Drei Fälle von Dumpfheit

Fall 1
Die Weihnachtsfeste dieses und des vergangenen Jahres waren durch Terroranschläge von Islamisten auf Kirchen überschattet – auf Menschen, die sich friedlich versammelt hatten, um Jesu Geburt zu feiern.
In den Netzausgaben verschiedener Zeitungen fand man daraufhin zahlreiche Kommentare, die Religionen ganz allgemein, besonders aber das Christentum, für alles Übel der Welt verantwortlich machten.

Fall 2
Kurz nach Weihnachten ging durch die Presse, daß in Beit Schemesch in Israel Ultraorthodoxe ein Mädchen angepöbelt und bespuckt hatten, weil es ihrer Auffassung nach nicht züchtig gekleidet war und nicht einsehen wollte, daß Männer und Frauen verschiedene Bürgersteige zu benutzen hätten.
Hierbei taten mehrere Journalisten so, als gebe es unter israelischen Juden nur ultraorthodoxe Fanatiker und Säkulare.

Fall 3
Die Frau eines Politikers wurde auf boshafteste Weise beleidigt; ohne jeden Grund wurde ihr geistige Nähe zu den Nazis unterstellt. Der Politiker klagt vor Gericht gegen den Täter. Außerdem haben zwei Boulevardblätter die Behauptung aufgestellt, die Frau habe ein anrüchiges Vorleben. Da nun besagter Politiker in Gelddingen nicht redlich war, hetzt der Pöbel im Netz gegen beide. Dem Politiker soll nach dem Willen einer wachsenden Schar von Pöblern das Recht aberkannt werden, sich gegen Verleumder zu wehren. Das angebliche Vorleben seiner Frau – das übrigens in Deutschland auch dann nicht strafbar wäre, wenn man es beweisen könnte – wird ihm angelastet.

Im ersten Fall sagen Kommentatoren den Angehörigen und Freunden der Ermordeten, die Opfer seien selbst schuld, weil es im Christentum nicht nur friedliche und integre Leute gibt. Nebenbei wird fleißig jeder längst widerlegte Schwachsinn über die Kirche zitiert.

Im zweiten Fall haben Journalisten die wichtigsten Grundsätze ihres Berufes – gründliche Recherche und unmißverständliche Berichterstattung – mißachtet und so getan, als gebe es unter den gläubigen Juden Israels nur Orthodoxe und unter den Orthodoxen nur Fanatiker.
Beiden Fehlleistungen liegt ein vermutlich reflexhaftes Abschalten der kritischen Vernunft zugrunde, das stattfindet, sobald es aus der Sicht verbissener Atheisten um irgendeine Religion geht.

Im dritten Fall wird von einer Meute (zu der tragischerweise sogar eine Juristin gehört, die es wirklich besser wissen müßte) die Aberkennung der Bürgerrechte für einen schuldig gewordenen Menschen verlangt, und zwar mit Argumenten, die gar nichts mit der Art seiner Schuld zu tun haben.

In Zeiten des Internet kann man sich ohne große Schwierigkeiten über Judentum, Christentum, allgemeine Menschenrechte und deutsches Recht informieren, sofern man imstande ist, Schwachsinn von Sinn zu unterscheiden und – wenigstens ab und zu – logisch zu denken. Die dumm-bösen Kommentare sowie die schlampige Berichterstattung sind Zeichen dafür, daß die Autoren hierzu entweder zu faul oder zu dumm sind.

Auch im neuen Jahr wird es Fanatismus und Geistesträgheit geben. Auch im neuen Jahr werden Dumpfbacken verschiedener Couleur gegen Juden, Christen, Israel, die Kirchen (insbesondere die katholische) und alles, was damit zusammenhängt, gegen Frauen und gegen Politiker hetzen, daß die Schwarte kracht.

Gebe Gott, daß auch im neuen Jahr sich viele verschiedenartige Menschen gegen derlei Auswüchse stellen, deutlich, phantasievoll, wahrheitsliebend und unverdrossen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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16 Antworten zu Drei Fälle von Dumpfheit

