Folter und Geschichtsschreibung

Vor 422 Jahren wurde Guy Fawkes in York geboren.
Fawkes konvertierte als Teenager zum Katholizismus. Er war nach Beschreibungen seiner Zeitgenossen ein fröhlicher Mensch, ein treuer Freund, intelligent, tapfer und sportlich – ein Mensch, dem man zutrauen konnte, andere zu begeistern.
Er lernte als Soldat bei der Spanischen Armada den Umgang mit Sprengstoff.
Er wurde, so heißt es, Terrorist.

In England wurden Katholiken heftig unterdrückt. Als König James I. die Regierung antrat, schien es zunächst hoffnungsvoll für Katholiken, aber diese Hoffnung sollte sich bald zerschlagen – die Unterdrückung wurde womöglich noch brutaler als unter seiner Vorgängerin. Dem protestantischen Gottesdienst fernzubleiben, konnte mit Gefängnisstrafe geahndet werden. 1581 wurden katholische Gottesdienste verboten, ebenfalls bei Gefängnisstrafe; einem katholischen Priester Obdach zu gewähren, konnte mit dem Tode bestraft werden. 1586 – in Fawkes‘ Heimatstadt und im Jahr seiner Konversion – wurde Margaret Clitherow hingerichtet, weil sie Priester in einem eigens angelegten Schutzraum versteckt hatte.

In dieser Atmosphäre soll eine Handvoll junger Katholiken unter der Leitung von Robert Catesby und mit Guy Fawkes als Sprengstoffexperten ein Attentat geplant haben, von einem anderen Katholiken – vermutlich eher durch Leichtsinn denn aus böser Absicht – verraten worden sein und gestanden haben.
Guy Fawkes wurde in der Nähe des Sprengstoffs festgenommen und sagte sofort aus, daß er den Fehlschlag des Attentates bedauerte. Nach tagelanger schwerer Folter nannte er weitere Namen.

Und deshalb weiß niemand genau, was Fawkes und die von ihm als Mitstreiter angegebenen Männer wirklich getan haben.

Ein junger Mann, kriegserfahrener Offizier und durchaus temperamentvoll, wird in seinem Heimatland wegen seiner Konfession aufs Gröbste angefeindet, ebenso wie seine zahlreichen Glaubensgenossen. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, daß er an einen Sturz der Regierung denkt, und für möglich, daß er diesen auch plant. Es gibt Beweise für eine Gemeinschaft der mutmaßlichen Verschwörer: bezeugte Treffen in einem Gasthaus und übereinstimmende Gravuren auf den Säbeln. Das sagt aber noch wenig über die Natur der Gemeinschaft aus. Auch die Festnahme in unmittelbarer Nähe von Sprengstoff und die spontane Aussage, daß es leider nicht geklappt hat, sind starke Indizien, aber keine zweifelsfreien Beweise für die Teilnahme an einem Attentat.

Der Tathergang wurde von Anfang an nicht in Zweifel gezogen – also nicht überprüft. Die Tatsache, daß Fawkes tagelang gefoltert wurde, läßt sein „Geständnis“ nicht eben glaubwürdig wirken. Ob irgendetwas von dem, was ihm erpresst wurde, annähernden Wahrheitsgehalt hatte, wird man nie wissen. Denn die erste Tote unter der Folter ist immer die Wahrheit.

Bis heute wird das „Geständnis“ des Guy Fawkes in Schulbüchern und an Universitäten wie ein gültiges Beweismittel gewertet. Wikipedia schreibt „Unter Folter bekannte der in den Tower gebrachte Fawkes sein geplantes Verbrechen und nannte auch seine Mitverschwörer“ – ohne die Möglichkeit, daß eine durch Folter erpresste Aussage etwas anderes als die Wahrheit sein könnte, auch nur zu erwägen. Der Journalist Alan Posener entblödet sich nicht zu schreiben:

Es war Bonfire Night, und unsere Puppe stellte den katholischen Terroristen Guido („Guy“) Fawkes dar, der am 5. November 1605 das englische Parlament mitsamt dem König in die Luft jagen wollte, um die Papisten wieder an die Macht zu bringen – jene Finsterlinge, deren Armada Königin Elizabeth 1588 so glorreich geschlagen hatte, und die vor keiner Bluttat zurückschreckten. Nun, dafür büßte Fawkes: Er wurde gefoltert, gehängt und gevierteilt. Und wird seitdem jährlich in Effigie verbrannt, eine Feier wehrhafter protestantischer Demokratie.

Kein Wunder, dass ein neuzeitlicher Guy Fawkes seine Flugzeuge in das World Trade Center rasen ließ. Der religiöse Terrorist gehört nicht gefeiert, sondern unter Kindergejohle verbrannt. Heute erst recht.

