Nadeltäschchen

Als meine Eltern jung waren, nähte meine Mutter für meinen Vater ein Nadeltäschchen. Mein Vater war beruflich öfter auf Reisen, und sie fand, er müsse etwas haben, falls ein Knopf ab- oder ein Hemd einreißt.
Mein Vater hat sich über das Geschenk und über die Liebe, mit der es gemacht worden war, gefreut – aber er hat es nie benutzt. Nicht weil er keine Knöpfe annähen konnte, sondern weil ihm tausend Dinge wichtiger waren als fehlende Knöpfe.
Einige Zeit vor ihrem Tod gab meine Mutter mir das Nadeltäschchen. Heute habe ich eine morsch gewordene Naht ausgebessert. Auf meinem Urlaub wird es mich begleiten – ein hübsches, praktisches, altmodisches Ding mit der Erinnerung an zwei wunderbare Menschen.


Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Nadeltäschchen

  1. aebby schreibt:

    Eine schönes Erinnerungsstück und zugleich eine Mahnung wider den Zeitgeist. Kaum jemand nimmt sich heute die Zeit etwas zu reparieren. Selbstgemachte Dinge, die Jahrzehnte überdauern, sind zur Rarität geworden.

  2. Aurélie Sterntau schreibt:

    Sehr fein, Claudia.
    Ich mag es, wenn jemand an solchen alten Schätzchen hängt und ihnen noch ein Zuhause gibt.

    Heute ist vieles auf Verschleiß hergestellt, ich glaube, es wird sich kaum etwas finden, was in hundert Jahren noch von jemandem genutzt werden möchte. Schade eigentlich.

  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Zu diesem Thema habe ich ja schon vor längerer Zeit geschrieben. Ich bin einfach froh, wenn ich die Möglichkeit bekomme, etwas auf diese Weise zu erhalten.

  4. piri ulbrich schreibt:

    Ist das Leder?

    Vermutlich ist das Nähtäschchen um einiges älter, als das, was ich von meiner kleinen Schwester geschenkt bekommen habe. Sie hat es vor fast vierzig Jahren im Handarbeitsunterricht genäht und mir zu Weihnachten geschenkt. Ich halte es in Ehren, so wie du dieses schöne in bester Errinnerung behalten wirst.

  5. isa schreibt:

    Solche Dinge gibt es auch noch von meiner Mutter. Ein Etui wurde etwa 1940 gefertigt. Ich hätte nie gedacht, dass mir das einmal eine Erinnerung an sie werden könnte. Bis vor einiger Zeit hatte ich sogar ein Nadelstoffheft aus meiner Großmutter Schulzeit. Das war abartig akurat genäht und beschriftet. Auch wir mussten in der Schule in Handarbeit Nadeltäschchen und Etuis nähen. Zum Glück nicht in der Perfektion.

  6. Patricia schreibt:

    Ich hab ein ähnliches aus grünem Uniformstoff, das hatte mein Vater als Soldat in der Tasche.

  7. Claudia Sperlich schreibt:

    Man könnte direkt mal eine Ausstellung machen mit ererbten Nadeltäschchen und dergleichen. Vielleicht hat ja jemand Lust, seine Schätzchen im Netz zu veröffentlichen.

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