Kinderspiel

Für Eltern, Tanten, Onkel, Großeltern und Paten kleiner Kinder wird es höchste Zeit, an Geschenke zu denken. Wer sich Geschmack und Vernunft noch nie geleistet hat, wird schnell fündig.

Geschlechtsübergreifend: Das Telephon. Es muß quietschbunt sein und ein Gesicht haben, am besten auch eine quäkende Stimme. Ganz falsch ist es, ein Spielzeugtelephon als Illustration der Wirklichkeit zu gestalten, und vollkommen unsinnig, dem Kind einfach das kaputte Telephon zum Spielen zu geben. Es könnte dann ja spielerisch einen Bezug zur Wirklichkeit herstellen, und das kann keiner wollen.

Noch besser sind die geschlechtsspezifischen Spielsachen, und hier kann man gar nicht früh genug anfangen, Kindern klar zu machen, wo sie hingehören.

Bei Jungs ist es einfach, die bekommen entweder eine Rennbahn oder eine Werkbank. Bei der Werkbank ist unbedingt darauf zu achten, daß man damit nichts Handwerkliches machen kann! Plastik und so leicht wie möglich, heißt die Devise. Aus Plastik sind natürlich auch Hämmer, Akkuschraubendreher, Kettensägen – damit die Jungs auf keinen Fall das geringste Gefühl für Gefahr entwickeln und erst Jahre später lernen, wie man eine Kettensäge besser nicht gehalten hätte. Zudem können ein paar Extraterrestrische mit Laserschwertern und Überschallkanonen nicht schaden.

Arme Leute, die sich gar nichts leisten können, schrauben dem Kind eine dicke hölzerne Platte auf vier Tischbeine, schenken ihm einen leichten Hammer und Nägel, Holzschrauben und einen Schraubendreher und zeigen ihm geduldig und genau, wie man damit umgeht. Dabei haben sie nicht die mindeste Sorge, das Kind könne sich den Nagel ins Auge treiben. Vielmehr sind sie der Meinung, wenn es sich schlimmstenfalls mit dem Hammer einmal wehtut, können sie es trösten und noch einmal genau zeigen, wie es geht, und dann kann es mit einem Hammer umgehen. Dies Geschenk wird dann jährlich erweitert und angepasst. Wenn Vernunft und Geschicklichkeit angeblich weit genug entwickelt sind, kommt eine Zange dazu, ein Handbohrer, dann eine Säge – und wenn die Eltern das zwölfjährige Kind dann soweit haben, daß es handwerkliche Arbeit nicht nur gerne mag, sondern sogar erstrebenswert findet, bekommt es einen leichten Elektrobohrer. Elektrizität in Kinderhand, da kennt diese Klasse gar nichts!

Nun zu den Mädchen.

Die Klassiker sind natürlich Puppenhaus und Herd. Hierbei ist wiederum möglichst große Realitätsferne zu beachten. Außerdem muß Rosa unbedingt die Hauptfarbe von allem sein. Also bitte, rosa Bauernhöfe mit rosa Kühen, rosa Villen für die rosa Prinzessinnen und ein wenigstens teilweise rosa Herd.
Sind diese Klassiker schon da, so wird es für die Sieben- bis Achtjährigen höchste Zeit, sich auf das Leben als Frau vorzubereiten. Da es für Frauen ja nur die Wahl zwischen Haus- bzw. Putzfrau und Schlampe gibt, hier ein paar Vorschläge.

Für den häuslichen Typ:
Putzwagen mit Wischer (rosa)
Eimer mit Aufsatz und Wischmop (klinisch blau)
Staubsauger (teilweise rosa)
Waschmaschine mit realistischen Sounds und unterschiedlichen Waschprogrammen (weiß und rot mit abgerundeten Ecken)
Nähmaschine (rosa)
27teiliges Küchenset (Griffe rosa)
Kinderküche (großenteils rosa)
Spüle mit Plastikgeschirr (großenteils rosa)

Für den Typ der Prostituierten:
Pole-Dancer-Puppe mit starkem Kindchenschema, komplett mit Minikleid in Metallicfarbe und Stange mit Discokugel, batteriegetrieben
Babypuppe mit übertriebenem Kindchenschema, übergroßen Augen, Lidschatten, verlängerten Wimpern und Glitzerbikini
Computerprogramm, mit dem man Baby- und Kleinkindphotos zu sexualisierten glitzernden Modepüppchen ausstaffieren kann

Typunabhängig:
Schminkset und Frisierkopf (großenteils rosa)
Frisierkoffer (rosa)
Tagebuch (rosa)
Haarschmuck mit stilisierten, auf Hinterbeinen stehenden Kätzchen (rosa)
Tattoopistole, mit der man kleine „Tätowierungen“ auf Puppen- und Menschenhaut aufbringt (rosa)

Ökospießer und Emanzenzicken schenken ihren Kindern zwar eventuell auch Puppenhäuser, aber aus Holz, farblich ganz einfach und ziemlich hausähnlich. Es kommt bei solchen Leuten sogar vor, daß Mädchen Handwerkszeug bekommen (also richtiges, wie oben bei den Jungs der ärmeren Schichten beschrieben) oder – genau wie der männliche Nachwuchs in solchen Familien – Bücher. Aber Himmel, in welcher Kargheit sollen die armen Kinder denn aufwachsen? Und ist es nicht pädagogisch wertvoll, den Mädchen früh beizubringen, daß Hausfrau und Nutte auch in Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit bleibende Optionen sind?