Quelle: Die Welt, 2.11.2011

Hier blutrünstige papistische Finsterlinge, dort protestantische Väter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die aufrecht genug sind, Delinquenten zu foltern und anschließend in einem rauschhaften Volksfest der Grausamkeit (Hängen, Ausweiden, Vierteilen) öffentlich hinzurichten?
Hier Fawkes als Vater der 9/11-Täter, dort der gerechte Volkszorn, der solche Leute verbrennen muß?
Der Unfug dieser Aussage ist auch dann offensichtlich, wenn man alle unter dem Deckmantel der Religion angehäufte Schuld auf einmal ansieht, selbst dann, wenn man davon ausgeht, daß Guy Fawkes tatsächlich ein Terrorist war, und selbst dann, wenn man sich deutlich macht, daß unter Maria Stuarts Herrschaft Protestanten ähnlich grausam behandelt worden waren.

Ich befürchte, daß bis heute eine Mehrheit von Lehrern, Schulbuchautoren, Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern Folter für ein geeignetes Mittel zur Wahrheitsfindung hält. Die meisten werden es nicht einmal vor sich selbst laut sagen, aber die unreflektierte Tradierung erpresster Geständnisse als historische Wahrheiten (keineswegs nur im Fall Guy Fawkes) ist eine deutlichere Abkehr von Vernunft und Menschlichkeit als die Phrasen einiger Sonderlinge, die schamlos öffentlich die Folteroption diskutieren.

Zwar ist es unbestreitbar, daß es jene Pulverfässer gab, daß mehrere der mutmaßlichen Verschwörer, darunter auch Catesby, wenige Tage später bei einem Feuergefecht umkamen und daß sie alle ein Interesse an der Rekatholisierung Englands hatten. Unbestreitbar ist auch, daß jeder aktive Katholik seine Freiheit und womöglich sein Leben riskierte. Damit ist sicher, daß Catesby, Fawkes und ihre mutmaßlichen Mittäter ein starkes Motiv hatten, und nicht völlig ausgeschlossen, daß die Planung so ähnlich verlief wie allgemein angenommen.

Aber Catesby und mehrere seiner Freunde wurden nicht befragt, sondern erschossen. Alle übrigen Verdächtigen wurden gefoltert oder zumindest mit der Folter bedroht.

Guy Fawkes hatte eine energische, klare Handschrift.

Unmittelbar nach der Folter unterschrieb er sein „Geständnis“ mit einem kaum entzifferbaren Gekritzel – nur mit dem Vornamen, wohl weil er mehr nicht schaffte.

Acht Tage nach der Folter unterschrieb er wieder ein Dokument, diesmal lesbar, aber immer noch sehr ungelenk.

Die Leiter zum Galgen konnte er nicht ohne Hilfe ersteigen. Man mag daraus schließen, wie mit ihm umgegangen wurde, man mag auch überlegen, ab wie vielen zerquetschten Fingern man selbst zur Diffamierung bereit wäre.

Jeder auch nur gelegentlich logisch denkende Jurist muß Guy Fawkes und alle von ihm als Mittäter Benannten aus Mangel an Beweisen freisprechen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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7 Antworten zu Folter und Geschichtsschreibung

  1. Danke für den interessanten Artikel! Es ist dabei interessant, wie erfolgreich die damalige Propaganda war, die aus der Tötung des Guy Fawkes ein wiederkehrendes Volksfest machte. Immerhin wird es bis heute gefeiert! Und von Alan Posener noch genauso verteidigt, wie es propagandistisch intendiert war.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich finde dabei besonders erschreckend, daß Kindern auf diese Weise ein plumpes und unmenschliches Weltbild nahegebracht wird. Möglicherweise auch von Leuten, die den Lütten keine Märchen vorlesen, weil die ja so grausam enden.

  3. stefanolix schreibt:

    Mit Deinen Ausführungen über die Folter in heutiger Zeit bin ich absolut einverstanden. Aber es ist immer kompliziert, unsere heutige Moral und Ethik auf vergangene Zeiten zu übertragen. Wir stehen heute z.B. dazu, dass es bei uns keine Todesstrafe gibt. In anderen Ländern würde ein Massenmörder allerdings auch heute noch hingerichtet (z.B. der Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh). Eine ähnliche (vermutlich weit schlimmere) Wirkung hätte das Sprengstoff-Attentat in England damals gehabt.

    Ich lese aus Deinen Zeilen eine Relativierung des »Gunpowder Plot« heraus und die finde ich nicht so richtig gut. Das Schießpulver lag nicht irgendwo, sondern es befand sich bereits am Ort des geplanten Anschlags. Es war genügend Schießpulver vorbereitet, um die gesamte Elite Englands zu ermorden. Die Wirkung hätte ausgereicht, um das Gebäude und seine Umgebung völlig zu verwüsten. Es fehlte praktisch nur noch die Zündung.

