Ich beiße in den Grass

Ob Grass ein Antisemit ist, kann ich nicht mit letzter Sicherheit beurteilen und halte es also lieber mit dem Rechtsgrundsatz in dubio pro reo. Das Gedicht begibt sich argumentativ allerdings zumindest in gefährliche Nähe zum Antisemitismus. Darüber ist in den letzten Tagen viel geschrieben worden, ich verweise besonders auf Letters from Rungholt, wo Lila zahlreiche Artikel auszugsweise vorstellt.

Lyrik kann ich allerdings recht gut beurteilen. Und das, was Grass da geliefert hat, ist kein gutes Gedicht. Prosa schreiben und willkürlich Zeilenumbrüche einfügen macht noch keine Lyrik, auch dann nicht, wenn sich der Autor anschließend in einem Interview in eine Reihe (oder ans Ende einer Klimax) mit Walther von der Vogelweide, Goethe und Brecht stellt.

Zehnmal benutzt Grass das Wörtchen “ich” in einem nicht besonders langen Text. Mir scheint, es ist für ihn ein ganz besonders wichtiges Wort, das Wort, um das es hier eigentlich geht.

“Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden” – das impliziert, daß andere Atommächte so übel nicht sind. In der Tat glaube ich, daß jede einzelne Atombombe auf der Welt eine Gefahr für den Frieden darstellt. Also jeder Sprengkopf von derzeit über 20.000. Daß es in Syrien und Ägypten Atomwaffen gibt, ist auch nicht richtig beruhigend. Warum also schreibt er explizit, daß Israel den Frieden gefährdet?

Ich finde Atomwaffen furchtbar, gleich wo sie liegen, und sehe die Herstellung und Lagerung von Atomwaffen als strukturell böse. Das sagt aber nichts über die Existenzberechtigung eines beliebigen Landes und nur wenig über die allgemeine Beurteilung seiner Politik. In Israel gibt es durchaus Stimmen gegen diese Waffe, und selbst wenn es sie nicht gäbe, bestünde Israels Berechtigung auf Selbstschutz unabhängig von der Wahl der Mittel.

Grass nennt Ahmadinedschad einen Maulhelden. Nun ist ein Maulheld jemand, der nur herumpöbelt und prahlt, aber nichts tut. Ahmadinedschad pöbelt und prahlt, aber er tut mehr – er läßt in der Tat jährlich hunderte vermeintlicher oder tatsächlicher Gegner umbringen (vgl. zahlreiche Berichte von amnesty international). Er steht an der Spitze eines Regimes, das sich nun schon seit über dreißig Jahren mit unverminderter Brutalität hält, und er bestreitet immer wieder das Lebensrecht Israels.

Da es über einen alten Menschen sehr wenig sagt, was er in der Pubertät für dummes und gefährliches Zeug getan und gesagt hat, werte ich Grass’ freiwilligen Beitritt zur Wehrmacht mit 15 Jahren nicht als besonders bemerkenswert. Daß die SS ihn kurz vor Kriegsende eingezogen hat, also zu einer Zeit, als sie zahlreiche Menschen organisatorisch vereinnahmte, die de facto ihre vorherige Position beim Militär behielten, laste ich ihm ebenfalls nicht an. Daß er aber jahrzehntelang so getan hat, als sei das nie so gewesen, und dann als berühmter und hochgeehrter Mann kurz vor Lancierung eines Buches ein bißchen weinerlich wurde, um ehrlich zu scheinen, das finde ich peinlich.

In einem Interview tut er nun auch noch so, als sei er der, dem wir die Untersuchung der Geschichte des Antisemitismus verdanken. Und erklärt, daß er (ER!) in “Grimms Wörter” dargelegt hat, wie der Antisemitismus schon vor der Romantik sich entwickelte.

Tut mir Leid, Grass, aber da kommen Sie zu spät. Der Historiker Walter Grab schrieb bereits 1991 “Der deutsche Weg der Judenemanzipation”, und alles, was Sie über Ihr neues Büchlein in dem Interview sagen, habe ich bei Grab längst in aller Ausführlichkeit gelesen. Und zwar ohne Pathos, dafür mit Sachkenntnis.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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5 Antworten zu Ich beiße in den Grass

  1. erinnye schreibt:

    Ein kluger Beitrag zur Debatte, Claudia, vielen Dank. Und am Rande: was davon ein Gedicht sein sollte, kann ich auch nicht nachvollziehen.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Immerhin gibt es seit diesem Gedicht wieder ein paar gute deutsche Satiren. Dafür hat es vielleicht doch gelohnt.

  3. Frau Momo schreibt:

    Mir ist es ehrlich gesagt egal, ob es nun formal ein Gedicht ist oder nicht. Inhaltlich lese ich es etwas anders und ich verstehe es auch nicht so, das andere Atommächte nicht so übel ist. Denn auch die sind Teil des „ohnehin brüchigen Weltfriedens“.
    Ich bin wahrlich keine Freundin seiner Bücher, ich habe nicht eins zu Ende gelesen, aber hier gebe ich ihm Recht und das was jetzt über ihn ausgekübelt wird, finde ich zum Teil schlicht unsachlich und daneben.
    Kritik an Israel ist nach wie vor eine Tabubruch und sofort ist man Antisemit und Rechtspopulist. Ein Vorwurf, der bei Grass schlicht albern ist.
    Und er hat immerhin ein Thema öffentlich gemacht, das so gerne unter dem Teppich bleibt… deutsche Rüstungsexporte.
    Martin hat zu dem Thema auch bei uns einiges geschrieben und dem schließe ich mich inhaltlich an.

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Kritik an Israel gehört in einen sachlichen Artikel, nicht in ein Gedicht, das ist das falsche Medium.
    Vor allem aber wird in diesem Werk der Eindruck erweckt, daß Ahmadinedschad nichts tut (im Sinne von „Er tut nichts“), daß Israel unbedingt angreifen will und daß man in Deutschland für Israelkritik so richtig schweren Ärger bekommt. Davon stimmt nun wirklich kein Wort.

  5. Wolfram schreibt:

    Dieses Geschreibe ist schlicht dumm. Spätpubertär wie die Masturbationsszenen in „Katz und Maus“, wie der ganze Mann niemals erwachsen geworden ist.

    Frau Momo muß einiges in der deutschen Geschichte verschlafen haben, und nicht nur dort. Da war doch schon mal was mit U-Booten, das ist schon einige Jahre her – der Verteidigungsminister damals hieß Gerhard Stoltenberg… und mit Waffenlieferungen nach Israel, ungefähr 1991, als der Irak Israel bombardierte (auch damals haben schon aufrechte Deutsche behauptet, daran sei allein Israel schuld; klar: Hitler hat 1939 auch am Gleiwitzer Sender nur zurückgeschossen).
    Israel gehört zu der Handvoll Atommächte, die demokratisch regiert sind, und außerdem zu denen, die nie mit ihren Atomwaffen geprotzt haben, und das sind noch viel weniger. Den Massenmörder Ahmadinedschad einen Maulhelden zu nennen, zeugt dagegen von erschreckender Blindheit – und das gilt gleichermaßen für den senilen Greis, der das schreibt, wie für die, die ihm dazu applaudieren. Aber in diesem selben Geist wurde ja auch Oberst Kaddhafi als Menschenrechtsaktivist ausgezeichnet… von Europäern und von Palästinensern.

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