Entwicklung und Lebensrecht

Ein Hauptargument derer, die ein Recht auf Abtreibung fordern oder behaupten, ist, daß eine befruchtete Eizelle oder ein Embryo eben „noch kein Mensch“ ist.

Bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle werden alle genetischen Informationen übermittelt. Im Augenblick der Befruchtung – lange bevor eine medizinische Untersuchung etwas erkennen kann – stehen nicht nur Geschlecht und Aussehen fest, sondern auch verschiedene Merkmale der Konstitution und vermutlich auch eine Grundrichtung der Begabung. Dies alles kann zwar noch während der Schwangerschaft beeinträchtigt werden – durch Krankheit, Unfall, Drogen, Hunger usw. – ist aber als Grundausstattung vorhanden.

Damit unterscheidet sich das embryonale und fötale Leben nicht grundsätzlich vom geborenen Menschen. Die Behauptung, die befruchtete Eizelle sei noch kein Mensch (zuweilen gar: noch kein Leben) ist aus biologischer Sicht schlichtweg unsinnig. Mit gleichem Recht könnte man behaupten, ein zweijähriges Kind – das ja alleine nicht überlebensfähig ist – sei „noch kein Mensch“.

Will man das Lebensrecht eines Menschen an ein bestimmtes Maß an Eigenständigkeit koppeln, muß dies Maß genau bestimmt werden. Hierfür gibt es nicht einmal Kriterien, geschweige denn einen Ansatz der Bestimmbarkeit. Soll man das Lebensrecht daran festmachen, wie lange ein Mensch auf sich allein gestellt in einer Kulturlandschaft überlebt? Oder, mit größerer Strenge, in einem Urwald? Oder daran, ob er aus eigenem Entschluß „Ich will leben“ sagen kann?
Wenn man irgendeine dieser Fragen bejaht, so bleibt am Ende ein unverbrüchliches Lebensrecht nur für körperlich und geistig einigermaßen gesunde Menschen von mindestens fünf Jahren.

Es ist den meisten Menschen klar, daß man sich geborener Menschen nicht einfach entledigen darf. Auch die Tötung nervender Kleinkinder und dementer Urgroßeltern wird, abgesehen von juristischen Folgen, allgemein nicht gern gesehen. Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Lebensrecht eines Ungeborenen (auch im frühesten Stadium) und dem eines geborenen Menschen kann logisch nicht begründet werden. Jeder Versuch einer solchen Begründung mündet endlich in die Minderung von Lebensrecht nach der Geburt, auch wenn diese logische Folge vielen, die sich für ein Recht auf Abtreibung aussprechen, nicht bewußt ist. Denn in dem Augenblick, wo das Lebensrecht eines Menschen wegen seiner Hilflosigkeit und Winzigkeit, wegen seiner vollständigen Abhängigkeit in Frage gestellt wird, ist bereits der logische Schritt vollzogen, Kleine, Schwache, Hilflose, Häßliche jeden Alters geringer zu achten als Große, Starke, Selbständige, Schöne.

Das bedeutet keineswegs, daß jeder Befürworter eines Rechtes auf Abtreibung auch die nachgeburtliche Abschaffung von schwierigen Menschen für eine moralisch vertretbare Möglichkeit hält. Aber eine Banalisierung des Tatbestandes führt langsam zu immer größerer Akzeptanz desselben. In der modernen Philosophie wird teilweise das Lebensrecht ganz grundsätzlich in Frage gestellt – und die entsprechenden Gedankenwelten breiten sich aus.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Entwicklung und Lebensrecht

  1. Gerd schreibt:

    Folgt man der Logik eines Herrn Singer, dann sind schlafenden Menschen, immerhin so ungefähr die Hälfte auf diesem Planeten, zum Abschuss frei gegeben. Kann denn ein schlafender Mensch, seinen Willen zu leben Ausdruck verleihen? Wohl kaum. Dann dürfen Kleine, Schwache oder Hässliche kein Auge mehr schliessen. Oder Anästhesisten stellen die lebenserhaltenden Geräte bei der OP ab, weil der Chefarzt feststellt, dass der Patient keinen Widerspruch gegen die Organentnahme artikulieren kann, weil er nicht über sein Bewusstsein verfügt.
    Danke, dass du das Thema Lebensrecht und Abtreibung immer wieder aufgreifst.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Zu dem Problem des schlafenden oder auch bewußtlosen Menschen äußern sich Giubilini und andere Sonderlinge zwar durchaus so, daß man sie nicht abschaffen darf, weil die Aussicht auf künftige Willensbekundung sehr wahrscheinlich ist.
      Aber zugleich wird die künftige Willensbekundung eines Embryos völlig außer Acht gelassen. Außerdem bedeutet das, einen Menschen, dessen Behinderung eine deutliche Willenserklärung nicht erlaubt, ebenso beseitigen zu dürfen wie einen Menschen, der wegen Depressionen den Willen zu sterben bekundet. (Ihm zu helfen, die Depression zu überwinden, wäre natürlich schwieriger und teurer!)

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