Die achtzehnte Tür

Rainer Maria Rilke
aus dem Stundenbuch

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds –
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.

Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.
Und wenn einmal in mir das Licht entbrennt,
mit welchem meine Tiefe dich erkennt,
vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen.

Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,
sind ohne Heimat und von dir getrennt.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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3 Antworten zu Die achtzehnte Tür

  1. adherer schreibt:

    Ein sehr schönes Gedicht. Erinnert mich auch irgendwie an das hier: http://adherer.wordpress.com/2011/12/17/einer-der-grosten-rede-aller-zeiten/

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Wobei bei der verlinkten Rede ja eher der „Nachbar Mensch“ gemeint ist – aber zu Weihnachten feiern wir ja, daß der „Nachbar Gott“ Mensch wurde.

  3. Sarah schreibt:

    Hach, noch so was einmalig Tolles von Rilke …. 🙂

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