Aussagen über Jeanne d’Arc

Vor 581 Jahren wurde Jeanne d’Arc nach einem tendenziösen und auch nach damaligem Rechtsverständnis von Formfehlern strotzenden Prozeß ohne rechtmäßiges Urteil als Hexe und Ketzerin verbrannt.
Folgende Aussagen über das Mädchen aus Domrémy stammen aus dem Rehabilitationsprozeß im Jahre 1455/56, fünfundzwanzig Jahre nach Jeannes Tod.

Notar Guillaume Manchon:
Da Jeanne die Sache des französischen Königs verfocht, handelten die meisten der mit dem Prozeß Beauftragten – wie Mgr. de Beauvais und die aus Paris hinzugezogenen Gelehrten – sowie die Engländer, auf deren Drängen der Prozeß geführt wurde, mehr aus Haß und Geringschätzung gegenüber dem An­spruch des Königs von Frankreich.
Da war ein Magister namens Nicolas Loiseleur, ein vertrauter Freund des Mgr. de Beauvais, der zur Partei der Engländer hielt. Er gab vor, aus Jeannes Heimat zu kommen, und um sich in ihr Vertrauen zu drängen, be­richtete er ihr angenehme Neuigkeiten von dort. Er wollte ihr Beichtvater sein und fand Mittel, das, was sie ihm im geheimen anvertraute, den Notaren zu Gehör zu bringen. Tatsächlich wurde ich zu Beginn des Prozesses mit Boisguillaume und Zeu­gen heimlich in das danebenliegende Zimmer gebracht, wo man durch ein verstecktes Loch mithören konnte. Ja, es scheint mir, Loiseleur hat das, was die Jungfrau ihm im Vertrauen sagte, den Notaren hinterbracht, damit sie es für die Verhöre aufzeichneten, um sie dadurch zu Fall zu bringen.
Als der Prozeß begann, kam Magister Jean Lohier, ein angesehener normannischer Schreiber, in die Stadt Rouen, um die Prozeßakten einzusehen. Er bezweifelte die Gültigkeit des Prozesses, da er an geschlossenem Ort stattfand, wo die Richter keine volle Freiheit hatten, ihre Meinung zu sagen, ferner, weil weder die Akte noch die Ar­tikel auflagen und weiter, weil die Angeklagte keinen Rechtsbeistand hatte, der ihr in so schwierigen Fragen wie denen nach ihren Offenbarungen geraten hätte.
Darüber wurde Mgr. de Beauvais wütend auf den genannten Lohier. Und obgleich der Bischof ihm zu bleiben anriet, um den Prozeßverlauf zu verfolgen, antwortete Lohier: „Nein, ich bleibe keinesfalls!“
Zu Beginn des Prozesses schrieb ich die Antworten und Erklärungen der Jungfrau mit. Die Richter wollten mich mehrfach zwingen, andere Wendungen zu gebrauchen, Jeannes Sätze zu verändern. Sie sprachen zu mir in lateinischer Sprache. Zwei Mgr. de Beauvais ergebene Männer wurden in eine Fensternische in der Nähe der Richter gezwängt und von einem langen Vorhang verdeckt. Diese beiden Herren schrieben und berichteten, was Jeanne belastete, und verschwiegen, was sie entschuldigte. Mir schien, der genannte Loiseleur war dabei.

Jeannes Richter Richard de Grouchet:
Es war offensichtlich, daß die Engländer Jean­ne fürchteten.
Es dünkt mich, unter den Richtenden waren freiwillige und begünstigte Parteigänger, solche, die gezwungen und wider Willen teilnahmen und viele, die eingeschüchtert waren; manche, die dem Prozeß nicht beiwohnen wollten, mußten fliehen, wie Ma­gister Nicolas de Houppeville, der in großer Gefahr war. Sogar die Magister Jean Pi­gache und Pierre Minier konnten, wie sie mir sagten – ja, und ich selbst, der ich bei ihnen wohnte – wir konnten unsere Meinung nur in Angst und unter Drohung äußern: wir mußten dem Prozeß beiwohnen, und auch wir erwogen zu fliehen. Ich habe wie­derholt Magister Pierre Maurice selbst sagen hören, daß die Engländer ihn ungern sä­hen, seit er nach der ersten Predigt Johanna ermahnt hatte, ihre Entscheidung auf­rechtzuerhalten. Ja, er lief Gefahr, gegeißelt zu werden, wie er sagte.
Das Urteil erschien mir immer ungerecht, und ich habe mich gefragt, woher sie die Rechtstitel und die Gründe zur Verurteilung genommen. Ich hatte keine Kenntnis von einem Urteilsspruch des weltlichen Gerichts.

