Friedlich und von Krakeelern begleitet

Der Marsch für das Leben zählte etwa 2500 Teilnehmer – eher mehr als weniger. Die Gegendemonstranten machten zwar ziemlich viel Krach, waren aber eher albern als bedrohlich. Der oft gebrüllten Parole Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat stimme ich zu einem Drittel uneingeschränkt zu; auch ich finde Patriarchat eine durchaus schlechte Sache und sehe mit Besorgnis, wie männerzentriert Entscheidungen über Leben und Tod von Kindern getroffen werden. Hier wäre mehr Matriarchat durchaus wünschenswert.

Mein Versuch, mit Gegendemonstrantinnen ins Gespräch zu kommen, scheiterte an deren offenkundigem Unwillen zu jeder Art von Dialog. In Pro-Choice-Kreisen monologisiert man wohl lieber. Zum Glück war es mir möglich, die nervende, aber kaum mehr als hundertstimmige Begleitmusik lächelnd zu ertragen – bei einigen besonders peinlichen Parolenbrüllerinnen sogar laut lachend.
Zu Anfang gab es von den Organisatoren für meinen Geschmack zu viel seichte Musik und zu viel Motivationstrainer-Tonfall. Zu meinem Glück traf ich auf freundliche und humorvolle Leute, die mir zum Teil über das Internet schon bekannt waren, und die ganze Stimmung war trotz des grausigen Anlasses froh und hoffnungsvoll. Ein wunderbares Erlebnis war die friedliche Zusammenkunft so vieler verschiedener Leute – Konfessionen, die sich durchaus auch beharken können, waren hier stundenlang aufs Freundlichste vereint. In der Hedwigskathedrale fand zum Schluß ein ökumenischer Gottesdienst mit viel Gesang statt – und die riesige Kirche faßte nicht alle Besucher. Dank Lautsprechern konnten die Leute vor und hinter der Kathedrale mitfeiern.

Ich hoffe, daß die für die Pubertät doch eigentlich schon zu alten Krakeeler später, weitab von Gruppenzwang und Wirgefühl, doch noch ein wenig überlegen, welche Seite dieser Veranstaltung welche Inhalte vertreten hat. Nächstes Jahr werde ich hoffentlich wieder dabei sein – könnte es dann doch ein Dankgottesdienst sein, weil es keine Abtreibungen mehr gibt!

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Friedlich und von Krakeelern begleitet

  1. ichwesen schreibt:

    Sie waren also dabei – bewundernswert! Nächstes Jahr werde vielleicht auch ich mit dabei sein. Ich überlege noch. Es ist schwierig für mich hier klarzusehen, weil die Ganze Pro – Live Thematik – speziell das Thema Abtreibung letztlich hochemotional besetzt ist. Es hat lange gedauert, bis ich mich überhaupt innerlich bereiterklären konnte, mich mit dem Thema Abtreibung halbwegs unvoreingenommen auseinanderzusetzen. Dazu hat die Rhetorik vieler Abtreibungsgegner übrigens ihren Teil beigetragen. Vor allem die Frage ob Abtreibung Mord ist, lässt mich innerlich auch heute noch zusammenzucken, denn Mord setzt doch Arglist vorraus und ein volles Bewußtsein dessen was man tut. Würde ich einer Schwangeren Frau vorwerfen einen Mord begangen zu haben? Würde ich damit nicht die Verzweiflung, Verwirrung und Angst – ja auch dem Druck, den sie ausgesetzt sind, achtlos beiseitelassen? Und sind sich diese Frauen bewußt, dass es dabei um einen Menschen geht, und nicht um eine wild um sich teilende Eizelle? Manchmal denke ich, das es für viele v.a. ein visuelles Problem ist, dass also etwas das nicht wie ein Mensch aussieht, auch kein Mensch sein kann. Mit hinein spielt hier auch das Problem der immer weiter um sich greifenden Zweckethik, die davon ausgeht, dass eine Handlung nur dann schlecht ist, wenn sie ein schlechtes Ergebnis zutage fördert, und wenn mit einem embryonalen Menschen auch der Grund für Angst, und Unsicherheit verschwindet, ist das Ergebnis einer Abtreibung eben für Viele positiv zu bewerten. Für Viele – nicht für alle! Es gibt auch jene, für die eine Abtreibung etwas schlechtes darstellt, die aber dennoch so sehr in ihrer subjektiv empfundenen Ausweglosigkeit stecken, dass sie keine andere Wahl empfinden, als diesen Schritt dennoch einzuleiten. Wie soll soetwas bewertet werden? Soll ich es bewerten? Wenn ich sage, dass eine Abtreibung eine in sich schlechte Handlung ist, dann ist das natürlich eine Bewertung, aber macht das irgendetwas leichter? Wie auch immer, die Wege menschlichen Lebens sind so unterschiedlich, und das Geflecht menschlicher Handlungen und Motivationen ist oft so abgestuft und vielschichtig, dass mir eine Aussage wie : Abtreibung ist Mord, immer schon zu billig vorkam, zu einfach. Naja das sind so ein paar ungeordnete Gedanken zum Thema, die mir spontan durch den Kopf gingen. Ihr Artikel war sehr interessant, und nächstes Jahr bin ich vielleicht auch mit dabei. Gott zum Gruße.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Wohltuend fand ich, daß bei der ganzen Veranstaltung nicht ein böses Wort über Frauen fiel, die abgetrieben haben. Im Gegenteil wurden sie viel eher als Opfer gesehen. – Tötung (aus was für Motiven auch immer) ist es in jedem Fall – ein lebender Mensch wird zu Tode gebracht. Aber es geht beim Marsch für das Leben an keiner Stelle um Verurteilung – sondern nur um Hilfe für Kinder und Eltern und um Solidarität mit den Schwächsten.

