Vorurteile nach dem Alphabet

Für gesellige Runden an langen Winterabenden eignen sich Sprachspiele besonders gut. Ein zur Zeit besonders populäres stelle ich heute vor:

Alle (X) sind (z).

Für X setze man die Angehörigen einer möglichst großen, möglichst vielfältigen Gruppe, für z ein Adjektiv für eine abstoßende oder lächerliche Eigenschaft oder ein Nomen, das in höchstem Maße unangenehme Menschen bezeichnet. X kann also stehen für Gläubige, Atheisten, Politiker, Frauen, Homosexuelle oder, wenn man ein wenig origineller sein will, Bäcker, Leierkastenmänner, Grünäugige, Molekularbiologen usw. z kann für Adjektive von abartig über miserabel bis zweifelhaft ebenso stehen wie für Nomina von Analphabeten über Miesepeter bis Zecken. Wörter aus der Gossensprache sind dabei ebenso nützlich wie solche aus dem Themenfeld Kriminalität.

Leider hat sich bisher noch niemand die Mühe gemacht, klare Regeln für dies Spiel aufzuschreiben. Aber jedes Spiel gewinnt durch Regeln an Unterhaltungswert.

Hier eine anspruchsvollere Variante des Spiels – geeignet für einen Kreis von mindestens vier Spielern. Die Regel kann hier erweitert werden zu

Alle (X) sind (y) (z) – wobei y für ein Attribut zu z steht.

Der erste Spieler beginnt mit dem Buchstaben A und sagt zum Beispiel:

Alle Apotheker sind ausgebuffte Aasgeier.

Es geht reihum; der nächste fährt fort z.B. mit

Alle Bundesbürger sind bierbäuchige Bastarde.

Findet ein Spieler keine Antwort, so muß er einen vorher verabredeten Betrag in die Mitte des Tisches legen, und der folgende Spieler kommt mit dem gleichen Buchstaben an die Reihe. Findet für einen Buchstaben die ganze Spielerrunde keine Lösung, wird dieser Buchstabe übersprungen – natürlich erst, nachdem jeder sein Strafgeld entrichtet hat. Das gesammelte Geld geht einer der Völkerverständigung und Toleranz dienenden Organisation zu. Man kann es natürlich auch gemeinsam versaufen.

Man kann vor jeder Runde auch Sonderregeln aufstellen. Man kann z.B. Gruppen ausschließen, denen mindestens ein (Variante: bestimmt kein) Mitspieler angehört. Oder man kann sich auf Gruppen beschränken, die es vor zweihundert Jahren noch nicht gab (damit wäre die Gruppe Männer ausgeschlossen, die oben erwähnten Molekularbiologen aber nicht). Eine Zusatzregel für anspruchsvolle Spieler besagt, daß für jede Behauptung auch eine Quelle – natürlich mit dem gleichen Buchstaben – genannt werden muß, etwa

Alle Eisenbahner sind ehrlose Erbschleicher, das weiß ich von Einstein.

oder

Alle Köche sind kaltblütige Killer, so Kluges Etymologisches Lexikon.

In öffentlichen Lokalen sollte man dies Spiel aber nicht ohne vorherige Aufklärung des Wirtes spielen. Für Schäden durch juristische oder kampfsportliche Aktionen übernehme ich keine Gewähr.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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3 Antworten zu Vorurteile nach dem Alphabet

  1. alipius schreibt:

    Okay, die Idee ist nicht schlecht.

    Aber sie nimmt dem Phänomen, über welche ich mich aufregte, nicht den Stachel, denn (wie Josef Bordat auch gestern spät noch anmerkte): Es haut nicht hin, die auf facebook beleidigten Christen mit Köchen, Eisenbahnern oder Apothekern auf eine Stufe stellen zu wollen. Nicht einmal mit Ostfriesen oder Blondinen. Denn es wird nirgendwo zur Gewalt gegen Köche, Eisenbahner, Apotheker, Ostfriesen oder Blondinen aufgerufen, und keine der zuvor genannten Gruppen muß in vergleichbarer Weise spürbar unter Drangsalierung leiden wie z.B. Juden, Homosexuelle oder Christen, die eben WEIL sie Juden, Homosexuelle oder Christen sind, dies zu erdulden haben.

    Klar sind Deine Biespiele mit einem Augenzwinkern gemeint. Aber das Problem ist, daß solche Vorurteile in manchen Ecken der Welt eben schreckliche Folgen haben. Folgen, die Köche, Eisenbahner und Apotheker nur zu spüren bekommen, wenn sie gleichzeitig auch z.B. Juden, Homosexuelle oder Christen sein sollten.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Sicher. Ich möchte mit diesem Spiel auch nicht irgendwelche Hetzreden verharmlosen.
    Aber es hilft meiner Ansicht nach wirklich, dem Bösen gelegentlich ins Gesicht zu lachen, ihm zu sagen, daß es außer böse und gefährlich und dumm auch reichlich lächerlich und kindisch ist. (Und wenn man bei einem solchen Spiel rein zufällig auch mal das Böse in sich ertappt und auslacht, um so besser.)
    Zudem stelle ich ja nicht die Opfer von Hetze und Verleumdung auf eine Stufe mit Leuten, die als Gruppe keinesfalls Opfer werden, sondern ich versuche das Unlogische und Lächerliche solcher Aktionen wie der von Josef Bordat beschriebenen Seite spielerisch – das heißt auf möglichst friedliche Weise – zu verdeutlichen.

  3. Sylvia schreibt:

    Mir g’fallt das jetzt so gut, dass ich es als Ganzes nehme und *rübertrage* (ja, ich weiß, du hast es verlinkt, aber der Text ist es Wert als Ganzes nochmal gebracht zu werden) -> gemeinsam versaufen *kicher*

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