Holzpapier und Waschmaschine

Vor 222 Jahren starb der Pfarrer, Forscher und Erfinder Jacob Christian Schäffer. Er hatte sich neben der keineswegs leichten Arbeit als Superintendent mit Forschungen über Pflanzen, Pilze und Insekten hervorgetan. Die Beobachtung, daß Wespen aus Holz und Speichel haltbare Waben bauen, brachte ihn dazu, mit verschiedenen pflanzlichen Materialien die Papierherstellung zu versuchen. Zwar war sein Holzpapier noch gelb und brüchig und wurde von den Papiermühlen abgelehnt. Doch wurde seine Idee nach seinem Tod weiterentwickelt; ein besseres Holzpapier wurde geschaffen, das die Herstellung von Zeitungen und Büchern weit billiger machte.
Leider hält solches Papier nicht lange; die Volksausgaben des 19. Jhs. sind heute vergilbt und brüchig. Heute gibt es bessere und ebenso billige Methoden der Papierherstellung. Aber tatsächlich hatte man durch diese Technik lange Zeit ärmeren Leuten die Möglichkeit zum Buchkauf verschafft und die Bildung befördert.

Die Schäffersche Waschmaschine war ein Bottich, in dem die Wäsche mit einer Kurbel bewegt wurde – Wäsche waschen sollte noch lange mit körperlicher Arbeit verbunden bleiben, aber im Vergleich zum Waschbrett war die Kurbelmaschine ein riesiger Fortschritt. Auch hier hat Schäffer eine Entwicklung angestoßen.

In seiner Schrift Die bequeme und der Wirthschaft in allen Rücksichten höchstvortheilhafte Waschmaschine heißt es:

Die Wäscherinnen, so ausser den Häußern waschen, genießen bey dem Gebrauche der Waschmaschine alle die großen und mannichfaltigen Vortheile, deren in der Aufgabe und in dem folgenden vierten Capitel gedacht wird; so, daß sie es in der Folge gewiß denen verdanken werden, die ihnen diese Maschine bekannt gemacht, und sie zu deren Gebrauch aufgemuntert haben. Und diejenigen Waschweiber, so in den Häußern waschen, können nunmehro an einem Tage bey zwo Haushaltungen waschen, und sich damit eben den Lohn verdienen, den sie sonst nur in einer Haushaltung verdienten, und nicht selten eine Wäsche fahren lassen mußten. Nicht zu gedenken, daß sie bey der Waschmaschine vor der Zeit oder im Alter, nicht, wie bey dem gewöhnlichen Waschen, an Händen und Füßen contract und lahm, oder sonst krank und ungesund werden, welches, wie die Erfahrung lehret, noch allezeit der letzte und gewisseste Lohn des bishero gewöhnlichen Waschens ist.

Auch Material wurde durch diese Maschine eingespart:

Denn da man laulichtes Wasser nur bey dieser Waschart nöthig hat; so erspahret man sicher drey Theile Holzes, die sonst bey dem ordentlichen Waschen, so wohl zum Anmachen der Lauge, und zum heißen Anrühren der Wäsche, als während der ganzen Zeit des Waschens selbst, darauf gehen. Wer rechnen kann, überschlage, was dieses in einer grossen Haushaltung, in einer Stadt und ganzem Lande, jährlich ausmachen muß?

Die große Erspahrung der Seife, ist ein eben so anmerkungswürdiger Vortheil, der sich bey dem Gebrauche der Waschmaschine unwidersprechlich äussert und zu Tage leget.

Stellen wir uns vor, es gebe nur Hadernpapier, und das Waschbrett sei die modernste Hilfe beim Wäschemachen. Das 19. Jh. hätte nicht einmal halb so viel Bildung und Dichtung hervorgebracht, weil Arme sich nur sehr wenige Bücher hätten leisten können. Die Emanzipation der Frau hätte höchstens in der reichen Oberschicht stattgefunden, auf Kosten der Wäscherinnen, denn in Familien, die sich keine Wäscherin leisten konnten – also den meisten – hätte die Hausfrau gar keine Zeit für anderes als Haushalt. (Wer es nicht glaubt, möge einen Monat lang für eine fünfköpfige Familie die Wäsche mit der Hand waschen, darunter die Stoffwindeln für die beiden Kleinen.) Und das 21. Jh. wäre vermutlich vom 19. nicht so himmelweit unterschieden.

Als Leserin, Autorin, Verlegerin und Besitzerin einer einwandfrei funktionierenden Waschmaschine (mit Knopf statt Kurbel) fühle ich mich dem Herrn Superintendenten zu hohem Dank verpflichtet.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Holzpapier und Waschmaschine

  1. Wolfram schreibt:

    Ja ja, das deutsche Pfarrhaus… *schmunzel*
    Nicht nur in Deutschland ist allerdings leider die Zeit vorbei, da die Pastoren Vorreiter des Neuen waren. Es gab Zeiten, da waren die Pastorate die ersten Häuser im Dorf mit fließend Wasser und Klo im Haus statt Herzhäuschen am Ende des Gartens… aber viele Pfarrhäuser sind leider über diesen Stand nicht wesentlich hinausgekommen.
    Die Kollegin Kanzelschwalbe kann davon einiges zwitschern, und ich auch…

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