Hauptmann Jean d’Aulon:
Als die Jungfrau erfuhr, daß wir mit der Verstärkung für Orléans im Anmarsch waren, schwang sie sich sogleich aufs Pferd, um uns mit einer Anzahl ihrer Gefolgsleute zur Unterstützung entgegenzureiten und Hilfe zu bringen, falls wir ihrer bedurft hätten. Und die Jungfrau, der Graf von Du­nois, der Marschall de la Hire und ich, wir zogen mit unseren Truppen vor den Augen der Engländer ungehindert in die Stadt ein.

Und alle Taten der Jungfrau erschienen mir göttlich und wunderbar. Und es ist doch unmöglich für eine solche Jungfrau, derartige Taten zu vollbringen ohne den Willen und die Fügung Gottes!
Während eines vollen Jahres war ich auf Befehl des Königs, unseres Herrn, in der Begleitung der Jungfrau, und während dieser Zeit habe ich nichts an ihr bemerkt, was nicht an einer guten Christin sein soll. Sie war ein junges Mädchen, schön und wohl­gestaltet, und manches Mal, wenn ich ihr in die Rüstung half und sonst, habe ich ihre Brüste gesehen und manchmal ihre nackten Beine, wenn ich ihre Wunden verband. Ich war ihr häufig nahe, und ich war jung und stark und in voller Manneskraft, und dennoch, gleichviel, wie ich die Jungfrau sah oder wie immer ich sie berührte, nie war ich von einer Begierde nach ihr bedrängt, und gleicherweise kein anderer von meinen Leuten und Knappen, nach allem, was ich sie manchmal habe reden und er­zählen hören.

Seigneur Jean, Herzog von Alençon:
Jeanne! Ich sah sie in Chinon, wie sie sich mit dem König unterhielt. Als ich mich näherte, fragte Jeanne, wer das sei, und der König antwortete ihr, das sei der Herzog von Alençon. Da sagte Jeanne: „Ihr seid mir sehr willkommen. Je mehr königliches Blut beisammen ist, desto besser.“
Während des Angriffs auf Jargeau stand ich einen Augenblick lang an einer bestimm­ten Stelle. Jeanne rief mir zu, den Platz zu verlassen. Sie deutete auf eine zur Stadt gerichtete Steinschleuder und rief: „Diese wird Euch töten, wenn Ihr nicht fortgeht!“ Und ich ging zurück, und bald darauf wurde an eben der Stelle und durch eben diese Steinschleuder der Sire du Lude getötet. Ich bekam nachträglich einen großen Schre­cken und verwunderte mich sehr über die Worte der Jungfrau.
Jeanne war keusch. Sie haßte die Weiber, die im Troß mit den Soldaten zogen. Bei der Rückkehr von der Krönung, in Saint-Denis, sah ich Jeanne eine von ihnen mit gezogenem Schwert verfolgen. Sie konnte sehr böse werden, wenn sie die Soldaten fluchen hörte; sie schalt sie rauh. Und sie schalt auch mit mir, denn besonders ich, ich fluchte manchmal. Aber vor ihr hielt ich mich zurück.
Jeanne war einfach und jung, aber das Kriegshandwerk verstand sie; sie wußte eben­sogut die Lanze zu führen wie die Armee zu formieren und einen Aufstellungsplan zu entwickeln, besonders was die Artillerie betraf; jeder erstaunte darüber, wie sie all das mit Sicherheit und Umsicht regelte, so, als hätte sie seit zwanzig oder dreißig Jahren Krieg geführt.

