Und wenn es leidet?

In der Debatte um Recht und Abtreibung wird oft argumentiert, man dürfe (gar: man müsse) Kindern mit schwerer Behinderung Leid ersparen.
Selbst wenn man mit vollkommener Sicherheit und ganz ohne Fehlerquote sagen könnte, dies Embryo hat ein kurzes und qualvolles Leben zu erwarten (man kann es übrigens nicht!), bliebe eine solche Argumentation unzulässig.

Es ist selbstverständlich richtig, nach Kräften Leid zu ersparen, und so vielfältig wie die Formen von Leid sind die Wege zum Ersparen, Überwinden und Lindern. Aber das Leid ist nicht mit dem Leidenden identisch. Die Tötung kranker Kinder „erspart“ Menschen, nicht Leid.

Es ist mir klar, daß manche Kinder auch unter besten Umständen nur die Aussicht auf ein kurzes und schmerzvolles Leben haben. Aber zum einen ist es keinesfalls möglich, vor der Geburt zu erkennen, ob nicht doch ein wenig Lebenswillen und Fähigkeit zur Freude in dem kranken Menschenkind wohnt – oder sogar sehr viel davon. Zum anderen aber halte ich es für falsch, Liebe und Fürsorge nicht wenigstens zu versuchen (wobei es eine Tat der Liebe sein kann, das Kind in Obhut zu geben, wenn man selbst überfordert ist).

Ob ein Mensch Freude oder Zufriedenheit empfindet, ist für einen anderen Menschen kaum je zweifelsfrei erkennbar. Die Vernichtung eines Menschen vor der Geburt nimmt ihm jede Möglichkeit dazu. Übrigens gibt es zahlreiche Menschen mit schwerer Behinderung und großer Freude am Leben.

Ich werde heute am Marsch für das Leben teilnehmen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß hier und da ein Mensch durch diese Aktion zum Nachdenken über das Lebensrecht gebracht wird. Aber selbst wenn das nicht geschieht, ist es meiner Ansicht nach gut und wichtig, dem Leben Sympathie zu zeigen – und für den Schutz des Lebens zu sprechen, zu schweigen und zu beten.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Und wenn es leidet?

  1. piri ulbrich schreibt:

    Mich regt bei dem Aktionsplakat auf, dass wieder ein Vorzeigebehinderter schön positioniert ist. Downsyndrom-Menschen sind auch schon anders integriert, als mehrfachbehinderte Kinder in Schieberollstühlen und auch diese haben ein Recht zu leben und nicht am Rand stehen zu müssen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Auch mich nervt, daß hier Niedlichkeit als Argument benutzt wird. Denn ein Mensch hat auch dann ein uneingeschränktes Lebensrecht, wenn er kein bißchen niedlich und appetitlich ist, wenn er am laufenden Band sabbert und nervt und Mühe macht.

  2. Dorothea schreibt:

    Ichwesen von „Meine Sicht der Dinge“ hat dazu hier eine sehr berührende wahre Geschichte gepostet von einer Mutter die nach der Diagnose Schwere Behinderung ihr Baby dennoch annahm, es gebar und es liebte so lange das kleine Wesen lebte. Es geht immer um die Liebe, sie ist das wichtigste.
    http://ichwesen.blogspot.de/2012/09/eine-kleine-geschichte.html

  3. Pingback: Marsch für das Leben 2012 | katholon

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