Marvellous Garden

Vor neun Jahren starb mein Vater Martin Sperlich. In seinem Nachlass fand ich die angefangene Übersetzung eines Gedichtes von Andrew Marvell; die erste Strophe hatte er teilweise, die fünfte vollständig verdeutscht. Ich stellte die Übersetzung fertig – jedenfalls dachte ich das. Erst kürzlich bemerkte ich, daß das Gedicht noch mehr Strophen hat als aus den Papieren meines Vaters hervorging. Auch fand ich meine Version noch verbesserungswürdig.
Nun ist die Übersetzung endlich wirklich fertig – eine Gemeinschaftsarbeit über den Tod hinaus.

In der letzten Strophe schildert Marvell die Zeitmessung mit Blumen. Die berühmte Blumenuhr, deren Zeitangabe darauf beruht, daß Blüten bestimmter Blumen sich zu bestimmten Zeiten öffnen, sollte Carl von Linné erst 1745 (also erheblich nach Marvells Tod) vorstellen.
Ich hielt es zunächst für unglaubwürdig, daß eine solche Entdeckung in seiner ebenso garten- wie literaturbegeisterten Zeit nicht noch an anderer Stelle geschildert und abgebildet wurde. Tatsächlich kann es sich bei der Beschreibung auch um eine Sonnenuhr mit einem Zifferblatt aus Blumen handeln.
Dafür, daß Marvell das von Linné vorgestellte Prinzip bereits kannte, spricht andererseits die Erwähnung der Bienen:

And, as it works, th‘ industrious bee
Computes its time as well as we.

Das könnte illustrieren, wie die Bienen dem Öffnen und Schließen der Blüten einer Blumenuhr folgen.

Gartengedanken

Wie blendet alle doch der Glanz
Von Eiche, Palm- und Lorbeerkranz!
Wie sehn sie ungebeugten Fleiß
Gekrönt von einem Baum, vom Reis,
Des kurzer, eng begrenzter Schatten
Mahnt weise, welche Müh sie hatten,
Doch Baum und Blume kam herzu,
Den Kranz zu winden ihrer Ruh.

Hier fand ich süße Ruh, und fand
Sie an der Unschuld Schwesterhand!
Ich sucht euch, irrte lange Zeit
In menschlicher Geschäftigkeit.
Doch heilge Pflanzen wolln hinieden
Bei Pflanzen wachsen und in Frieden.
Gesellschaft ist mir nur noch Leid
Und köstlich diese Einsamkeit.

Kein Weiß noch Rot mir je erschien
So lieblich wie dies schöne Grün.
In Bäume schneiden Mädchennamen
Verliebte, hart wie ihre Damen.
Kaum daß sie wissen oder sehen,
Wie Bäume über jenen stehen!
Ritz ich der schönen Bäume Rinden,
Soll man nur ihre Namen finden.

Brennt Glut der Leidenschaft einst nieder,
Birgt hier sich Liebe gerne wieder.
Wenn Götter Menschenschönheit jagen,
Wird sie in einen Baum verschlagen.
So jagte Daphnen einst Apoll,
Die nun als Lorbeer wachsen soll.
Pan lief der Syrinx hinterher,
Nun ist sie Schilf, nicht Nymphe mehr.

Dies ist ein Leben! Wunderbar!
Die Äpfel reifen um mein Haar;
Aus überreifen Trauben drückt
Mein Mund den süßen Wein verzückt;
Die wundersame Nektarfrucht
Hat meine Hände selbst gesucht;
Taumelnd, überm Melonenrund,
Fall ich in Wiesenblütengrund.

Doch zieht der Geist sich wohl zurück
Von niedrer Lust in eignes Glück:
Ein Meer, da jede Art erfasst
Ihr Gegenstück, das zu ihr passt,
Doch andre Meere, andre Welten
Baut er, die mehr als diese gelten,
Und was er schuf, läßt er zerrinnen
In grünen Schattens grünem Sinnen.

Wo sich der Fuß der Quelle wiegt,
Sich Moos an Obstbaumwurzeln schmiegt,
Wirft ab die Seele Leibes Tracht
Und gleitet in die Blätterpracht:
Als Vogel sitzt sie dort, zu singen,
Ihr Schnabel kämmt die Silberschwingen,
Bis weitrem Flug sie sieht entgegen,
Darf Licht sich bunt auf Federn regen.

Einst ging durch frohe Pracht der Gärten,
Der Mensch allein und ohn‘ Gefährten:
So rein und süß der Ort, auf Erden
Konnt niemals bessre Hilfe werden!
Doch fiel den Sterblichen nicht zu,
Allein zu wandeln dort in Ruh:
Zwei Eden wärens im Verein,
In Eden leben und allein.

Der Gärtner hat der Ziffern Bogen
Aus Grün und Blumen klug gezogen;
Die hohe Sonne läuft nun mild
Durch Zodiaks duftendes Gebild,
Die fleißge Biene schafft und mißt,
Genau wie wir es tun, die Frist.
So heilsam süßer Stunden Uhr
Besteh aus Grün und Blumen nur!

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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