Isabelle d’Arc:
Ich hatte eine Tochter. Sie war getauft und gefirmt, so wie es sich gehört. Ich hatte sie in der Furcht Gottes erzogen und zur Achtung vor der Kirche, wie es ihr Alter und un­sere Verhältnisse erlaubten. Obwohl ihr die Arbeiten des Feldes und gelegentlich das Hüten der Tiere oblagen, hat sie darum die Kirche nicht weniger besucht; sie ging eif­rig zu den Sakramenten, fast jeden Monat. Sie betete und fastete mit Inbrunst und hatte mit dem Elend der Menschen jener Tage von Herzen Mitleid.
Und dennoch haben sie die Feinde des Königreichs vor das Gericht gezerrt.

Bauer Simonin Musnier:
Ich bin mit Jeanne zusammen aufgewachsen. Ich wohnte in der Nähe ihres Vaterhauses. Wirklich, ich weiß, wie gut sie war, wie schlicht und fromm! Sie verehrte Gott und seine Heiligen. Sie ging oft und gern zur Kirche und zu den geweihten Orten, tröstete die Kranken und gab Almosen den Armen; das konnte ich selbst erfahren: Als ich klein war, ging es mir nicht gut, und Jeanne kam, um mich zu trösten.

Jean Marcel, Bürger von Paris:
Ich wohnte in Rouen, als Jeanne vor Compiègne ge­fangengenommen und nach Rouen gebracht wurde. Ich habe gehört, daß Lady Bed­ford Jeanne untersuchen ließ, ob sie keusch sei oder nicht, und daß man sie als jung­fräulich erkannte. Ein Schneider namens Jeannot Simon sagte, Lady Bedford habe ihn für Jeanne ein Weiberkleid anfertigen lassen. Während er es ihr anpaßte, strich er ihr über die Brüste. Jeanne war darüber heftig erzürnt und schlug besagtem Jeannot ins Gesicht.

Jean Riquier, Priester und Kaplan der Kathedrale von Rouen:
Ich war Kantor an der Kathedrale von Rouen, und ich hörte wohl die Geistlichen von dem Prozeß sprechen, so Magister Pierre Maurice und Magister Nicolas Loiseleur und andere, an die ich keine Erinnerung mehr habe. Sie sagten, die Engländer hätten solche Angst vor Jean­ne, daß sie nicht wagten, Louviers zu belagern, solange sie am Leben sei. Man müsse ihnen zu Gefallen sein, ihr eilends den Prozeß machen und einen Grund finden, sie zu töten.
Ich war bei der Abwicklung des Prozesses nicht dabei. Er wurde im Sinne der Eng­länder geführt und war reichlich lang. Doch habe ich sagen hören, die Engländer sei­en unzufrieden, daß er sich so in die Länge zog, und sie machten einigen Beteiligten Vorhaltungen deswegen.
Ich war bei der ersten Predigt in Saint-Ouen dabei. Ich hörte dort den Prediger, Ma­gister Guillaume Erard, häßliche Reden über den französischen König führen, aber Jeanne verteidigte ihn: „Redet nicht also vom König, denn er ist ein guter, christlicher König. Sprecht von mir!“
Ebenso wohnte ich der zweiten Predigt, auf dem Altmarkt, bei, an Jeannes Todestag. Magister Pierre Maurice ging in der Frühe, bevor sie zum Altmarkt geführt wurde, zu ihr.
„Magister Pierre“, fragte sie, „wo werde ich heute abend sein?“ Magister Pierre ant­wortete darauf: „Hofft Ihr denn nicht auf Gott?“ Sie sagte: „Doch! Und wenn es Gott gefällt, werde ich im Paradies sein!“ Das hat Magister Pierre mir selbst erzählt.
Als Jeanne sah, wie man die Reisigbündel entzündete, begann sie mit lauter Stimme Jesus zu rufen, und immer wieder, bis zu ihrem Tode, schrie sie: Jesus!
Als sie tot war, veranlaßten die Engländer den Henker, die Flammen einzudämmen, damit die Anwesenden sehen konnten, daß Jeanne verschieden war, und nicht erzählt würde, sie sei ihnen entkommen. Magister Jean Alespée, der damals Domherr von Rouen war, stand neben mir. Ich hörte ihn weinend sagen: „Wollte Gott, meine Seele wäre dort, wo ich glaube, daß die ihre ist!“

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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