Ein Bauer als Lehrer

Vor hundert Jahren starb Friedrich Piddersen.

Als Sohn eines mecklenburgischen Bauern war er in der von harter Arbeit geprägten kleinen Welt des Dorfes Banzkow aufgewachsen. Zwar gab es eine allgemeine Schulpflicht, und der kleine Friedrich war schon früh ein äußerst fleißiger und gescheiter Schüler. Jedoch waren Dorfschulmeister in der Regel nicht eben pädagogische Genies; die körperliche Züchtigung für schlechte Leistung wurde als normal angesehen, und der Unterricht bestand oft in stupidem Auswendiglernen.

Friedrich Piddersen liebte weit mehr als den Schulunterricht die Sonntagsschule. „Unser Herr Pfarrer wußte die anrührenden Geschichten der Bibel immer so zu erzählen, daß wir Kinder die biblischen Gestalten leibhaftig vor uns sahen“, schrieb er als junger Mann. Jenem Pfarrer ist wohl zu verdanken, daß Piddersen im Jahre 1863, als frisch verheirateter Dreiundzwanzigjähriger, gemeinsam mit seiner Frau eine „Hausschule“ gründete. Er sah diese Einrichtung nicht als Konkurrenz zur Dorfschule, sondern als Ergänzung. Alle Kinder und Jugendlichen – Mädchen wie Jungen – durften bei den Piddersens zwei Mal wöchentlich am Nachmittag gemeinsam lernen.

Zunächst kamen nur wenige, bald sprach sich aber die Qualität dieser Unterrichtsstunden herum, und selbst aus Nachbarorten kamen Kinder zu Piddersens Hausschule.
Man begann mit einem Gebet. Als Piddersen merkte, daß hier einige Schüler wenig interessiert waren, erlaubte er, hieran schweigend teilzunehmen, forderte aber Akzeptanz. In seinen spärlichen Aufzeichnungen findet sich diese Erklärung:

Man kann den Kindern Gott nicht aufzwingen, sie müssen Ihn selbst finden, jedes auf seine Weise. Aber sie müssen lernen, stille zu halten und die anderen sein zu lassen.

Dieses „stille halten“ war für ihn alles andere als Duckmäusertum; es ging ihm um die Vorbereitung zum Lernen und auch um gegenseitige Akzeptanz (die anderen sein zu lassen).

Seiner Schule wurde von Anfang an auch mit Mißtrauen begegnet, und zwar sowohl von der Geistlichkeit als auch von staatlichen Stellen. Piddersen informierte sich und dann auch seine Schüler zunächst über die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen der heimischen evangelischen und der katholischen Kirche, später über Judentum und Islam, wobei ihm das evangelisch geprägte Christentum ein wichtiges Anliegen blieb, er zugleich aber unbedingten Respekt vor Judentum forderte sowie einen „bedingtem Respekt“ vor Islam und anderen Religionen.

Körperstrafen lehnte Piddersen strikt ab. Störende Kinder wurden vor die Tür geschickt.

Als immer deutlicher wurde, daß dieser Nachmittagsunterricht eine starke Konkurrenz zur eigentlichen Schule war und die meisten Kinder bei Piddersen lieber und besser lernten als in der gewöhnlichen Schule, mischten sich die Behörden ein. Die kleine Privatschule wurde verboten. Eine Zeitlang kamen noch Kinder auf „Sonntagsbesuch“ zu den Piddersens und versuchten, die Schule auf diese Art aufrechtzuerhalten, aber leider verlief sich dieser schöne Ansatz bald im Sande.

Piddersens freiwillige Schule bestand keine zwei Jahre und geriet völlig in Vergessenheit, ebenso wie ihr Gründer, den auch die allwissende Wikipedia nicht kennt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Ein Bauer als Lehrer

  1. Pingback: Nur ein Aprilscherz | Mein Leben als Rezitatorin und Verlegerin

  2. Das ist leider wohl typisch für ein überbordendes, auch heute noch genau so existentes Beamtentum. „DAS DAAARF der doch gar nicht! Das gehört verboten!“ Und schon fangen die AmtsSchimmel zu wiehern an und beginnen, dem wackeren HausLehrer Knüppel zwischen die Beine zu werfen und Steine in den Weg zu legen – also ureigenste Aufgaben der Ämter. Ist es nicht heute auch noch so, daß sie Leuten, die eigentlich nur ihrer Berufung, ihrem Beruf mit Leib und Seele nachgehen wollen, ersteinmal Berge von Papier vor die Tür stellen? Und egal, wenn auch dieser Mann mit seinem HausSchulProjekt Gutes bewirkt für die Kinder seiner Gegend – er stellte damit die staatlich alimentierte gehorsampredigende Schule in Frage. Es besteht wirklich die Gefahr, daß hier selbständig denkende Menschen heranwachsen, die das Tun der Diederich Heßlings dieser Welt womöglich hinterfragen. DAS KANN DOCH NICHT SEIN! Und daß dann auch die AmtsKirche in trauter Gemeinheit mit dem Staat noch dazwischenhaut, wundert mich ebenfalls nicht, denn auch die ist an möglichst nichtselbstdenkenden Schäfchen interessiert, die schön stillhalten.
    Ganz liebe Grüße aus der spätwinterkalten Stadt am Meer vom Wolfgang.

  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich merke an diesem Kommentar, daß mein Aprilscherz gut formuliert war. Trotzdem bitte ich zur Kenntnis zu nehmen, daß es eben genau dies war – ein Aprilscherz. Piddersen gab es nicht, leider.
    Aber Deine Reaktion bestätigt mich, daß ein Buchprojekt „Menschen, die leider nie gelebt haben“ nicht schlecht wäre.

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