  1. Wolfram schreibt:

    Der Begriff „orthodox“ für eine bestimmte Couleur des Judentums ist arg strapaziert und mißverstanden. Die weitaus meisten Synagogen und Rabbiner in Deutschland und Frankreich gelten als orthodox. Das hat aber nichts mit Fanatismus zu tun, und auch nicht mit den langen Kaftans und runden Hüten (die ich zwar nie in Deutschland, aber dafür in Straßburg häufiger sehen konnte). Es handelt sich um eine theologische Ausrichtung – vielleicht vergleichbar mit dem Katholizismus, neben dem es auch noch Luthertum und Calvinismus gibt, sowie eine Menge kleinerer Konfessionen des Christentums.
    Wenn ich Lilas Artikel Walfang in der Schweiz richtig verstanden habe, sind „Ultra-Orthodoxe“ zunächst einmal die, die sehr strenge Regeln an ihr eigenes Leben anlegen, mit bestimmter Kleidung, Schläfenlocken, viel Zeit fürs Gebet. Der Leser des Neuen Testaments mag an Pharisäer erinnert werden – unter denen, die dort erwähnt sind, gibt es auch einige, die ohne Hypokrisie auf diesem Weg ihr Heil suchen, wie etwa der, den Jesus auf das Doppelgebot der Liebe hinweist.
    Und dann gibts eben die, die ihre Zeit damit verbringen, anderen vorzuhalten, daß sie sich falsch verhalten, und die dann niederzumachen – in jeder christlichen Konfession gibt es die, und in Beth Shemesh fallen und treten sie auf unter den „Ultra-Orthodoxen“. Und wer hier an den Begriff „Pharisäer“ aus unserem Sprachgebrauch denkt, liegt vielleicht gar nicht so falsch…
    Das Problem ist nur, daß viele eben jetzt wieder denken, „aha, so sind die Juden.“ So wie speziell in der Lesart des Johannes-Evangeliums „die Juden“ Jesus gekreuzigt haben – tatsächlich war es ein Römer, auf politischen Druck der politischen Führung des Tempels.
    Und übers Judentum ist im Internet leider 95% Desinformation.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Dank für diese Ergänzung.
    Zu den 5% echter Information im Netz gehört meiner Meinung nach Hagalil.

  3. Sidious schreibt:

    „Im ersten Fall sagen Kommentatoren den Angehörigen und Freunden der Ermordeten, die Opfer seien selbst schuld, weil es im Christentum nicht nur friedliche und integre Leute gibt.
    Nebenbei wird fleißig jeder längst widerlegte Schwachsinn über die Kirche zitiert.“

    Ja, stimmt das etwa nicht? Also ich kenne mehr Menschen, die gar nichts oder nur unbestimmt an irgendwiewasdadraussen glauben, die anständig sind, keiner Fliege was antun könnten, aber eine ganze Schar Christen und Christinnen, bei denen ich geneigt bin, sie als „Heuchler-Pack“ zu klassifizieren – einschließlich einer handvoll Pfaffen.
    Die Christen im Orient sind ebenfalls keine Lämmer. Provozieren können die auch. Schon allein dadurch, dass sie immer wieder versuchen müssen, in den Stammlanden des Islam zu missionieren. Das gilt auch für als Pflegehelferinnen verkleidete Bibelschülerinnen.
    Ich weine denen keine Träne nach …

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Wie immer man Christen – als Individuen oder als Gruppe – findet, hat man zu respektieren, daß auch für sie die Menschenrechte gelten. Übrigens ist es ein Zeichen von extrem schlechtem Charakter, Mord an friedlichen Leuten, die anderer Meinung sind als man selbst, zu rechtfertigen.

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Übrigens, Sidious, zu Deiner Frage „Ja, stimmt das etwa nicht?“ – Doch, sicher. Es wird in der Tat „fleißig jeder längst widerlegte Schwachsinn über die Kirche zitiert“, q.e.d.

  6. Frau Momo schreibt:

    Ich finde es schlicht widerwärtig, Mord an Menschen, egal welcher Religion, welcher Rasse und Hautfarbe zu rechtfertigen, bzw. denen eben keine Träne nachzuweinen. Da bin ich ja fast sprachlos vor Fassungslosigkeit. Ich bin nun wahrlich keine Freundin der vom Papst vertretenen katholischen Kirche, die auch ich als heuchlerisch empfinde, aber Mord an Christen, genauso wie Mord an Juden oder Muslimen, ist, wie jeder Mord an einem Menschen, einfach vor allem zutiefst unmenschlich und wohl gegen die Gebote jeder Religion.

  7. Claudia Sperlich schreibt:

    Dank für Deinen Kommentar, Frau Momo.
    Wie ich im Spamordner dreifach feststellen durfte, haben wir es hier mit einem Menschen zu tun, der sich den (selbstverständlich erfolgreichen) Kampf gegen das Christentum zum Ziel gesetzt hat. Aus Mitleid – er blamiert sich sonst – und auch aus Überdruß habe ich seine Kommentare gelöscht und werde das nötigenfalls auch weiter tun. Er hat mir Zensur vorgeworfen, aber da tut er mir wirklich zu viel der Ehre an – zensieren können staatliche Organe, ich bin hier nur privat und lasse ihn nicht in meinen Vorgarten pinkeln.
    Im übrigen wünsche ich allen, auch den Dümmsten, ein gutes neues Jahr.