Bücher sind furchtbar altmodisch und eigentlich auch spießig. Aber wenn es denn unbedingt Bücher sein müssen, sollten sie wenigstens rosa sein und von Elfen oder Eisprinzessinnen handeln, allenfalls noch von Kätzchen. Für Jungs kommen Bücher schon überhaupt nicht in Frage, echte Männer lesen nicht!

Anmerkung:
Jedes der Spielzeuge, die ich vorgestellt habe, ist auf dem Markt.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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11 Antworten zu Kinderspiel

  1. liisa schreibt:

    Man weiß fast nicht, wen man mehr bedauern soll, die armen Kinder, die solche Geschenke unterm Weihnachtsbaum vorfinden (selbst wenn sie sich diese gewünscht haben sollten) oder die armen Eltern (Verwandten, Paten, etc.) denen keine besseren Einfälle für Geschenke für die lieben Kleinen gekommen sind!

  2. piri ulbrich schreibt:

    Oweh, ein schwieriges Thema und bei uns sehr aktuell. Die Junioren haben alles schon und wünschen sich dennoch etwas zu Weihnachten. Schrott möchte ich nicht verschenken und das was ich gerne schenken möchte, wollen sie nicht, weil sie entweder aus dem Alter raus sind oder nichts damit anfangen können, weil sie es nicht kapieren. Rosa und Hellblau kommt zum Glück sowieso nicht mehr infage. Aber was bleibt noch? Behinderte Menschen zu beschenken ist eine Herausforderung – wir stellen ihr uns immer wieder.

  3. Aurélie Sterntau schreibt:

    Ich plädiere für Bücher, immer. Ich schenke oft, sehr oft Bücher, einfach weil es ein persönliches Geschenk ist, denn ich suche Bücher immer gewissenhaft aus.
    Schön ist dann, wenn ich wie vor Kurzem gesagt bekomme „Das Buch, was du vor X Jahren mal meinem Kind geschenkt hast, ist immer noch sehr beliebt bei ihm.“ Herrlich, da geht mir das Herz auf.

  4. Braut des Lammes schreibt:

    Also, um ganz offen zu sein, ich wünschte, es gäbe rosa Herde auch für Erwachsene…

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Erwachsene, die rosa Herde kaufen, sind irgendwo selber schuld. Aber zugleich ist es auch was ganz anderes, wenn man den eigenen rosa Herd kauft, als wenn man Töchterchen darauf drillt, Hausweiblein zu werden.

  6. erinnye schreibt:

    Meine zu beschenkenden NichtenNeffen/Patenkinder sind zu alt für rosa Herde. Ich habe nie rosa Herde geschenkt, sondern immer „vernünftige“ Dinge oder Bücher. Aber insgesamt fand ich die Schenkerei problematisch. Auch die Bücher. Kinder mit relativ gut situierten Eltern haben einfach zu viel. Ein Feedback zu den Büchern habe ich eigentlich nie gehört. Meiner Meinung nach wird generell zu viel geschenkt, die Kinder können das gar nicht mehr alles lesen oder bespielen.

  7. Claudia Sperlich schreibt:

    Das stimmt allerdings. Ich erlebe aber gerade bei Büchern auch, daß ich lange nach Weihnachten feststelle, wie gut sie angekommen sind. Direkt nach Weihnachten gehen Geschenke leider oft unter in der schieren Masse, von der nach einem Monat dann doch nicht mehr alles interessant ist.

  8. Braut des Lammes schreibt:

    Na ja, vielleicht sieht meine Küche heute aus wie die meiner Urgroßmutter und ich strebe nach einem rosa Herd, weil man mir als Kind Autorennbahnen und ähnliches geschenkt hat. Warum ist übrigens jemand zu bedauern, der sich den rosa Herd (oder die rosa Kuh, was das betrifft) selber gewünscht hat?) Genausowenig wie man jemanden auf etwas drillen sollte, sollte man ihn doch von seinen Wünschen und Sehnsüchten fernhalten, auch wenn es nicht eigenen sind.

    Bücher sind natürlich äußerst edel, haben aber zumindest in meiner Jugend auch manches klassische Rollenklischee transportiert – so sind in den Sue Barton-Büchern alle Ärzte männlich, überhaupt keine Frage.

  9. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich möchte den Einfluß von häßlichem Spielzeug und Schmonzetten nicht überbewerten. Kein Kind wird deshalb ein rassistischer Killer, weil es mal einen Plastikpanzer zu Weihnachten bekam, oder ein unemanzipiertes Hausweibchen, weil es Heidi las.
    Aber bei den oben vorgestellten Horror-Spielsachen kann ich mir kaum vorstellen, daß sie von Menschen verschenkt werden, die gleichzeitig ihre Kinder zu selbständigen, wissbegierigen Leuten erziehen wollen. Übrigens denke ich schon, daß Geschmack, Kritikfähigkeit und Denken durch Lesen oder Basteln oder Malen eher gefördert werden als durch poledancende Püppchen.

  10. Braut des Lammes schreibt:

    Verzeih, inhaltlich hat sich auch das Vorstehende (bis auf den Abstecher zur Literatur) natürlich nur auf rosa Herde und Puppenküchen bezogen.

  11. Claudia Sperlich schreibt:

    Alles klar. Wobei ich bei dem Ausdruck „rosa Herde“ kurz an eine Schar auf niedlich getrimmter kleiner Mädchen dachte. 😉

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