Dienstag der dritten Fastenwoche

Rainer Maria Rilke
Das Stundenbuch
Der blasse Abelknabe spricht

Der blasse Abelknabe spricht:

Ich bin nicht. Der Bruder hat mir was getan,

was meine Augen nicht sahn.
Er hat mir das Licht verhängt.
Er hat mein Gesicht verdrängt
mit seinem Gesicht.
Er ist jetzt allein.
Ich denke, er muss noch sein.
Denn ihm tut niemand, wie er mir getan.
Es gingen alle meine Bahn,
kommen alle vor seinen Zorn,
gehen alle an ihm verloren.

Ich glaube, mein großer Bruder wacht
wie ein Gericht.
An mich hat die Nacht gedacht;
an ihn nicht.

Werbung

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.