„Deutsche und Juden“

Ich höre oder lese mindestens einmal wöchentlich diese Formulierung, in der Regel entweder als Aufruf, Deutsche und Juden mögen einander akzeptieren, oder in einer Bemerkung über deutsche und jüdische Opfer der Nazizeit.

Die Formulierung zeugt von einem vollständigen Mangel an Logik und Wissen. Nein, das kann ich nicht netter sagen.

Deutsch bezeichnet 1. die Landessprache dreier Staaten, 2. die Zugehörigkeit zum Staat Deutschland, 3. im weitesten Sinne die auf den deutschen Sprachgebieten heimisch gewordenen Kulturen. Deutsch ist keine Religion. Die Deutschen bezeichnet in der Regel die Bürger Deutschlands.
Jüdisch bezeichnet 1. die Zugehörigkeit zu einer Religion, 2. die Zugehörigkeit zu einer Ethnie. Die zweite Bedeutung wurde von den Nazis forciert; die strikte Einteilung der Menschheit in Ethnien ist grober Unfug. Die Juden bezeichnet je nach Couleur des Sprechers die Angehörigen einer Religion (dann ist der Dialog mit dem Sprecher vielleicht sinnvoll) oder die Angehörigen einer Ethnie (dann ist er das bestimmt nicht).

Die Formulierung Deutsche und Juden stellt zwei verschiedene Kategorien einander gegenüber. Wenn ich für beide Wörter Oberbegriffe verwende, wird das deutlich: Bürger des Landes X und Anhänger der Religion Y kann man sinnvollerweise nur dann einander gegenüberstellen, wenn man jedem Anhänger der Religion Y die staatsbürgerlichen Rechte im Land X entzieht. Die Gegenüberstellung Angehöriger des Kulturkreises X und Angehöriger der Ethnie Y ist auch nicht besser.

Leider finde ich zu dem folgenden Zitat keine genaue Quelle, aber hier gilt: Wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden.

Wenn ich mit meiner Relativitätstheorie recht behalte, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher, und die Franzosen, ich sei Weltbürger. Erweist sich meine Theorie als falsch, werden die Franzosen sagen, ich sei Deutscher und die Deutschen, ich sei Jude.

Albert Einstein

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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7 Antworten zu „Deutsche und Juden“

  1. synchronuniversum schreibt:

    So ging es mir gestern in einem eigentlich sehr schönen Beitrag über die neuen Wege des Religionsunterrichts in NRW. „Deutsche und Muslime“

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Stimmt, das hört man auch öfter mal.
      Seltsamerweise hört man nicht die Formulierungen „Deutsche und Christen“ oder „Deutsche und Agnostiker / Atheisten / Religionslose“. Als ob die Unlogik bei einigen Gruppen einleuchtet, bei anderen nicht.

  2. Miss Glück schreibt:

    Ja – Begrifflichkeiten. Ich habe gestern im Spiegel den Artikel ‚Schlaflos in Karlsruhe‘ gelesen. Thema: Zschäpe und Helfer der Neonazi-Mörder. Dabei war fortwährend die Rede von ‚Migranten‘, als es um die Opfer ging. Sie sind in erster Linie (Mit-)Menschen, dann Männer, dann ggf. Türken und ganz zuletzt – und das auch nur aus der Perspektive ihrer Herkunftsländer – Migranten. Ab einem Alter von 60 werde ich Leserbriefe schreiben. Zuvor begnüge ich mich damit, mich ’nur‘ aufzuregen. Oder vielleicht schreib ich dem Spiegel-Heini doch noch, dass er wenigstens von Immigranten schreiben sollte.

