Freitag der fünften Fastenwoche

Martin Opitz
Der 103. Psalm
Auff die Weise deß 100.
Ihr Volcker auff der Erden all.

Heb hoch deß Herren Herrligkeit,
O meine Seele, weit und breit,
Es preise Muth und Sinn in mir
Deß heil’gen Namens grosse Zier.

O meine Seele, weit und breit,
Heb hoch deß Herren Herrligkeit;
Vergiß nicht seiner Gnadenthat
Und was er offt erwiesen hat.

Der ohn Entgeltung dir vergibt
Die Schuld, darmit du ihn betrübt,
Verschaffet deinem Hertzen Ruh
Und heilet seine Schwachheit zu.

Der dich errettet auß Gefahr
Und nimpt deß armen Lebens war,
Bekrönt dich reichlich jederzeit
Mit Langmut, Huld und Gütigkeit,

Der mehr von Gütern dir beschert,
Als dein Mund darff und du begehrt,
Auch dir stets neue Jugend bringt,
Als wie ein Adler sich verjüngt.

Der Herr verschafft Gerechtigkeit
Und Recht ohn allem Unterscheid
Setzt das gedruckte Volck in Ruh
Und spricht ihm selbst die Sache zu.

Er hat dem Moses seine Bahn
Und rechte Wege kundt gethan,
Hat seiner grossen Wercke Pracht
Israels Kinder klar gemacht.

Er ist es, der Genad erzeigt,
Der zum Erbarmen hoch geneigt,
Der langsamb Haß und Eyfer hegt
Und eylends grosse Güte trägt.

Zwar Ursach hat er gar zu wol,
Doch ist er Grimmes nicht so voll
Und wird nicht zancken jederzeit,
Noch zornig seyn in Ewigkeit.

Er schickt nach unsrer Sünden Zahl
Nicht auch die Straffen allzumal;
Schaut nicht, was unsre Missethat
Für harten Lohn verdienet hat.

Die so in seinen Furchten gehn
Sehn seine Güte höher stehn,
Als hoch deß schönen Himmels Zelt
Die Stelle von der Erden helt.

So weit als sich der Sonnen Bahn
Von Ost und West erstrecken kan,
So weit auch setzt er auß Gedult
Von uns der schweren Sünden Schuld.

Wie sich ein Vatter-Hertze regt
Und Langmuth mit den Kindern tregt,
So auch erbarmt er derer sich
Die ihn stets fürchten inniglich.

Dann diß wohnt ihm genugsamb bey,
Was unser Zeug und Ursprung sey,
Er weiß und siehet uns allein
Geringen Staub und Asche seyn.

Deß Menschen Leben wächst an Zier
So schwach und zart als Graß herfür,
Ergrünet auch mit voller Pracht
Wie eine Blum im Felde lacht.

Ihr Safft wird welck und sie verbleicht
Wann sie ein kleiner Wind bestreicht;
Die Wissenschafft wohnt keinem bey,
Wo sie zuvor gestanden sey.

Des Herren Gnad ist sonder Ziel
Ob der Schar die ihn fürchten will,
Er pflantzet die Gerechtigkeit
Auff Kindeskind mit langer Zeit.

Ich meine derer Kindeskind,
Die seines Bundes Hüter sind
Und nemen sein Gebott so ein,
Desselben Thäter auch zu seyn.

Er hat ihm fest und unverletzt
Im Himmel seinen Thron gesetzt,
Sein Reich erstreckt sich umb und an
Auff alles, was man finden kan.

Ihr Engel lobt deß Herren Macht,
Ihr Helden, die ihr vor ihm wacht
Und sein Gebott thut, daß sein Wort
Erklingen mag durch alles Ort.

Erhebt den Herren weit und breit
Die ihr sein Heer und Diener seyd
Und richtet fleissig in die That
So viel er euch befohlen hat.

Ihr, seine Wercke, lobet ihn
So weit sich seine Gräntzen ziehn;
Brich, meine Seel, auch du hervor,
Und heb ihn ewiglich empor.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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