Geiz ist ungeil!

Darüber habe ich an anderer Stelle geschrieben und importiere den Artikel jetzt mal frech – weil ich ihn, in aller Unbescheidenheit, gut genug für zwei Blogs finde.

Eine der dummdreistesten Werbekampagnen will glauben machen , Geiz sei geil. Das verdient nähere Betrachtung.

Zunächst einmal Geiz in Reinform: Nichts wird weggegeben, alles, was nicht zum eigenen Überleben dringend notwendig ist, wird zusammengerafft und festgehalten.
Geil ist heute fast zum Synonym für gut und schön geworden. Gärtner wissen noch um die ursprüngliche Bedeutung des Wortes, sie kennen bei Pflanzen die entzückende Formulierung geile Triebe (die es, hélas, zurückzuschneiden gilt). Geil ist, was und wer fröhlich bereit ist, sich voll und ganz zu verschenken!
Geiz kann also gar nicht geil sein. Geiz ist die ungeilste aller Todsünden. Geiz macht verkniffen, häßlich und dürr. Ein Geizhals in hüftbetonter Eleganz und mit samtweicher parfümduftender Haut ist gar nicht vorstellbar.

Der Ursprung besagter Werbekampagne ist aber nicht nur falsch, er ist grundböse und verdient eine nähere Betrachtung, damit man fürder so Beworbenes umso lieber meidet.

Die Werbung zeigt Schottenkaro und Kunstwörter, die mit Mac beginnen – und schon wissen wir, gemeint ist „billig“. Weil ja Schotten geizig sind. Das geht bis hin zum Namen einer Ramschfirma, der mit Mac beginnt und mit einer Todsünde aufhört!
Wenn man im Netz sucht, woher die Annahme kommt, Schotten seien geiziger als andere Leute, findet man zahlreiche allgemeingültige Aussagen über boshafte Vorurteile und einige Erklärungsversuche mit der Rezeption von Armut. Aber es ist noch viel gemeiner.

Als sich für das reiche England und auch einige reichgewordene schottische Landlords abzeichnete, daß Schafwolle auf die Dauer mehr einbrachte als die traditionellen Pachthöfe, wurden die schottischen Pachtbauern enteignet und vertrieben. Diese Maßnahme zog sich über etwa hundert Jahre hin. Enteignete und vertriebene Pachtbauern und ihre Familien hungerten und mußten mit allem knausern, um eine kleine Überlebenschance zu haben. Das fanden zahlreiche Gutsherren umwerfend komisch.

Einem Hungernden, der nichts mehr abzugeben hat, Geiz vorzuwerfen, ist eine Frechheit sondergleichen. Arme Bauern noch ärmer machen, um selbst reicher zu werden, ist wüsteste Raffgier. Das mag bedenken, wer Menschen drangsaliert, um sich die Taschen zu füllen.

Eine Todsünde zu gutem und klugem Handeln erklären, fast schon zur Tugend, ist häßlichste Verlogenheit und passt genau zu der Geschichtsklitterei, die den Schotten bis heute einen üblen Ruf verschafft. Daran sollte man denken, wenn Ramschläden mit schalem Schenkelklopferhumor werben.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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