  8. Nora Splite schreibt:

    Ich denke, den Kommentaren dieses „Herrn“ müssen wir auch keine Träne nachweinen !
    Menschen, die so voller Hass sind u. dies auch noch niederschreiben, können einem nur leid tun.

  9. Bettina schreibt:

    Claudia, ist mir so recht aus dem Herzen geschrieben, oder aus dem Verstand.
    Und ich bin auch dankbar dafür, dass Du diesen kruden Meinungsbeitrag hast stehen lassen, er dient zur Untermauerung.

  10. Claudia Sperlich schreibt:

    Freut mich, Bettina! Genau deshalb habe ich ihn nach einigem Zögern stehen lassen und war mir hinterher nicht mehr so ganz sicher, ob das richtig war.

  11. Bettina schreibt:

    Es ist schon eigenartig, wie die Argumente von Mördern ungeprüft übernommen werden, wenn es dazu dient, seinen dubiosen Hass (oder eher Neid ?) auf Leute, die wahrhaft glauben zu füttern.
    Aber ich gebe zu, die Evangelien stellen eine hohe Messlatte dar, an denen sich die Christen messen lassen, da ist schnell Verfehlung gerufen, wenn einer fehltritt.
    „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“
    Mehr Menschenliebe finde ich in keiner anderen Religion. Was da jetzt gegen Christen so abgeht an Allgemeinverunglimpfung, da überleg ich manchmal, ob ich mich taufen lassen sollte.

  12. Claudia Sperlich schreibt:

    Gute Idee, die konfessionsunabhängig meine volle Unterstützung hat. 🙂

  13. rote Gräfin schreibt:

    Ein Versuch von mir darzustellen, wie ein Christ antwortet, der tatsächlich daran glaubt, dass Gott Mensch wurde und eben Gott in jedem Menschen trifft. Korrekturen wie es besser gemacht werden sind dringend erwünscht und wird drum gebeten.
    „Sidious schreibt:
    Samstag, 31. Dezember 2011 um 1.36 pm

    „Im ersten Fall sagen Kommentatoren den Angehörigen und Freunden der Ermordeten, die Opfer seien selbst schuld, weil es im Christentum nicht nur friedliche und integre Leute gibt.
    Nebenbei wird fleißig jeder längst widerlegte Schwachsinn über die Kirche zitiert.“
    Ja, stimmt das etwa nicht? Also ich kenne mehr Menschen, die gar nichts oder nur unbestimmt an irgendwiewasdadraussen glauben, die anständig sind, keiner Fliege was antun könnten, aber eine ganze Schar Christen und Christinnen, bei denen ich geneigt bin, sie als „Heuchler-Pack“ zu klassifizieren – einschließlich einer handvoll Pfaffen.“

    Ja und jetzt hast Du Deiner Neigung voll nachgegeben. Wie schade! Wie schön, dass Du so viele andere und anständige Menschen gefunden hast, als bei Christen soll schließlich vorkommen, das ein Licht lange und dunkle Schatten wirft.
    „Die Christen im Orient sind ebenfalls keine Lämmer. Provozieren können die auch. Schon allein dadurch, dass sie immer wieder versuchen müssen, in den Stammlanden des Islam zu missionieren. Das gilt auch für als Pflegehelferinnen verkleidete Bibelschülerinnen.
    Ich weine denen keine Träne nach …“
    Kennst Du da viele? Machen Dir Lämmer Freude und regen die Dich zum besseren Leben an?
    Was hast Du gegen Pfleghelferinnen einzuwenden auch wenn sie gleichzeitig in der Bibel lesen?

  14. Claudia Sperlich schreibt:

    Als einzige Korrektur schlage ich vor, den Einleitungssatz ein wenig zu ändern.
    „Ein Versuch von mir darzustellen, wie ein Christ antwortet, der tatsächlich daran glaubt, dass Gott Mensch wurde und eben Gott in jedem Menschen trifft. “ – diese Formulierung hat für mich so ein Gschmäckle, klingt ein wenig, als ob jeder, der in anderer Weise oder gar nicht antwortet, kein ganz so guter Christ ist. Mag sein, daß Du es so nicht gemeint hast.

    Im übrigen stimme ich zu, fürchte aber, daß Sidious das anders sieht.

  15. Wolfram schreibt:

    Ich habe keine Lust, mich auf diese Art Argumentation überhaupt einzulassen. Wer behauptet, der Islam war vor den Christen auf der arabischen Halbinsel oder im Nahen Osten, der behauptet sicher auch, das Josefsgrab – bekannt schon vor Jesu Zeit – sei von Moslems errichtet worden. Das ist das, was Lila so bewundernswert zurückhaltend „den palästinensischen Narrativ“ nennt…

  16. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich lasse solche Argumentationen auf meinen Weblog auch nur zu, wenn mir gerade danach ist, sie zu demontieren. Das ist nur sehr selten der Fall.

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