  2. Gerd schreibt:

    @ichwesen

    >>Wenn ich sage, dass eine Abtreibung eine in sich schlechte Handlung ist, dann ist das natürlich eine Bewertung, aber macht das irgendetwas leichter?<>Wie auch immer, die Wege menschlichen Lebens sind so unterschiedlich, und das Geflecht menschlicher Handlungen und Motivationen ist oft so abgestuft und vielschichtig, dass mir eine Aussage wie : Abtreibung ist Mord, immer schon zu billig vorkam, zu einfach.<<

    Die Wege zur Sünde (und zum Guten) sind immer unterschiedlich und werden meist durch das Geflecht menschlicher Handlungen und Motivationen begleitet. Mann kann aber den Weg zur schlechten Tat und die Tat selbst nicht relativieren, weil Menschen nun mal eben so ticken.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Zur Definition von Mord gehört in der Tat das niedere Motiv und das genaue Wissen um die Verwerflichkeit der Tat. Ich glaube allerdings, daß bei Abtreibung sehr oft Ahnungslosigkeit über die Tatsachen des Lebens im Spiel ist (zwar „selbstverschuldete Unmündigkeit“, aber dennoch) und ebenfalls sehr oft Nötigung und Erpressung vom Vater des Kindes oder von Angehörigen der Mutter („Wenn du das nicht wegmachst, geh ich fort / zahl ich dir keinen Pfennig mehr / bist du eine dumme Pute“). Deshalb ziehe ich das juristisch neutrale Wort Tötung vor. Die Sache wird dadurch in meinen Augen nicht besser, aber die Frau wird auch nicht schlechter gemacht als sie ist.

      • alex schreibt:

        Liebe Claudia, ich denke auch, dass in den meisten Fällen die Vokabel Mord unangebracht ist. Ich kenne selbst zwei in meinem Bekanntenkreis, und ich finde nicht, dass die betroffenen Frauen es sich leicht gemacht habn. Auch wenn ich kein Fan bin von den ewigen Umständen, die jede Verantwortungslosigkeit rechtfertigen sollen- in den mir bekannten Fällen kann man schwerlich von völlig freien Entscheidungen sprechen. Da spielten tatsächlich die Umstände eine übermächtige Rolle, die Untauglichkeit und die Unwilligkeit der Väter (ein Umstand, der mich als Mann von zu eiligen Urteilen,abhalten sollte) ökonomische und soziale Zwangslagen eine Rolle. Die „Gegendemonstranten“ (sie sind doch eigentlich gar nicht gegen das Leben, auch sie sind Opfer einer ideologischen Pervertierung des Denkens) liegen gar nicht so falsch, wenn sie gegen Staat und Patriarchat aufbegehren (auch wenn man bei letzterem differenzieren sollte, gibt es sie eben: meine Geschlechtsgenossen, die sich verdrücken und meinen, das sei ein Problem der Frau). Denn in was für einem Staat leben wir eigentlich, wenn jede achte Schwangerschaft mit einer Kindstötung aus sozialen gründen endet- in einem der reichsten Länder der Welt?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      In der Tat: Das ist eine berechtigte Frage. Allerdings ist die von den Gegendemonstranten geforderte völlige Legalisierung von Kindstötung eben kein Mittel, zu dem der Staat sich nötigen lassen sollte. Es geht den Krakeelern laut ihren Schildern und Webseiten ständig um die Emanzipation der Frau – aber erst, wenn sie gebärfähig ist. Daß in Deutschland etwa die Hälfte, international weit mehr als die Hälfte der abgetriebenen Kinder weiblich ist, wird gar nicht wahrgenommen von diesen ach so Emanzipierten. (Wobei mir das Geschlecht eines getöteten Menschen wahrlich gleichgültig ist, aber wenn man so explizit von Frauenrechten und Selbstbestimmung redet, sollte man auch darüber mal nachdenken.)
      Natürlich ist es ein staatliches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Problem, daß viele Schwangere dermaßen alleingelassen werden. Hilfsmöglichkeiten werden auf dem Marsch für das Leben durchaus angesprochen.

      • alex schreibt:

        Natürlich nicht: die jetzige Lösung ist doch nur ein fauler Kompromiss- man konnte sich nicht dazu durchringen, Kindstötungen für sexualhygienische Normalität zu halten, man duldet sie nur. Lustige Vorgehensweise in einer Gesellschaft, in der „Dopelmoral“ ein allfälliger Vorwurf gegen die Kirche ist.
        Gesellschaftlich sehe ich da schwarz, ich kann die Debatte um die „Herdprämie“ nicht ignorieren. Da wurde doch zu deutlich, was Mutterschaft heute bedeutet: Karrierehindernis für die Frau und bei ihrer ökonomischen Verwertbarkeit im Weg, ein notwendiges Übel, das es mit pädagogischer Vollzeitbeglückung für den ökonomisch erforderlichen Nachwuchs zu mindern gilt. Dass sich in einem solchen Klima Frauen von der Frucht ihres Leibes entfremden ist ja kaum noch vorwerfbar. Insofern geht deine „Forderung“ nach einem mehr an Matriarchat in die richtige Richtung. Wir brauchen nicht weniger als einen Kulturwandel. Warum hört man nur von Frauenquoten, nicht von Mütterquoten? Wie lange soll ernsthaft in einer Gesellschaft ,die fortbestehen möchte, die Mutterschaft einer Frau bei ihrer Selbstverwirklichung im Wege stehen? Schön, dass sich wenigstens 3000 Leute finden, um zu zeigen, dass es bisher keine befriedigenden Aussagen auf diese Fragen bei uns gibt.

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