Freiheit, Lebensrecht und ein bißchen Rabatt

Zur Zeit wird die Deutsche Bahn heftig kritisiert, weil sie für die Großveranstaltung Marsch für das Leben 2012 das Veranstaltungsticket anbietet. Zahlreiche Kritiker behaupten nun, die Bahn unterstütze den Marsch für das Leben, mehr noch: dieser sei eine finstere, undemokratische, aufklärungs- und frauenfeindliche Kampagne mit rechtsradikalem Einschlag.

Es geht also um zwei Probleme. Zum einen steht die Deutsche Bahn im Verdacht, eine demokratiefeindliche Veranstaltung zu unterstützen. Zum anderen steht die Veranstaltung selbst im Verdacht, finstere Machenschaften zu propagieren.

Wie die meisten Unternehmen bietet auch die Bahn Sonderkonditionen für Großkunden an. Das ist ein völlig normales Geschäftsgebaren. Zudem steht es jedem frei, eine Großveranstaltung zu planen und durchzuführen. Sollte es jemand schaffen, auf nach demokratischen Grundsätzen vertretbare Weise eine Großveranstaltung zum Thema Recht auf Abtreibung aufzuziehen, so kann er ohne Zweifel bei der Bahn ein Veranstaltungsticket bekommen. Und so schauerlich ich das fände, ich könnte es der Bahn nicht zum Vorwurf machen.

Die heftige Kritik an der Bahn ist im Grunde nur ein Aufhänger für die immer wieder geäußerte Kritik am Schutz Ungeborener. Hierbei werden höchst unsachliche Vorwürfe laut – möglicherweise deshalb, weil ein sachliches Argumentieren gegen den Schutz Ungeborener nicht so leicht ist. Ich kann und will hier nicht alle Argumente für den Schutz des Lebens nennen und beschränke mich auf einige Punkte, die mir bei der Lektüre verschiedener Bahnkritiker besonders sauer aufgestoßen sind.

Für mich steht außer Frage, daß die Tötung eines ungeborenen Menschen übel ist, und zwar ganz gleich in welchem Stadium der Schwangerschaft. Beschwichtigende Phantasiewörter wie Zellklumpen für alles von Morula bis Embryo oder wegmachen für töten weisen m.E. eher auf eine uneingestandene Scheu, sich mit biologischen Tatsachen auseinanderzusetzen, denn auf einen emanzipierten Umgang mit sich selbst und anderen.

Ein häufiges Argument für die Legalisierung und Akzeptanz von Schwangerschaftsabbrüchen sind die unbestreitbar fürchterlichen Folgen illegaler Abtreibungen. Denn natürlich ist die Tötung eines Ungeborenen in steriler Umgebung, mit größtmöglicher Schonung der Mutter und durch erfahrene Mediziner das geringere Übel gegenüber der Engelmacherin mit Stricknadeln im schmuddeligen Hinterzimmer. Aber diese Argumentation übersieht die dritte Möglichkeit – nämlich das Baby leben zu lassen und der Mutter zu helfen, notfalls durch Babyklappe und Adoption, im günstigeren Fall durch finanzielle und moralische Unterstützung der jungen Familie. Diese Möglichkeit ist zwar die kostpieligste und anstrengendste von allen (Eltern werden mir zustimmen). Aber ich halte sie für unvergleichlich viel besser als die vorher genannten Möglichkeiten. Es rechtfertigt schließlich auch nicht den Mord an einem geborenen Menschen, daß andere Leute noch mehr und noch grausamer morden.

Ob ich mit meiner Einschätzung objektiv recht habe oder nicht, darf weder die Bahn noch irgendwelche Behörden interessieren, solange ich meine Meinung auf demokratisch vertretbare Weise äußere. Eine Demonstration für den Schutz vorgeburtlichen Lebens hat ihrem Wesen nach keine demokratiefeindlichen Anteile und muß daher toleriert werden, ob man sie nun gut findet oder nicht.

Meinungsfreiheit beinhaltet logischerweise auch das Recht auf Irrtum. Sollte es gelingen, eine Massenveranstaltung für das Recht auf freies, maschinenloses Umherflattern über öffentlichen Parkanlagen ins Leben zu rufen, müßte auch sie ungeachtet ihrer Unsinnigkeit toleriert werden, nötigenfalls von der Polizei vor Übergriffen geschützt werden, und ich hätte nichts dagegen, wenn die Bahn den Veranstaltern Sonderkonditionen einräumte.

