Wehrhafte Blumen

Mit Hyoscyamin und Scopolamin wehrt sich die schöne Engelstrompete – und manch einer ist durch sie wohl schon eher in unmittelbare Nähe der Himmlischen Heerscharen gekommen, als er ahnte. Allerdings machen geringe Dosen lustig und gesprächig – vielleicht hat die gute Laune hinter dieser Gasthaustür nicht nur mit dem Essen und Trinken zu tun.

Die Rose lehnt chemische Waffen ab, sie weiß sich aber auch zu wehren. Und wer weiß – vielleicht läßt sie die Brennessel mit ihren zahlreichen Säuretanks als Leibgarde so nah bei sich wachsen.

Ferdinand Sauter
Versöhnung

Die Rose blüht, lau weht des Lenzes Hauch,
Der Falter schaukelt sich am Blütenstrauch;
Mit gleichem Rechte wuchert dort die Nessel —
Natur ist gütig, kennt nicht Wahl noch Fessel.

Es rauscht der Quell und mächtig wogt der Strom,
Das Kirchlein faßt die Andacht, wie der Dom;
Nur Menschen sind gelaunt, zu unterscheiden,
Und messen mit dem Zirkel Lust und Leiden.

Der Hügel wölbt sich sanft, es ragt der Berg,
Wie riesig auch, ist jener doch kein Zwerg,
Und um der Firnen Gipfel Stürme tosen,
Indeß am Hügel duften frische Rosen.

Die Jugend schwindet in der Jahre Flucht,
Zerstäubt die Blüte, bitter oft die Frucht,
Die Thräne fällt der Freude, der verlornen,
Doch tücht’ge Waffen sind des Herzens Dornen.

Des Lebens Inhalt: Prosa und Gedicht,
In tiefster Seele ruht das Gleichgewicht;
Wenn Gram und Jubel dich nicht unterjochen,
Dann mag dein Puls im vollen Tacte pochen.

Getrost; verzage nicht, der nächste Tag
Mag leuchten und bescheinen, was er mag;
Mit Seelenkraft verschwistert sich Gewöhnung,
Und siegend kränzt den Kämpfer die Versöhnung.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Wehrhafte Blumen

  1. stefanolix schreibt:

    Dazu passt übrigens auch der Liedtext »Sah ein Knab ein Röslein stehn« 😉

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Das ist eigentlich ein ziemlich brutales Lied, so schön es ist: Es beschreibt eine Vergewaltigung trotz heftiger Gegenwehr. „Und der wilde Knabe brach’s Röslein auf der Heiden; Röslein wehrte sich und stach, half ihm doch kein Weh und Ach, mußt es eben leiden.“

      • stefanolix schreibt:

        Zu dem Text gibt es unterschiedliche Auslegungen. Uns wurde in der Schule (im Alter von ca. zehn Jahren) als Moral vermittelt, dass die Jungen sich gefälligst rücksichtsvoller gegenüber den Mädchen verhalten sollen. Am Ende der Grundschulzeit (in der DDR: Unterstufe) waren wir wohl wirklich nicht ein Herz und eine Seele.

        Man kann das Lied auch wörtlich nehmen: Reiße und schneide in der Natur nicht in sinnloser Weise Pflanzen ab. Lasse sie dort wachsen, wo sie hingehören. Andere sollen sich auch daran erfreuen.

        Beide Schlussfolgerungen habe ich in der Schule kennengelernt. Wie auch immer: Wenn die Moral von der Geschicht schon von einem kleinen Jungen in der Grundschule verstanden wird und er sie sich bis Mitte 40 merkt, ist es doch ein gutes Lied?

      • Claudia Sperlich schreibt:

        An der Qualität des Liedes zweifle ich nicht! Und wahr, man kann es auf verschiedene Weise auslegen – und verstehen.

  2. stefanolix schreibt:

    Übrigens muss ich im Botanischen Garten mal genauer hinschauen: Da gibt es sehr viele wehrhafte Pflanzen.

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