Für Leben und Freiheit

Am 22. September findet in Berlin der Marsch für das Leben statt. Schon jetzt schlagen die Wellen hoch; es wird auf mir nicht recht begreifliche Weise dagegen polemisiert. So wird den Organisatoren und Teilnehmern immer wieder vorgeworfen, gegen weibliches Selbstbestimmungsrecht und gegen das „Recht auf Abtreibung“ [sic] zu Felde zu ziehen. Über die argumentativen Mängel dieses Einwandes habe ich schon einmal geschrieben.

Biologisch ist es überhaupt keine Frage, ob ein befruchtetes Ovum Leben ist oder nicht. Es hat eine DNA, die Zellen teilen sich, also ist es Leben. Eine menschliche Schwangerschaft bedeutet einen weiteren Homo sapiens im Entwicklungsstadium. Wesentliche Anlagen des sich entwickelnden Menschen sind bereits bei der Zeugung festgelegt, auch wenn während der Schwangerschaft noch viel schiefgehen kann durch äußere Einflüsse (z.B. durch Mangelernährung, Krankheit, falsche Medikation, Gewalteinwirkung). Das wachsende Wesen ist also Mensch, lange bevor es Person ist. Denn da zum Personsein Entscheidungsfreiheit und Verantwortung gehören, könnte man sagen, ein Mensch ist in den ersten Lebensjahren noch nicht Person und hört auf, Person zu sein, wenn er durch Unfall, Krankheit oder Alter dauerhaft nicht mehr beschlußfähig ist. Man kann allerdings auch – mir sehr viel sympathischer – argumentieren, daß ein Baby bereits deutliche, über bloßes Hungergeschrei hinausgehende Zu- und Abneigungen zeigt, mithin bereits Person im Entwicklungsstadium ist, und daß ein dementer Greis in der Regel immer noch Vorlieben und Widerwillen äußern kann (wenn auch sehr reduziert), mithin Person im Verfallsstadium ist. Nicht ganz Person – aber ganz Mensch!

Soweit wir wissen, ist eine Morula oder ein Embryo keinesfalls Person – aber sehr wohl Mensch. Im deutschen Recht ist dieser kleine Mensch als Nasciturus Träger von Grund- und Zivilrechten. Wäre es anders, wären u.a. folgende Szenarien möglich:

1. Die Mutter wird durch einen Unfall oder eine Gewalttat geschädigt, und zwar auf eine Weise, die vor ihrer Schwangerschaft keine schlimmeren Folgen als einen schmerzhaften Bluterguß gehabt hätte. Sie verliert das Kind. Ein Richter müßte das als geringfügige Körperverletzung werten.

2. Der Vater stirbt vor der Geburt des Kindes. Das Erbe geht im Regelfall an die Mutter und eventuell an die älteren Geschwister, nicht aber an die neugeborene Halbwaise.

3. Juristisch sind Schwangerschaftsurlaub und Mutterschutz nicht mehr ohne Weiteres zu rechtfertigen.

Diese Beispiele können bei der derzeitigen Rechtslage nicht eintreten, wären aber bei einer Aufhebung des Schutzes Ungeborener unmittelbare Folge. Das verdeutlicht, warum dieser rechtliche Schutz so wichtig ist. Es ist aber logisch nicht möglich, dem Ungeborenen Schutz zu gewähren für den Fall, daß es geboren wird, und ihm zugleich diesen Schutz zu versagen für den Fall, daß es unerwünscht ist.

Ein Nasciturus ist notwendig fremdbestimmt. Er erleidet oder genießt, was ihm zugeführt oder angetan wird, ohne sich wehren zu können. Das gibt ihm in meinen Augen Anspruch auf höchsten Schutz. Untrennbar hiervon ist die Verpflichtung, werdende Mütter zu schützen und zu unterstützen, gerade jene, denen es schwer fällt, sich mit ihrem Kind anzufreunden. Es ist mir klar, daß es oft keine schmerzfreie Lösung gibt. Meine Hochachtung gilt all jenen Frauen, die ungewollte, vielleicht gar gegen ihren ausdrücklichen Willen gezeugte Kinder tapfer austragen und nach der besten Möglichkeit für das Kind suchen. Mit Mitleid und Trauer und auch mit Zorn nehme ich wahr, daß immer wieder gegen die Kinder entschieden wird, oft übrigens keinesfalls von den Müttern, sondern von Hallodris, die imstande waren, ein Kind zu zeugen, und sich nun weigern, die Konsequenzen zu tragen, und lieber die Mutter emotional erpressen als das Kind bejahen.