  3. Elke(MainZauber) schreibt:

    Eigentlich wollte ich ja keine Kommentare mehr schreiben, aber ich mach hier mal ’ne Ausnahme. Dein Artikel ist interessant. Ich habe mir gerade überlegt, was wohl passieren würde, wenn man statt von Deutschen grundsätzlich von Christen reden würde. Geht doch gar nicht. Erstens sind Christen nicht Christen sondern Katholiken oder Protestanten oder was weiß ich noch alles und Viele sind sowieso gar nichts. Wir sind eine multi-kulti und multi-religions Gesellschaft, auch wenn das manchem nicht passt. Aber Juden sind immer Juden, egal wo sie leben – seltsam! – So, dann ab sofort keine Kommentare mehr (siehe mein Blog), aber ich werde hier natürlich gerne weiterhin lesen.
    Lieben Gruß
    Elke

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Es wird zwar gerne so getan, als sei das Judentum vollständig homogen – aber davon kann keine Rede sein. Natürlich sind Juden immer Juden – ebenso wie Christen immer Christen sind und Moslems immer Moslems. Mathematisch ausgedrückt, heißt das: a=a. Das stimmt immer.
      Es gibt in allen Religionen, auch im Judentum, verschiedene Strömungen, die verschiedene Aspekte der Religion in den Vordergrund rücken und die grundlegenden Schriften verschieden interpretieren.
      Es wird auch gerne so getan, als haben Katholiken eine wesentlich andere Religion als Protestanten – was nicht einmal ein bißchen stimmt.
      Würde man „statt von Deutschen grundsätzlich von Christen reden“, wäre das ein doppelter logischer Fehler. Erstens behauptet man damit, daß alle Deutschen, die sich nicht zum Christentum bekennen, keine richtigen Deutschen sind. Zweitens behauptet man damit, daß alle Menschen, die sich zum Christentum bekennen, Deutsche sind. Beides ist offensichtlicher Quatsch.

  4. Wolfram schreibt:

    Stimmt – aber: Cum grano salis.
    Denn das Judentum sieht sich auch als Ethnie. Judentum, je orthodoxer um so mehr, definiert sich als die Abstammung von Abraham, die Zugehörigkeit zum „erwählten Volk“, was sich im Hebräischen auch gern durch die Wahl eines besonderen Begriffs ausdrückt (in manchen modernen französischen Übersetzungen wird das durch die Unterscheidung zwischen „Volk“ und „Nation“ ausgedrückt, was den Nationbegriff ziemlich überstrapaziert; meine Lehrer sprachen vom „Volk“ einerseits und den „Fremdvölkern“ andererseits, was es besser trifft, aber „goj“ wird in der Genesis auch für die Nachkommenschaft Abrahams verwendet. Paulus dürfte jubiliert haben… Ende des Exkurses.).
    Der Ethniebegriff ist natürlich auch modern und übergestülpt, aber vielleicht passender (oder doch nur political-correctness-gebotener?) als der Begriff von „Volk“ oder „Nation“.
    Und damit ist, zumindest partiell, die Gegenüberstellung „der Deutschen“ (zumindest soweit sie nicht Juden sind, was für 99% der Deutschen zutrifft) und „der Juden“ (die mehrheitlich auch nicht Deutsche sind) doch nicht so ganz falsch. Seit der Shoah gibt es innerhalb des Judentums ja auch die Diskussion, ob Juden überhaupt in Deutschland leben können, ob jüdisches Leben und deutsche Kultur vereinbar sind, ob ein Jude deutscher Staatsbürger sein kann. Die Konfrontation von „deutsch“ und „jüdisch“ kommt insofern auch aus dem innerjüdischen Diskurs.

    Anführungszeichen haben hier nur den einen Sinn: spezielle Begriffe als solche zu kennzeichnen. Sie sollen keineswegs einen Begriff als fragwürdig bezeichnen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Zunächst mal, ertappt (was die Verwendung des Begriffs Ethnie angeht). Allerdings ist der Begriff Volk mir einfach zu vielschichtig und deshalb mißverständlich: er umfaßt die französischen Begriffe nation, ethnie, peuple, populace und ist mir zu erklärungsbedürftig.
      Ich stimme Dir durchaus zu, allerdings macht es die Vermischung von Kategorien nicht besser, wenn sie auch auf jüdischer Seite geschieht. Spätestens seit dem Buch Ruth sollten solche Formen der Unlogik ja überwunden sein.

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