Lamm und Wolf im Iran

Gestern habe ich kurz über (und auch an) Youcef Nadarkhani geschrieben, und heute habe ich leider schlechte Nachrichten gefunden. Am 8. September soll eine neue Verhandlung gegen Nadarkhani beginnen, diesmal mit dem Vorwurf krimineller Handlungen gegen die nationale Sicherheit. Das ist zugleich traurig, gefährlich, empörend und sehr lächerlich – auch wenn mir das Lachen vergeht.

Im Oktober 2011, als sich abzeichnete, daß Apostasie als Grund für ein Todesurteil international nicht so gut angesehen ist, versuchten die iranischen Behörden, Nadarkhani als Vergewaltiger hinzustellen. Der Vorwurf konnte trotz aller Mühe, das Recht zu beugen und zu brechen, nicht bewiesen werden. Nun wird der Joker aller Diktaturen aus dem Ärmel gezogen, die Bedrohung der nationalen Sicherheit – ein beliebter Vorwurf gegen friedliche und anständige Menschen, da Friedfertigkeit und Anstand in der Tat für Diktaturen äußerst bedrohlich sind.

Die wildgewordene iranische Unrechtsprechung erinnert mich an eine Fabel, die Phädrus vor zwei Jahrtausenden schrieb:

Wolf und Lamm waren einst zum selben Flusse gekommen,
Da der Durst sie trieb. Es stand der Wolf weiter oben,
Tief darunter das Lamm. Von seiner Freßgier getrieben,
Suchte der Räuber zum Hader einen Anlass und sagte:
„Warum hast du das Wasser aufgewühlt, das ich trinke?“
Ängstlich erwidert das Wolltier: „Ich bitte dich, wie kann ich machen,
Wolf, was du da beklagst? Von dir zu mir fließt das Wasser.“
Von der Kraft der Wahrheit war jener nun überwältigt,
Sprach: „Sechs Monde ists her, da hast du mich verleumdet.“
Wiederum sprach das Lamm: „Da war ich noch nicht geboren.“
„Ja verdammt, dann hat dein Vater mich verleumdet!“
Damit ergriff und zerriss er das Lamm in unrechtem Morden.
Diese Geschichte wurde für jene Menschen geschrieben,
Die mit erdachten Gründen Schuldlose unterdrücken.

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

Ich kann nur weiter hoffen und beten, daß am Ende doch die Gerechtigkeit siegt.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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2 Antworten zu Lamm und Wolf im Iran

  1. Wolfram schreibt:

    Die Fabel ist, glaube ich, von Aesop und in der Folge von Luther tradiert worden; jedenfalls hat auch La Fontaine sie aufgegriffen.

    Die ACAT – gewissermaßen eine ökumenisch-christliche Variante von amnesty – hat in ihren Adventsbriefen auf pasteur Youcef aufmerksam gemacht und betet weiter für ihn.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Ja, das stimmt, Aesop war der erste, der sie aufgeschrieben hat (ob er sie erfunden hat oder vorhandenes Volksgut niedergeschrieben, weiß ich allerdings nicht).
    Für Nadarkhani machen sich zur Zeit sehr viele Leute stark. In Brasilien gab es anläßlich eines iranischen Staatsbesuchs eine Solidaritätskundgebung vor dem Hotel, in dem Ahmadinedschad untergebracht war. – Dank für den Hinweis auf ACAT.

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