Auf eigene Gefahr

Wir tun fast alles auf eigene Gefahr. Selbst einer Einladung folgen.

Auf dem Rüdesheimer Platz fand ein Fest statt. Vor kurzem hatte mich eine der Organisatorinnen gefragt, ob ich dort für Kinder etwas vorlesen könne. Ich hatte zugesagt und in Ordnung gefunden, daß die gemeinnützige Veranstaltung mir nicht mehr als Kaffee einbringt.
Ich kam verabredungsgemäß sehr zeitig, und außer mir wußte niemand, daß meine Märchenlesung geplant war. Dann war es aber doch in Ordnung. Dann kam eine Frau auf mich zu, die zur oberen Riege der Organisatoren gehört und mich kennt, freute sich, mich zu sehen, und hatte nicht die geringste Ahnung davon, daß und wozu ich eingeladen war. Ich war ein wenig ungehalten, was wiederum sie dazu bewegte, mir zu versichern, es werde sich gleich klären. Gleich war eine Viertelstunde später, es können auch zwanzig Minuten gewesen sein.
In der Zwischenzeit herrschte reges Treiben. Auf einer Bühne wurden erst Lieder und Geschichtchen mit Lokalkolorit zum Besten gegeben, die bei meiner Einschulung schon altbacken gewesen waren. (Ich kann bald nicht mehr hören, daß die Berliner [Eigenschaftswort freier Wahl einsetzen] sind. Ich bin Berlinerin seit meiner Geburt und fühle mich von dergleichen nie angesprochen, eher immer ausgeschlossen.) Es folgte Jugendliteratur von einem Autoren, der das auch schon seit Jahrzehnten so macht.

Es gab einige sehr witzige und schöne Mal- und Bastelaktionen und Informationsstände, und ich habe mal wieder einen Pinsel in der Hand gehabt und fand das Ergebnis nicht völlig schlecht. Daß allerdings die Kunstlehrerin, die diesen Stand betrieb, jedem, der lange genug stehen blieb, erklärte, wie die großen Impressionisten könne nun wirklich jeder malen, irritierte mich etwas.

Schließlich hatte man sich dazu durchgerungen, meinen Namen anzusagen. Und dann kamen die Kinder – nicht mehr als fünf oder sechs zwar, aber sie kamen. Ich hatte vorher nicht gewußt, für welche Altersgruppe ich lesen würde, und hatte also Verschiedenes mitgebracht. Kleine Leute waren es, und ich las einiges Kürzere aus Grimms Märchen vor.

Die Kinder waren so süß! Nach dem Märchen vom süßen Brei fragte ich, was sie denn machen würden, wenn jetzt die ganze Stadt voll Griesbrei wäre. Ein Mädchen sagte sehr genüßlich: „Auflecken. Ich würde ihn auflecken.“ Ein Junge war eher fürs Technische und meinte: „Warten, bis er fest ist, und dann einen Tunnel graben.“ Nach kurzem Überlegen setzte er hinzu: „Aber vielleicht ist dann da nicht genug Sauerstoff.“
Die Zertanzten Schuhe kannte das grießbreiliebende Mädchen und rief einige Male halblaut dazwischen: „Ich weiß, was jetzt kommt“ – hielt sich dann die Hand vor den Mund und sagte: „Ich verrat es aber nicht!“
Der Mond faszinierte die Kleinen auch sehr. Die Reaktionen entsprachen übrigens ganz meiner Erfahrung mit diesem Märchen: Als ich erzählte, daß die vier Burschen alt wurden und starben, zogen die Erwachsenen bedenkliche Gesichter, die Kinder fanden es völlig normal.
Zuletzt entspann sich auf Initiative der jungen Märchenkennerin ein Gespräch über die mögliche Existenz von Geistern. Die Kinder waren sich zwar einig, daß es eigentlich keine Geister gibt, sie gaben aber zu, daß man beinahe ein bißchen an Geister glauben kann, wenn zum Beispiel Schlüssel verloren gehen.

Das war eine schöne Veranstaltung. Nicht schön fand ich, daß auch hinterher keiner der Organisatoren sich blicken ließ. Jetzt bin ich einerseits hellauf begeistert von den Kleinen und andererseits etwas knurrig bezüglich der Großen. Aber, sage ich mir dann mahnend, nimm einfach die Großen nicht so wichtig. Meinen Hörern hat es Freude gemacht, darauf kommt es an.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu Auf eigene Gefahr

  1. Wolfram schreibt:

    Das ist der Moment, wo man sich sagt, Kinder sind die Zukunft. Und zwanzig Jahre später fragt man sich, wo diese Kinder geblieben sind, und braucht dringend neue…

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Immerhin gibt es ja einige Leute, die im Erwachsenenalter immer noch staunen und fragen und forschen können. Manche von ihnen sind dann z.B. bloggende Pfarrer.

  3. stefanolix schreibt:

    Ich war wohl zehn oder zwölf Jahre, als man mich verpflichtete, bei einer Kirchenweihnachtsfeier für Senioren im Flötenchor mitzuspielen. Da wir neben dem Kirchenlokal wohnten, blieb auch ein großer Teil der Vorbereitung an unserer Familie hängen.

    Die Vorbereitung wäre zu verschmerzen gewesen, aber was dann geschah, hat mein zartes Kinderherz berührt und mich für lange Zeit geprägt 😉

    Die älteren Leute haben sich nämlich einen feuchten Kehricht darum gekümmert, was wir Kinder gesungen und gespielt haben. Wir waren allenfalls eine Geräuschkulisse. Sie befassten sich mit ihrem Kaffee und ihrem Dresdner Christstollen. Sie redeten miteinander. Sie erzählten sich wohl auch all die alten Witze, die mir mit 12 schon zu langweilig waren (das erkannte man am Ho-Ho-Ho).

    Da muss ich mich wohl entschlossen haben, derartige Veranstaltungen nie wieder mitmachen zu wollen. Als der Stimmbruch kam, traf ich mit Absicht keinen Ton mehr — und danach auch nie wieder, wenn man mich für den Kirchenchor testen wollte. Mit 18 habe ich mich aus dieser speziellen Kirche abgemeldet (aber aus anderen Gründen) …

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Mit Kindern wird zuweilen wahrlich hahnebüchen umgegangen mit der felsenfesten Überzeugung, besonders kinderlieb zu handeln.

  5. stefanolix schreibt:

    Die Gemeinde hat das sicher nicht böse gemeint und die Gäste der Rentnerweihnachtsfeier erst recht nicht. Vermutlich waren die anderen Kinder aus dem Kinder- und Flötenchor so stark integriert, dass es sie nicht gestört hat. Aber ich fühlte: So geht das nicht. Man kann doch erst der Musik zuhören und danach Stollen essen. Oder umgekehrt. Musik ist keine Nebensache, wenn dafür so lange geübt wurde …

  6. Claudia Sperlich schreibt:

    Nein, bösen Willen darf man sicher nicht voraussetzen. Aber Gedankenlosigkeit, und ich gebe Dir recht: etwas sorgfältig Eingeübtes muß honoriert werden.

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