    Insofern ist die Todesstrafe gegen die Terroristen nach damaligem Maßstab nicht völlig von der Hand zu weisen. Es waren andere Zeiten als heute. Eine ganz andere Frage ist, ob man nicht die Rituale des Gedenkens an diesen Tag überarbeiten sollte. Da bin ich wieder Deiner Meinung: Die Rechtfertigung von Folter darf darin nicht enthalten sein. Und die Verwendung der Fawkes-Masken durch sogenannte Hacker ist einfach nur absurd.

    Ein letzter Satz: Die Wahl des Mittels »Terror« als Widerstand gegen Protestanten ist genausowenig mit dem christlichen Glauben vereinbar wie die Wahl des Mittels »Repression« gegen die religiöse Minderheit der Katholiken.

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Natürlich gab es die Fässer, und sie waren dort, wo sie hochgehen sollten. Natürlich ist Fawkes äußerst verdächtig. Aber wie ich oben sagte: Wer genau was genau getan hat, läßt sich wegen der mangelhaften Untersuchung und wegen der Folterungen nie mehr herausfinden.
    Daß Terror von jeder Seite verwerflich ist, ist klar. Ich rechtfertige keinen Terror, sondern es geht mir darum, das nur mit Sicherheit Überführte bestraft werden dürfen.

  5. Iris Kammerer schreibt:

    Gute Analyse, Claudia!
    Ob jemand Freiheitskämpfer oder Terrorist genannt wird, entscheidet sich daran, wer die Auseinandersetzung historisch gewonnen hat – der, der die Aktionen ausführte, oder der, gegen den sie sich richteten.
    Guy Fawkes war Mitglied einer Widerstandsgruppe, das ist unbestritten. Unbestritten ist auch, dass diese Widerstandgruppe Gewalt als probates Mittel einzusetzen bereit war. Ebenfalls unbestritten ist wohl, dass im damaligen Großbritannien Religion und Macht eine sehr enge Verflechtung eingegangen waren, indem das Staatsoberhaupt zugleich Oberhaupt der Kirche war, neben der keine andere Glaubensgemeinschaft zulässig war. Und das nicht im Mittelalter, sondern in der Zeit der späten Renaissance, der Reformation und der erwachenden Moderne. Ein Vergleich mit dem heutigen „Gottesstaat“ Iran liegt geradezu auf der Hand.
    Eine solche enge Verflechtung hatte es im heidnischen römischen Kaisertum gegeben, aber im gesamten Mittelalter nicht (daher die wiederkehrenden Querelen zwischen Kaiser und Papst). Dieser Umstand dürfte auch maßgeblich dafür gewesen sein, dass sich der katholische Widerstand als Märtyrer ansah und seine Opfer (wie die erwähnte Margaret Clitherow) in der katholischen Kirche diesen Status hatten.
    Dass Gruppen wie Anonymous Guy-Fawkes-Masken (in der Version von Alan Moores Comic „V for Vendetta“) benutzen, ist ein Missbrauch des Missbrauchs – eine heute offenbar sehr beliebte Masche, sich selbst ins Recht zu setzen, indem man sich als avantgardistischen Widerstand gegen eine faschistoide (=spießige) Welt stilisiert.

  6. Wolfram schreibt:

    Ich bin immer der Ansicht, man soll Gewesenes da belassen, wo es gewesen ist. Also die Kreuzzüge im Mittelalter, die britischen Glaubenskriege im 17. Jahrhundert.
    Das bedeutet, nicht mit heutigen Maßstäben zu messen, was damals passiert ist, und auch nicht Damaliges einfach mit Heutigem zu vergleichen. Unhistorisches Vergleichen führt zu solchen Auswüchsen wie religiösem Fundamentalismus, wenn man alte Texte unreflektiert auf die Jetztzeit anlegt, oder Geschichtsarroganz, wenn man vom Europa des 21. Jahrhundert aus auf alte Zeiten herabblickt, ohne sie zu verstehen.
    Wir können nur wünschen, daß heute ein solcher Prozeß nicht mehr stattfinden würde; ich habe allerdings für das sogenannte „zivilisierte Abendland“ einige Zweifel daran. Die heißen u.a. Guantanamo – aber auch die Folterandrohung in Frankfurt vor ein paar Jahren zeigt, wie nah wir immer noch an der „Barbarei“ sind. Und letztens, nach den Morden in Toulouse, wie viele Leute haben nach der Todesstrafe geschrieen…
    Wir haben nur eine ganz dünne Lackschicht Menschlichkeit aufzuweisen; die müssen wir schützen.

  7. Claudia Sperlich schreibt:

    Iris, willkommen auf diesem Blog und Dank für die ergänzenden Worte!
    Wolfram, da teilen wir mindestens eine Sorge.

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