Hohelied der Übersetzerin

Martin Luther hat ja wegen seiner Übersetzerarbeit auch Ärger bekommen, und so fühle ich mich ihm in dieser Beziehung eng verbunden. In der Folge meiner Rapin-Übersetzung wird es zwar wohl kein Schisma geben, aber ein mehrmonatiges Hickhack läuft schon.

Wenn ich Engel- in Menschenzungen übertrüge, und hätte des Korrektors Billigung nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Idiome und alle Fachsprachen und hätte alle Wörterbücher, also daß ich Weltliteratur übersetzte, und hätte des Korrektors Billigung nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Zeit fürs Übersetzen hingäbe und vergäße darüber meinen Leib, und hätte des Korrektors Billigung nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
Der Korrektor ist langweilig und unfreundlich, der Korrektor ereifert sich über Kommata, der Korrektor treibt Mutwillen, er blähet sich, er stellet sich ungebärdig, er suchet nichts als das Seine, er erbittert mich, und ich rechne nur noch mit Bösem von ihm, er freut sich, wenn er mir etwas in die Schuhe schieben kann, aber er freut sich nicht an meiner guten Arbeit; ich vertrage ihn nicht mehr, glaube ihm kein Wort, hoffe auf seinen Rausschmiß und bin alles andere als geduldig.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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11 Antworten zu Hohelied der Übersetzerin

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Ganz wunderbar geschrieben und „übersetzt“. 😉

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Danke, das baut auf! 🙂

  3. erinnye schreibt:

    Wirklich schön geschrieben, aber liest er das nicht, bringt es ihn nicht noch weiter auf?

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Das Risiko, daß er hier liest, ist äußerst gering. Und so, wie sich die Dinge entwickelt haben, kommt es darauf auch nicht mehr an.

  5. stefanolix schreibt:

    Nun aber bleiben: Verleger, Autorin und Lektor — diese drei. Aber der Lektor ist der Größte unter ihnen 😉

    Je weniger Du es Dir zu Herzen nimmst, desto erfolgreicher bist Du bei der Suche nach Alternativen.

  6. Claudia Sperlich schreibt:

    In diesem Falle bin ich ja nicht Verlegerin… sondern nur Übersetzerin. Aber Du hast Recht damit, daß ich mir die Sache weniger zu Herzen nehmen sollte, zumal der Betreffende nicht die göttliche Macht hat, die er gerne hätte (und vielleicht sogar glaubt zu haben).

  7. stefanolix schreibt:

    Das war mir schon klar. Nimm bitte »Autorin« gleich »Übersetzerin«, dann passt es wieder. Gute Übersetzerinnen sind selbst so etwas wie Autorinnen (empfinde ich zumindest gerade beim Lesen des »Herrn der Ringe« in der Übersetzung von Margaret Carroux).

  8. stefanolix schreibt:

    Übrigens hatte ein ganz Großer seines Fachs auch schon so seine Meinung über Verlagslektoren. Zitieren darf man es ja mal. Mark Twain schrieb:

    In the first place God made idiots. This was for practice. Then He made proofreaders.

  9. Claudia Sperlich schreibt:

    Oh, wundervoll! Dank für diese Perle!

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