Zehn Wörter, vieltausendfach

Im Oktober vergangenen Jahres beteiligte ich mich an einem Projekt des Erzbistums Köln. Gesucht waren zehn große Wörter des Christentums – und zahlreiche Menschen verschiedener Konfessionen haben mitgemacht. Die 108 am häufigsten eingesandten Worte kann man hier sehen.

7444 Wörter wurden genannt, die von mir eingesandten Wörter teils sehr häufig, teils unter zehn Mal:

Nächstenliebe (zusammen mit Liebe 639 Mal)
Jesus (364 Mal)
Gott (233 Mal)
Barmherzigkeit (164 Mal)
Freude (80 Mal)
Gerechtigkeit (67 Mal)
Messias (< 10 Mal)
Wiederkunft (< 10 Mal)
Feindesliebe (< 10 Mal)
Schriftkultur (< 10 Mal)

So sehr ich mich freue, daß als unübertrefflich große Wörter von den meisten Einsendern Liebe und Jesus genannt werden, sehe ich kirchlichen Handlungsbedarf.
Ist etwa nicht wichtig, daß Jesus der Messias ist, und daß Er wiederkommen wird? Es ist eine Kernaussage in einer sonst heillosen Welt des Flickwerks.
Ist trotz der allgemeinen Gültigkeit des Wortes Liebe die ausdrückliche und außerordentlich schwerfallende Feindesliebe nicht ganz wesentlich für das Christentum? Wo Feindesliebe nicht einmal mehr gedacht wird, hat eine Haßkultur alle Chancen, sich zu entwickeln. Immerhin wurde das Wort Vergebung 183 Mal genannt, aber die Radikalität der Feindesliebe ist meiner Ansicht nach immer wieder eine Erwähnung wert.
Und sollte man nicht ab und zu bedenken, daß die Schriftkultur, nicht nur die explizit christliche, sich zu einem großen Teil dem Christentum verdankt? Man stelle sich Mittelalter und Neuzeit Europas einmal ohne Kirchen vor – abgesehen davon, daß die Neuzeit gar nicht stattgefunden hätte, wäre uns nicht ein einziges Wort schriftlicher Überlieferung erhalten geblieben ohne die Skriptorien der Klöster und ohne die christlich geprägten Universitäten. Nicht nur kein Wort des Neuen Testaments und des Christentums, sondern auch kein Wort der Antike, kein Wort Homer und kein Wort Vergil.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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7 Antworten zu Zehn Wörter, vieltausendfach

  1. erinnye schreibt:

    Feindesliebe in einem existentiellen Sinn halte ich für eine Utopie. Die wenigsten Menschen sind zum Märtyrer geboren.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich verstehe sie vor allem als Abschaffung von Todesstrafe – auch für Mörder, als Verzicht auf Rache.

  3. erinnye schreibt:

    Ich verabscheue die Todesstrafe natürlich auch vollkommen, sehe da aber (außer allenfalls für die Opfer-Angehörigen) eher keinen Aspekt von Feindesliebe bzw. -Hass. Der schlimmste, niedrig gesinnteste Mörder, der in einem Gefängnis einsitzt, ist nicht mein Feind, denn er bedroht mich nicht persönlich.

    Feindesliebe aber würde ja heißen, diejenigen Menschen zu lieben, die einen AKUT bedrohen, warum und wie auch immer.

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich glaube, es fängt schon weit vor der Bedrohung an. Wenn man jemanden nicht ausstehen kann und trotzdem für seine Rechte eintritt, wo nötig – ihn zumindest als Mensch mit gleicher Würde und gleichen Rechten anerkennt.
    Aber auch der Verzicht auf einen „Präventivschlag“ gehört dazu. Im Fall der Notwehr – die Verhältnismäßigkeit. Der Verzicht auf Rache.
    Alles keineswegs einfache Dinge, sondern eine große Aufgabe – so jedenfalls sehe ich es.

  5. Wolfram schreibt:

    Bevor man sagen kann, ob es möglich ist, seine Feinde zu lieben, muß man wohl sagen, was man unter Liebe versteht… ich würde sagen: jemanden lieben heißt ihn sehen, wie Gott ihn sieht, und die Welt mit seinen Augen sehen. Das hat nichts mit Zuneigung zu tun.

    Die Schriftkultur hätte ich jetzt auch nicht zu den 10 wichtigsten Begriffen gezählt, eher noch Glaube und Hoffnung.

  6. Claudia Sperlich schreibt:

    Das Problem ist, daß zehn Wörter natürlich eigentlich zu wenig sind. Was man da besonders gewichtet, hängt sicher auch davon ab, was einen gerade in dem Augenblick besonders beschäftigt und könnte in der nächsten Woche ein wenig – wenn auch nicht grundsätzlich – anders aussehen.
    Deine Definition von Liebe gefällt mir sehr – und zeigt zugleich, was für einen ungeheuren Anspruch Liebe stellt.

    • Wolfram schreibt:

      Reichen da nicht schon der wunderschöne Text von Paulus, den er mit den Worten einleitet: „Wenn ich in Menschensprachen und Engelssprachen redete und hätte keine Liebe, wäre ich ein dröhnender Gong oder eine scheppernde Kuhglocke“ (meine leicht freie Übertragung), und das berühmte „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“? Letzteres freilich ist den einen schwer wegen zuviel Eigenliebe, den anderen wegen zuwenig…

      Gemeinde ist auch ein wichtiger Begriff, ohne Gemeinde kein Christentum, man landet als Eremit oder Säulenheiliger unweigerlich im Sektieren.

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