen Kriegsschiffen entkommen. Talât Pascha lebte mit seiner Familie in Berlin. 1921 wurde er von dem jungen Armenier Soghomon Tehlirian erschossen. Zum ersten Mal war Deutschland mit den Verbrechen an den Armeniern in einer Weise konfrontiert, die die Regierung nicht mehr beschönigen oder weglügen konnte. Tehlirian wurde freigesprochen. Kurze Zeit später wurde die Türkei unter Kemal Atatürk wieder militärischer Verbündeter Deutschlands, und fortan war von den Verbrechen an den Armeniern keine Rede mehr. Heute stehen in Istanbul zwei riesige Ehrenmäler für Enver Pascha und Talât Pascha.

Ob die Regierungen der Europäischen Union wohl den Mumm haben, ein Land als Partner abzulehnen, das das Recht auf Leben, die freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst so massiv einschränkt? Da das Land Natopartner ist, zudem Mumm nicht zu den Berufsvoraussetzungen eines Politikers gehört, habe ich meine Zweifel.

Ich hoffe trotzdem auf Gerechtigkeit für die Armenier. Einstweilen lege ich meinen Lesern ein Buch von Franz Werfel ans Herz.

Die Türkei wird am Ende ihre Geschichtsschreibung radikal verändern müssen. Ich will, daß sie diese Dinge erfährt, ich will, daß es in jedem türkischen Fernsehsender, in jeder Zeitung, überall diskutiert wird.

Cem Özdemir in dem Dokumentarfilm Aghet – Ein Völkermord

Auch den Film, aus dem dies Zitat stammt, kann ich nur empfehlen. Darin werden zahlreiche Augenzeugen zitiert – Diplomaten, Krankenschwestern, Journalisten und andere. Filmische und photographische Beweise werden ebenfalls gezeigt.

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.