Meinungsfreiheit beinhaltet nicht das Recht auf Schmähung, Verleumdung, Beleidigung und Übergriffe. Das mögen sich alle hinter die Ohren schreiben, die sich jetzt schon darauf freuen, am 22. September Christen zu beleidigen, zu bespucken und körperlich anzugreifen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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12 Antworten zu Freiheit, Lebensrecht und ein bißchen Rabatt

  1. Braut des Lammes schreibt:

    Sehr gut geschrieben, vielen Dank.

  2. jobo72 schreibt:

    Gefällt mir sehr gut, der Text, weil er die Diskursebenen sauber trennt und glasklar argumentiert. Danke, Claudia!

    LG, Josef

  3. Frau Momo schreibt:

    Wenn ich lese, wer da alles Grußworte reden will, kriege ich schon das kalte Grausen, aber natürlich ist auch so eine Veranstaltung legitim, so furchtbar ich sie finde.
    Ich würde mich jederzeit einer sachlichen Auseinandersetzung stellen, meine Erfahrung ist aber, das das mit solchen Fundamentalisten nicht geht.
    Ich habe abgetrieben und ich hatte meine Gründe dafür. Und ich werde mich nicht von fundamentalen Christen oder auch von der katholischen Kirche dafür moralisch an den Pranger stellen lassen. Ganz sicher nicht.

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich finde es einfach unsäglich traurig, wenn Kinder sterben. Ich glaube auch, daß es immer lohnt, eine bessere Möglichkeit zu suchen. Angeprangert wurden in den letzten Jahren und werden jetzt wieder regelmäßig die Leute, die sich gegen Abtreibungen aussprechen.

  5. Braut des Lammes schreibt:

    Der Marsch ist allerdings ökumenisch – wie auch das Anliegen des Schutzes des Lebens eines des Christentums an sich ist – und sein Ziel ist es nicht, Frauen anzuprangern.

  6. isa schreibt:

    Ich würde gern auch den Link lesen. Kannst du mir bitte helfen? Welches Wortist denn hier verlinkt?

  7. Claudia Sperlich schreibt:

    Isa, ich habe die vier Links überprüft, sie funktionieren alle – einfach draufklicken.

  8. isa schreibt:

    Ich surfe akustisch und wenn nicht steht kannst du HIER nachlesen oder so ähnlich merkt meine Vorlesestimme das nicht

  9. isa schreibt:

    Unterschiedliche Meinungen ernähren sich aus unterschiedlichen Quellen. Und ich finde nichts verwerflicher als Meinungsschlachten in denen sich Menschen auf feste Positionen zementieren oder gar bespucken und tätlich angreifen. Dass die Bahn Tickets für zugelassene Meinungsdemos verkauft sollte für keine Seite ein Problem sein.

    Ich habe schon viel Leben gelebt und auch Meinungen vertreten die ich heute nicht mehr teilen würde. Wir sind fortwährend lernende Wesen.
    Um Leben zu schützen braucht es auch entsprechende Voraussetzungen. Meine Erfahrung ist die, dass Frauen und Mädchen, wenn sie ihr Baby austragen, viel zu schnell wieder allein gelassen werden in ihrer Not. Es braucht noch sehr viel mehr Lösungen, denn es geht ja auch um das Leben der Mütter.

  10. Claudia Sperlich schreibt:

    Auf jeden Fall, Isa! Deutschland ist leider ausgesprochen kinderfeindlich, das fängt schon damit an, daß Frauen im gebärfähigen Alter erheblich schwerer an gute Arbeitsstellen kommen als gleich qualifizierte Männer. In einer solchen Atmosphäre wird Abtreibung leichter als „Lösung“ betrachtet.
    Ein echter Fortschritt ist, daß uneheliche Kinder nicht mehr stigmatisiert werden. In meiner Kindheit wurde meine Mutter noch komisch angesehen, weil sie mir nicht nur erlaubte, mit dem unehelichen Mädchen aus der Nachbarschaft zu spielen, sondern die Kleine auch einlud und ihrer Mutter nach Kräften half. Das wurde von den gutbürgerlichen Nachbarn „falsch verstandenes Christentum“ (sic!) genannt.
    Aber dieser eine Fortschritt genügt noch lange nicht.

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