Der Bauch der Mutter gehört der Mutter, das unterliegt keinem Zweifel. Aber der Bauch des Kindes gehört dem Kind und sonst niemandem.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Für Leben und Freiheit

  1. In den meisten hier angeführten Argumenten gehe ich mit Dir conform. Es gibt aber einige Punkte, wo ich anderer Meinung bin. Ich denke, daß, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine Frau, die sich gegen das Kind entscheidet, sich diese Entscheidung nicht leicht macht oder sie ihr aufgezwungen wird. Dieses Deutschland ist ja leider so ausgelegt, daß nur noch Produktivität und Funktionieren zählt. Es gibt für junge Familien so kaum noch Planbarkeit. Einer arbeitet in Saarbrücken, der andere hockt mit Kind in Stralsund – eine Konstellation, die so oder ähnlich nicht mehr unbedingt die Ausnahmen ist. Mobilität ist en vogue. Ist das dann Familie? Die wenigsten halten das aus. Auch bei mir ging das schief. Und so ist das einzige, was ich nun noch für mein Kind tun kann, alle 14Tage da zu sein und regelmäßig zu zahlen. Die erzreaktionäre Argumentationslinie der feinen Herrschaften von der CSU ist so verlogen wie der ganze Verein. Die versuchen auf Deibelkommraus die „Herdprämie“ durch den Bundestag zu prügeln. Das FamilienBild, das die predigen ist sowas vomn hinterm Mond, daß ich annehmen muß, die Stoibers und Seehofers dieser Welt haben den Urknall nicht gehört. Hier im NordOsten gehen Leute mit irgendwas um die 800 Euro im Monat nach Hause, wenn sie denn Arbeit haben – und das werden dank pestilenzartig sich ausbreitender Leiharbeit immer mehr. Da ist es die schiere Not, die die Entscheidung beeinflußt. Will sagen es wird offiziell um das Ungeborene mit großem Wortgeklingel „gekämpft“ und wenn es dann auf der Welt ist, schert sich kein Aas mehr drum. Und wo ich grade bei „verlogen“ bin, kriegt der alte Papst Joahannes Paul auch gleich noch einen mit: Der hat die Beratungstätigkeit von „Donum Vitae“ 1999 verboten weil nur ca. ein Drittel der Frauen sich nach der Beratung FÜR das Kind entschieden hat. Da schmeißt der große Chef den an der Basis mit bestem Wissen und Gewissen Arbeitenden Knüppel zwischen die Beine. Ich bin davon überzeugt, daß es keiner Frau leichtfällt, ihr Ungeborenes abtreiben zu lassen(zumindest in den meisten Fällen) und viele werden zeitlebens daran seelisch leiden. Steht es uns an, über Frauen den Stab zu brechen, die nach erlittener Vergewaltigung zu dem in ihnen heranwachsenden kleinen Menschlein keine liebevolle Verbindung aufbauen können?
    Das Thema ist so facettenreich, daß man weder sie eine noch die andere Seite verdammen kann. Es läuft mittlerweile so Vieles wider die Natur und es braucht neue Wege, die alles wieder einigermaßen in Einklang bringen. Und das werden lange Wege sein, so pervertiert diese Gesellschaft geworden ist, die sich nur um grenzenloses Wachstum schert – nach uns die Sintflut – die auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgelegt, sich einen Dreck um die Kreatur kümmert, die derweil ver-kümmert. Ich wünschte, ich wüßte da einen Weg, der für alle gehbar ist. Ich selbst bin auf einem Weg, der mich zumindest gelassener werden läßt, mich ein Stückweit aus dem WachstumsZwang raustreten läßt.
    Ganz liebe Grüße vom ollen Wolfgang aus der schönsten Hansestadt am Ryck

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Danke, Wolfgang, für diesen ausführlichen Kommentar.
    Mir ist klar, daß es mit dem „Schutz, bis das Kind geboren ist“ wahrlich nicht getan ist. Mir ist auch klar, daß die Entscheidung, ein Kind abtreiben zu lassen, von den meisten so entscheidenden Frauen keineswegs leichten Herzens gefällt wird. Wo es um so schreckliche Dinge wie Vergewaltigung, womöglich Inzest, womöglich minderjährige Schwangere geht, gibt es im Grunde nur schmerzhafte und schwere Lösungen. Aber ein Kind kann ja nichts für den miserablen Charakter seines Vaters! Das sollte man dabei immer bedenken.
    Die derzeitige Politik belohnt Reiche und zwingt weniger Wohlhabende zur Annahme familienfeindlicher Arbeitsverhältnisse. Zum Schutz der Kinder muß hier noch sehr viel geändert werden – und vor vielem stehe ich recht hilf- und machtlos und kann nur sagen, ich wünschte, es wäre anders (was keinem Kind, keiner Mutter und keinem Vater nützt). Trotzdem werbe und hoffe ich um den unbedingten Schutz der Kinder.
    Dir und Deinem Kind wünsche ich von Herzen, daß Ihr einander nicht fremd werdet und daß sich ein Weg aus dieser unmenschlichen Situation finden läßt.

  3. Herzlich willkommen!
    Soeben in die Liste katholischer Blogger eingebaut:

    http://www.bloggerliste.blogspot.de

  4. Pingback: Straffrei, illegal und fürchterlich | Mein Leben als Rezitatorin und Verlegerin

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